„Hören wir, was er ihnen sagen wird!" flüsterte Catherine, indem sie auf den Nachbar wie».
„Ich kenne den Einen," sagte Bernadotte, „Er heißt Andoche Junot ... ein Burgunder ... ich habe ihn al» Freiwilligen im Bataillon von C6te d'Or gesehen."
„Der Zweite ist ein Aristokrat," sagte Lefebvre. „Er heißt Pierre de Marmont . . . ebenfalls ein Burgunder... von Chatillon . . ."
„Und der Dritte?" fragte Fauch«, dieser magere junge Mann mit dem olivefarbenen Teint und den tiefliegenden Augen ... mir scheint, ich habe ihn schon gesehen . . . aber wo?"
„Ohne Zweifel in meinem Laden," sagte Catherine etwa» erröthend. „Es ist ein Artillerieoffizier ... der seine Entlassung gegeben hat . . . er wartet auf eine Stelle . . . früher wohnte er in meiner Nähe, im Hotel des Patriotes, Rue Royale Saint-Roch."
„Also ein Corse?" fragte Fouchö. „Denn die logiren ja alle in diesem Hotel ... er hat einen drolligen Namen, Ihr Kunde . . . wartet einmal . . - Bern« . . . Buna, Bina . . . nei«, so nicht!" rief er, nach dem Namen suchend, der seinem Gedächtniß entschlüpft war.
„Bonaparte!" sprach Catherine.
„Ja, so ist's . . . Bonaparte. . . Timoläon, glaube ich?"
„Napolöon!" verbesserte Catherine, „ein sehr gelehrter Junge, der Allen imponirt, die ihn sehen."
„Er hat einen verflixten Namen, dieser Timol« . . . dieser Napoleon Bonaparte und ein trauriges Gestcht! Nun, wenn der einmal zu etwas kommt! Ein solcher Name taugt nicht!" brummte Fouchä und fügte hinzu: „Aufgepaßt, der Zauberer spricht mit ihnen! Was er ihnen wohl prophezeien kann?"
Die vier jungen Leute schwiegen und horchten auf, Catherine jedoch, durch die Gegenwart des Magiers beängstigt und ernst geworden, flüsterte Lefebvre ins OhrIch möchte, daß er Bonaparte viel Gutes prophezeit... der junge Mann verdient es wirklich ... er unterstützt feine vier Brüder und feine Schwestern . . . dabei ist er durchaus nicht reich. . . darum hab' ich ihm auch nie die Rechnung präsentiren können ... und doch schuldet er mir Wäschegeld!" fügte fie, als Geschäftsfrau etwas beängstigt, mit einem Seufzer hinzu.
Fortunatus jedoch, seinen spitzigen Hut baläncirend, las ernsthaft in der Hand, welche der von Bernadotte als Junot bezeichnete junge Mann ihm reichte.
„Du!" sagte er mit Grabesstimme, „Deine Carriöre wird schön und wohlersüllt sein ... Du wirst der Freund eines großen Mannes sein . . . wirst ihn in seinem Ruhm begleiten ... auf Deinem Haupte wird eine Herzogskrone ruhen ... Du wirst im Süden stegen . . ."
„Bravo! Du bist ein guter Tröster, mein Freund, denn jetzt stehe ich auf Halbsold! Aber sag' mir, nach so viel Glück, wie werde ich sterben?"
„Wahnsinnig!" sprach der Zauberer in düsterm Ton.
„Teufel der Anfang Deiner Prophezeiung war mehr werth als das Ende!" rief lachend der Zweite, der, den Bernadotte als Marmont bezeichnet hatte. „Und ich, prophezeist Du mir auch Wahnstnn?"
„Nein, Du wirst zum Unglück Deines Landes und zu Deiner Schande leben . . . nach einem ruhmvollen und ehrenreichen Leben wirst Du Deinen Herrn verlassen, Dein Vaterland verrathen, und Dein Nams wird gleich dem des Judas sein!"
y„Seine Prophezeiungen sind mir nicht sehr günstig," sagte Marmont, spöttisch lachend. „Und was willst Du unferm Kameraden verkünden?"
MMEr deutete auf den jungen Artillerieoffizier, für den Catherine sich interessirte.
Aber dieser sprach in kurzangebundenem Ton rasch seine
Handzurückziehend: „Ich will die Zukunft nicht kenne« lernen, . . . ich kenne sie!"
Dann wandte er sich zu seinen Freunden und zeigte ihnen über die Planken hinweg, welche den Vaux-Hall umgaben, den Himmel.
„Seht Ihr diesen Stern dort drüben?" sagte er mit vibrierender Stimme. „Nicht wahr — nein? Nun wohl, ich sehe ihn . . . es ist der meine!"
Der Zauberer hatte sich entfernt.
Catherine winkte ihm, er näherte sich ihrer Gruppe und zwei der Gardisten anblickend, sprach er: „Benützt Eure Jugend . . . Eure Tage sind gezählt I"
„Und wo werden wir sterben?" fragte einer dieser beiden jungen Leute, die sich unter den Helden befinden sollten, die am 10. August, von den Schweizern füsiliert fielen.
„Auf den Stufen eines Palastes!"
„Wie großartig!" rief Bernadotte. „Wirst Du mir auch ein tragisches Ende prophezeien ... mit einem Palast?"
„Nein- Dein Tod wird sanft sein ... Du wirst einen Thron einnehmen und nachdem Du Deine Fahne verleugnet und Deine Waffengefährten bekämpft haben wirst, wirst Du in einem fernen prächtigen Grabe, an einem eisigen Meere ruhen . . ."
„Wenn die Kameraden alles vorwegnehmen, was bleibt da mir übrig?" fragte Lefebvre.
„Du," sprach Fortunatus, „wirst die heirathen, die Du liebst, wirst eine prächtige Armee befehligen, und Dein Name wird stets Tapferkeit und Ehrenhaftigkeit bedeuten!"
„Und ich, Herr Zauberer?" fragte Catherine, vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben eingeschüchtert.
„Sie, Madamoiselle, werden die Frau desjenigen, den Sie lieben ... und Herzogin werden!"
„Dann muß ich ja auch Herzog werden . . . General genügt mir nicht!" rief Lefebvre lustig. „He Zauberer, beende Deine Prophezeiung — sag', daß ich Catherine heirathen werde, und daß wir zusammen Herzog und Herzogin sein werden l"
Aber Fortunatus entfernte sich mit langsamen Schritten, begleitet von dem Gelächter der jungen Leute und den aufmerksamen Blicken der Frauen. (Fortsetzung folgt.)
Mit einem „Blumengruß", einem reizenden Gedichtchen von Gustav Mischer beginnt die Frühlingsnummer der „ModeoUt« ÄUttft* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, ä Heft 60 Pfg.) und wie ein Blumengruß berührt das ganze Heft mit seinen prächtigen Holzschnitten und Farbendrucken, mit seinem ganzen stimmungsvollen Inhalt. Die Extranummern der „Modernen Kunst" sind lange erwartete und sorgfältig vorbereitete Festgaben des Verlages und der Redaetion an ihre Getreuen, glänzende Leistungsproben einer Reproduetionstechnik, die dazu bestimmt ist, die besten Erzeugnisse der Kunst zum Gemeingut aller Gebildeten zn machen. * *
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Musikalisches Hausfreund, Blätter für ausgewählte Salonmusik. Verlag von C. A. Koch (I. Sengbusch) in Leipzig. Pro Quartal 6 Nummern (ä 2*/a Bogen). Preis 1 Mark. Pflege der Hausmusik durch Darbietung sorgfältig ausgewählter, nicht allzu schwerer und neuer Compositionen, das ist die Aufgabe, die sich der so rasch zur Beliebtheit gelangte „Musikalische Hausfreund" gestellt und, wie das soeben abgeschlossene 1. Quartal bezeugt, auch gelöst hat. Den Geschmack des kunstsinnigen Publikums in Ton und Wort getroffen zu haben, ist in Anbetracht der vielgestaltigen Zusammensetzung des Abonnentenkreises kein geringes Verdienst, welche letzteres noch dadurch gesteigert wird, daß der „Musikalische Hausfreund" vielen Erstlingswerken junger und begabter Musiker den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt hat. Auch der Lesestoff, dem Verlangen nach Abwechslung huldigend, ist dazu angethan, allen herrschenden Geschmacksrichtungen gerecht zu werden. Eine Musterung des reichhaltigen Inhalts wird ihm die Gunst seiner Gönner auch ferner bewahren und dem lehr- und unterhaltungsreichen Blatte, das soeben seinen 8. Jahrgang begann, sicherlich neue Freunde werben.
HAerttou: A. Echehda. — Druck im» BtÄng der Briihk'fchen lb»»v«KtStS.B«ch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ich«.


