227
Mt daran gelegen wäre, daß das Mädchen gut versorgt ist! Ich sah ja, daß er zu ihrem Besten war, denn er ist em reicher Engländer, der einst noch zu großen Titeln kommt und der außerdem versprach, daß Cora Alles haben sollt^ was sie irgendwie brauchte und ich hoffe, daß er schließlich eine Lady aus ihr macht, denn er schien sehr entzückt.von ihr zu sein- und er sprach ste allein, daß kein Zweifel über ihre Wünsche sein konnte, und ich sagte ihr, daß sie die Wahl habe, ob sie gehen oder bleiben wolle. Und das Ende davon war, daß sie vorzog, zu gehen, und ich wollte ihr nicht im Lichte stehen' besonders da sich ihr hier kaum ein ähnliches Glück bieten wird- Hier bei uns ist Niemand, der für sie paßt und in drei Jahren ist sie heirathssähig .... das vergißt Du,
Er hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt und ließ sie erst eine Minute, nachdem seine Mutter zu reden aufgehört hatte, wieder sinken. , „, ,
s Als er wieder aufsah, lag ein schmerzlicher, kummervoller Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Mutter," sagte er, „Du weißt nicht, was für Unheil Du angerichtet hast. Ich sage Dir, ich erinnere mich Alles — viel, ach, viel zu viel für meine Ruhe, mein Gluck, Muttes der Kopf fchwindelt mir unter diesem Schlag. Ich . . - ich liebte Cora wie mein eigen Herzblut, sie war mir Schwester, Geliebte, Kind, der Abgott und Sonnenschein meines Daseins, und Du ... Du kannst davon sprechen, daß es „das Beste sei, sie ganz zu vergeffen? Mutter, Du hast Unrecht gethan, Du hast, wenn nicht meinem Leben und Verstand, so doch m.inem Frieden einen Todesstoß versetzt."
„Still, still, mein Sohnl Du vergißt, daß Adele Dir geblieben ist. Sie eignet sich viel beffer zu Deiner Frau, entgegnete Frau Falkner. „Sie gehört in Deine Verwandtschaft und hat eine kleine Ausstattung nebst einigem Vermögen, das dazu hilft, daß Du nicht mehr so angestrengt zu arbeiten brauchst wie bisher und mit deren Hilfe Du Dir später em behagliches Heim schaffen kannst. Also sei vernünftig, Rüpers und wäre es nur um Deiner alten Mutter willen, die Dich aufgezogen hat und ihres einzigen Kindes wegen keine Mühe und keine Entbehrungen gescheut hat," setzte sie klagend hinzu-
Der junge Mann schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Mutter, es ist eitel Thorheit!" rief er aus. „Hast Du immer so gedacht oder hast Du Deine eigene Jugend vergeffen, daß Du meinst, man könne mit der Liebe so rasch wechseln, wie ich mein Schiff oder Du Deine Wohnung wechselst? Ich sage Dir, ich liebe Adele nicht, ich kann sie nie lieben und . . ."
„Still, still!" flüsterte Frau Falkner, als bas Rauschen eines Kleides das Nahen ihrer Nichte verkündete.
Im nächsten Augenblicke erschien dieselbe in der Thür.
Frau Falkner sah sie ängstlich forschend an, ob sie wohl etwa» von den schrecklichen Worten gehört habe, aber wenn das der Fall, so verriethen Abelen» ruhige Züge doch nicht die geringste Bewegung.
Die Hellen, munteren Augen, da» Lächeln, das die Lippen trennte, um ihre perlenweißen Zähne zu zeigen, der rasche Schritt, der so gut zu ihrer schlanken Figur paßte — Alle» das sprach von lebhafter Freude.
„Lieber Rupert, das ist ja herrlich!" sagte sie mit ihrer klaren Stimme. „O, wie still war es bei uns, so lange Du fort warst! Wie gern würde ich Deinen unstäten Blick mit meinen Spitzenketten feffeln, wenn sie stark genug wären," setzte sie mit einem munteren Blick auf die große Menge schöner Spitzen hinzu, die in wirrem Durcheinander auf einem Stuhle lagen. „Aber ach, es fehlt ihnen die Kraft dazu."
„Ich fürchte fast, Adele," sagte er und küßte sie nach Landessttte leicht auf jede Wange. „Und ich wäre auch so zarter Feffeln unwürdig . . . auch wenn sie einen so rauhen Gefangenen zu halten vermöchten. Schade," fuhr er bitter fort, „daß Du ste nicht an einem schöneren und jüngeren Wanderer versuchtest."
„O, Du meinst Cora!" versetzte das Mädchen mit einem vielsagenden Achselzucken. „Ich versichere Dir, ich wäre ganz
machtlos gewesen, ste zurückzuhalten, wo es eine so große Anziehungskraft gab. Aber um Deinetwillen, lieber Rupert, thut es mir leid," fuhr sie fort, als Frau Falkner sich leise aus dem Zimmer in die anstoßende Küche schlich. „Es ist ein Schmerz für Dich, darum auch für mich," hauchte sie sanft.
„Nur deshalb? So liebst — so betrauerst Du sie nicht, Adele?" fragte er streng.
Sie blieb stumm und senkte ihr glänzendes Auge vor seinem durchdringenden, erzürnten Blick zu Boden.
„Nun, Adele, nicht mir steht es zu, Dich deshalb zu tadeln, wenn es so wäre," fuhr er fort, „doch werde ich mehr von der Wahrheit erfahren."
„Lieber, lieber Rupert, was soll ich sagen?" stammelte sie. „Was könnte ich dafür, wenn ich ste nicht liebte! Sie war stolz und spöttisch mir gegenüber, daß ich es nur um meiner Tante und Deinetwillen ertragen konnte. Aber jetzt hat sie meine tiefsten Gefühle beleidigt. Und ich bin Deinet- wegen, Rupert, entrüstet über sie," fuhr sie kühner fort.
„Sie muß in Versuchung, in große Versuchung geführt worden sein, sonst hätte sie nimmermehr nachgegebeu," sprach er bitter. „Adele, bedenke nur, wie jung sie ist! Du bist erwachsen, sie aber ist noch ein Kind. Und dieser Schurke wird sie mit glänzenden Versprechungen und schmeichlerischen Reden bethört haben. Aber er soll dafür bestraft werden und wenn es mein eigen Herzblut kostete! Eine solche Schurkerei
muß ihre Rache finden!"
Adeles Stirn zog sich zusammen, als werde sie bei diesen Worten von einem krampfhaften Schmerz erfaßt. Gern hätte sie dem heftigen Zorn freien Lauf gelaffen, den jede Silbe von ihm noch steigerte.
Sie mit ihrer jüngeren Rivalin zu vergleichen, während sie doch selbst noch ein junges Mädchen war! Ihr eines ab- wesenden Findlings wegen, dessen Undankbarkeit gegen ihren Wohlthäter Ruperts Liebe und Sehnsucht nur zu verstärken schien, Vorwürfe zu machen!
All' das verschloß Adele in ihrem Herzen, um sich in nicht gar ferner Zeit an dem unschuldigen Gegenstand ihrer Entrüstung dafür zu rächen. (Fortsetzung folgt.)
Madame Sans Gone.
Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger.
(Fortsetzung.)
In diesem Augenblick glitt eine bekannte Persönlichkeit, j mit einem spitzen Hut und einem langen, schwarzen, mit l silbernen Sternen, blauen Halbmonden und hochrothen Co- meten besetzten Gewände mit geisterhaften Schritten zwischen den Tischen hindurch.
„Seht mal, das ist Fortunatus," rief Bernadotte, „der Zauberer! Wer will sich wahrsagen lassen?"
Damals hatte jeder Ball seinen Zauberer oder seine Kartenlegerin, die für fünf Sous die Zukunft weissagten oder die Vergangenheit enthüllten.
Während dieses großen Umsturzes in einer Epoche gleich der am Vorabend de» 10. August, wo eine ganze Gesellschaft verschwand, um einer neuen Welt Platz zu machen in einem Decorationswechsel, der an den von Feenmärchen erinnerte, herrschte überall der Glaube an das Wunderbare. Cagliostro mit seiner Karaffe, Mesmer mit seinem Stäbchen hatten viele Köpfe der Aristokratie beunruhigt, die Volksgläubigkeit begnügte sich mit Straßenpropheten und Schänkenastrologen.
Catherine hatte Lust, ihr Schicksal kennen zu lernen.
Es schien ihr, daß die Begegnung mit dem schönen Sergeanten ihr Leben ändern würde. In dem Augenblick, al» sie Lefebvre bitten wollte, Fortunatu» zu rufen und für ste auszufragen, antwortete der Zauberer einer Gruppe von drei jungen Leuten, dis an einem benachbartem Tische ■ saßen.


