1895,
Dienstag den 14. Mai.
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UnterhaNungsblatt ?um Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)
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Die Tochter des Meeres.
Roinan von 31. Nicola.
(Fortsetzung.)
Endlich kam der von Cora so gefürchtete Augenblick.
Der Postwagen, welcher den Lord nebst seinem Schützling nach besten Landsitz gebracht hatte, hielt vor einer hohen, breiten Treppenflucht, die nach einer großen Terrasse führte.
Der Diener öffnete den Wagenschlag und nahm das Gepäck in Empfang.
Lord Faro reichte seiner jungen Gefährtin die Hand, fast ohne einen Blick nach den gegenüberliegenden Fenstern zu werfen. Und doch glaubte er in dem Bibliothekzimmer ein ihm wohlbekanntes Gesicht zu bemerken. Und er wandte sich dem anmuthigen Mädchen an seiner Seite zu, um aus ihrem Liebreiz Muth zu schöpfen, während er sie rasch dem Eingänge zuführte.
Sie mußte alle Herzen für sich gewinnen, so sehr die« selben sich gegen diese hilflose Unbekannte verschließen mochten.
Langsam, aber sicheren Schrittes ging er an seiner Dienerschaft vorbei und es entging ihm nicht, wie dieselbe mit forschendem, fragendem Blick die Fremde betrachtete, die an» muthig und ruhig neben ihm ging.
Und in wenigen Augenblicken war die gefürchtete Stelle erreicht; die Wohnstubenthür öffnete sich und sie standen Lady Emily und Netta gegenüber-
Im Augenblick des Wiedersehens hatte Lord Faro seinen Muth wiedergewonnen.
Er berührte leicht seiner Schwester Stirn und drückte liebevoll einen Kuß auf Nettas Wange.
Dann wandte er sich nach Cora und führte sie feiner Schwester zu.
«Ich habe Dir hier noch Jemand gebracht, der Anspruch auf Deine gütige Fürsorge macht, Emily, und, wie ich wünsche und hoffe, zu Nettas Freude beiträgt. Cora, meine Liebe," sagte er dann zu dieser, „mit der Zeit werden Sie besser vertraut werden mit unseren englischen Sitten, inzwischen müssen Sie vor sich sehen."
Lady Emilys scharfes Auge musterte jeden Zug, jede Linie der Neuangekommenen mit unbehaglicher Bewunderung.
„Gewiß, Bruder, sind Deine Gäste willkommen in Deinem eigenen Hause," sagte sie und streckte Cora ihre äußersten Fingerspitzen entgegen. „Mit welchem Namen soll ich sie Deiner Tochter vorstellen, Benjamin?"
„Laß das meine Sorge fein! Doch sollte ich meinen, Netta sei für eine solche Ceremonie noch zu jung," erwiderte er kalt. „Der Name meines neuen Mündels ist Fräulein Cora vom Meere. Doch Cora und Netta klingt zwischen so jungen Mädchen besser und weniger förmlich."
„Gewiß, Bruder, ist Netta bereit, Deinen Wünschen zu gehorchen," antwortete sie ruhig. „Binnen Kurzem werden wir auch näher miteinander bekannt werden. Du wirst entschuldigen, wenn Netta auf einen solchen Wechsel nicht recht vorbereitet ist."
„Schon gut! Schon gut! Ich werde dieses unnütze Eis nur zu bald schmelzen sehen," sagte er ungeduldig. „Hast Du die nöthigen Befehle zu Miß Coras Bequemlichkeit gegeben?"
„Gewiß! Netta, willst Du so gut sein und die junge Dame in ihr Zimmer führen."
Die Mädchen gehorchten. Was für ein hübsches Bild gaben sie ab, als sie das Zimmer miteinander verließen — die Helle Blondine in ausgesucht eleganter Toilette und die graciöse, malerische Brünette, für welche Lord Faro ein neues Kleid bei der Durchreise in London besorgt hatte.
„Sind es nicht ein paar reizende Mädchen, Emily?" bemerkte Faro.
„liebet unsere Netta brauchst Du mich kaum nach meiner Meinung zu fragen," lautete die kühle Antwort der Schwester. „Von Deinem Gast muß ich erst ihr Leben und ihre Stellung kennen lernen, ehe ich mir ein Urtheil über sie bilden kann."
Lord Faro saß ein paar Minuten neben seiner Schwester, ohne zu antworten.
Es arbeitete schmerzlich in seinen Zügen, obwohl er dieselben so viel als möglich von Lady Emily abwandte, ohne Verdacht zu erregen.
„Emily," Hub er dann an, „Du bist verwundert, vielleicht ärgerlich über meine Handlungsweise?"
„Ich bin durchaus nicht dazu berechtigt," erwiderte sie gemessen.
„0, vielleicht hast Du doch in Allem, was Netta betrifft,


