226
Anspruch auf meine Meinung," sagte er. „Seit dem Tode meiner guten Frau hast Du Mutterstelle an ihr vertreten. Du bist nur zu. nachsichtig gegen sie gewesen und ich habe, wenn auch vielleicht aus einem anderen Grunde, diese Schwäche gutgeheißen."
„Ich verstehe Dich in der That nicht, Bruder," sprach Lady Emily stolz.
„Wohl möglich! Doch ist er Zeit, daß wir anfangen, einander zu verstehen, und wäre es nur um Nettas willen," erwiderte Faro ruhig. „Emily, Du wenigstens mußt Dich der Vergangenheit erinnern. Du mußt die eine große Sorge kennen, die ich nie vergesse."
Lady Emily richtete sich mit kalter Würde straff auf.
„Wirklich, Benjamin! Ich sollte meinen, daß diese Erinnerungen nicht sehr erbaulich sind, wenn ich Deine geheimniß- vollen Anspielungen recht verstehe. Vielleicht aber bin ich im Jrrthum und Du hast die Güte, mich aufzuklären."
„Emily, das ist Täuschung oder Spott!" entgegnete Lord Benjamin Faro ernst. „Doch ist es unrecht von mir, zu klagen, wo doch die Schuld mein war und Du nur bemüht gewesen bist, für die Folgen zu büßen. Du hast vielleicht aus demselben Grund wie ich Nachsicht mit Nettas Eigensinn gehabt."
„Nun, was hat das damit zu thun, daß Du diese junge Person hier in’s Haus bringst?" fragte Lady Emily nach kurzer Pause.
„Erinnerungen an die Vergangenheit stiegen plötzlich wieder in mir auf," entgegnete er gedankenvoll. „Ein unbestimmtes Etwas in der Miene, in dem Ausdruck dieses jungen Mädchens — ich weiß nicht, was — brachte Ida Merriks Bild lebhaft vor meine Seele. Es war nur meine Phantasie, denn es besteht keine Aehnlichkeit zwischen ihnen. Aber ich wollte Dir erklären, weshalb ich es für gut halte, daß Netta eine Gefährtin habe, die ihr lehrt, daß sie nicht geboren ist, sich verehren und verhätscheln zu taffen, sondern, daß Andere schöner und begabter sind, als sie. Netta ist auch noch beklagenswerth unwissend. Coras Gesellschaft wird sie zu mehr Geduld und Fleiß anspornen. Auch im Deutschen wird sie nun gezwungen sein, Fortschritte zu machen. Habe ich nicht recht, Emily?" setzte er halb bittend hinzu.
„Gewiß muß Dir gehorcht werden," erwiderte die Schwester kühl. „Und ich kann nur wünschen, daß Du diesen extravaganten Schritt nicht einst bereust. Darf ich fragen, wer das Mädchen eigentlich ist?"
„Eine Waise — das genüge Dir!" war die kurze Antwort.
„Natürlich weisest Du sie doch auf die Unterrichtsräume an," sagte die Dame stolz. „Insoweit, denke ich doch, gibst Du Netta den Vorrang. Ich für meinen Theil wenigstens lehne die Verantwortlichkeit ab, sie ohne bessere Information, als Du sie mir soeben gegeben hast, in die Gesellschaft einzuführen."
„Bei dem Alter der beiden Mädchen sind derartige Vorkehrungen verfrüht--" erwiderte er kühl. „Später werde ich genauer darüber entscheiden. Für jetzt, denke ich, lassen wir dies Thema ruhen. Du kennst jetzt meine Wünsche und wirst sie respectiren?"
Lady Emily verneigte sich kalt.
Sie wußte, daß ihr Bruder keinen Widerspruch litt, wenn er diesen strengen Ton annahm, aber das milderte nicht ihre eigene bittere Eifersucht und ihren Haß gegen die fremde Waise und sie war nicht minder entschlossen, daß, wenn es in der Macht einer Frau läge, Cora den Tag verwünschen sollte, an dem sie die Schwelle von Lord Benjamin Faros Haus überschritten hatte.
IV.
„Mutter, wo ist sie, wo ist Cora? Warum kommt sie nicht wie sonst, mich zu begrüßen?" frug nach mehreren Wochen ein heimkehrender Seemann.
Der Sprecher war ein Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren und für seine einfache Stellung im Leben von auffallend feinem Aeußern.
In seinen gebräunten Zügen lag nichts Gemeines. Viel
mehr ruhte auf diesem männlichen Gesicht eher ein aristokra- Usches Gepräge.
Rupert Falkner mit feinen großen, ehrlichen blauen Augen, seiner schönen Gestalt und de» freien, leichten Bewegungen hätte des besten Kritikers spotten können, der über seine Geburt oder Stellung hätte entscheiden sollen, obwohl die Gesichts- färbe, sowie der Gang Ruperts deutlich zeigten, wie viel er den Stürmen des Meeres ausgesetzt war.
Sein Gesicht und seine Gestalt mußten sich dem Gedächt- niß der jungen Mädchen einprägen.
Kein Wunder, daß Caro, der Findling, sie in ihrem tiefsten Herzen hegte und bewahrte. Kein Wunder, daß Adele Werners leidenschaftliche Natur entzückt von dem Verwandten war, den sie mit ihrem Vermögen und ihrem eigenen schönen Selbst beglücken konnte, wenn er nicht undankbar gegen so verschwenderische Gaben war.
Aber in dem Augenblick, wo er sprach, nachdem die erste Begrüßung vorüber war und er sich besorgt umsah nach dem Gesicht, das er am meisten liebte, nach dem verborgenen Feuer tiefer Zärtlichkeit, dachte er wenig an Adele noch an die Mutter, der er doch ein pflichtgetreuer, liebender Sohn war.
Frau Falkner schüttelte unbehaglich mit dem Kopfe und sagte dann: „Mein Sohn, Cora ist fort! Sie hat uns vor mehreren Wochen verlassen. Ich hoffe, mein Sohn, wir können Dich über ihre Abwesenheit trösten," versetzte sie in einem Tone, der sich vergeblich bemühte, so unbefangen zu klingen wie ihre Worte.
„Fort, Mutter? Treibst Du Dein Spiel mit mir? . . . Aber sie ist doch nicht . . . Mutter, Mutter, so könntest Du nicht aussehen, wenn Cora tobt wäre!" sagte er mit dumpfer Stimme.
„Nein, nein! Rupert, was bringt Dich auf eine solche Idee?" sagte Frau Falkner und versuchte, ihre Verlegenheit wegzulachen. „Was für abergläubische Phantasien Ihr Ser» leute doch habt 1 Als ob es für ein junges Mädchen wie Cora keine andere Veranlassung gäbe, uns zu verlassen, als das Grab! Sie ist wohl und ich zweifle nicht, daß sie glücklich und zufrieden ist," fetzte sie bedeutungsvoll hinzu.
„Meinst Du, daß sie entdeckt worden ist und ihre Familie sie zurückverlangt hat?" fragte der junge Mann, indem er sich zwang, eine äußere Ruhe zu bewahren, die er nicht empfand.
„Nein! Das gerade nicht! . . . Aber es ist ebenso gut für sie und wir können wohl auch sagen für uns, Rupert/ lautete die Antwort der Mutter. „Denn steh', es wäre sehr schwer für Dich oder uns gewesen, zu bestimmen, was später aus Cora werden sollte. Sie wäre jedenfalls gezwungen gewesen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und da sie es nun einmal wünschte und es zu ihrem Besten war, wollte ich es nicht abschlagen, und sie ging mit ihrem neuen Beschützer so stolz und glücklich wie eine Königin fort.
Ruperts Augen blitzten gefährlich.
„Was willst Du damit sagen? Mutter, erkläre Dich!" lief er heiser. „Was soll das bedeuten? Cora hat keinen so wankelmüthigen Character. Wo sie einmal liebt, da bleibt sie ihren Empfindungen auch treu. Es liegt nicht in ihrer Natur, Jene zu verlassen, die sie von Jugend auf gekannt hat —"
„Und denen sie das Leben verdankt, möchte man sagen . . . ja mehr, als das Leben!" erwiderte die alte Dame. „Aber was kann man auch erwarten? Sie ist jung und er war eine große Versuchung. Der vornehme Herr bot ihr an, er wolle sie in sein Haus aufnehmen und für sie sorgen. Da kann es Dich nicht wundern und Du darfst sie darum auch nicht zu sehr tadeln."
»Wie? Du meinst, Cora ging mit einem Fremden davon und Du ertaubtest es? . . . Mutter, wie grausam I Ich hätte nie gedacht, daß Du so lieblos fein, so ganz mein Lebensglück vergessen könntest!" sagte Rupert, indem er wie von einer Kugel getroffen aus einen Stuhl sank. „Das kann ich nie — nie verzeihen I"
„Rupert, Du redest so recht Deinen Jahren angemessen," sagte Frau Falkner in überlegenem Tone. „Als ob mir


