Ausgabe 
14.4.1895
 
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Als Blockte uns verließ, begleitete ich ihn durch den Garten, nicht ohne den Wunsch auszudrücken, ihn auch bei mir zu sehen, was er als etwas Selbstverständliches zusagte. Meine Frage, ob er lieber mit mir allein den Lunch nehmen wolle, oder ob ich ein paar nette junge Damen dazu ein­laden solle, entschied er mit einem raschen:With you alone, *y dear! (Mit Ihnen allein, meine Liebe.) In der dichten Allee am Ende des Gartens hielt er im Gehen inne, um mit energischer Wärme noch einmal die Thatsache unserer gegen­seitigen Zuneigung festzustellen, ehe ich ihm das Pförtchen aufschloß, welches auf die Landstraße führte. Er hatte an­gefangen zu regnen, ich wollte den Gärtner nach einem Schirm schicken, aber da war er entsetzt.Ich, ein Schotte, und ich sollte den Regen fürchten? Ich brauche nie einen Regen­schirm!" Und mit erhobenem Haupte marschirte er davon durch den schweren Sommerschauer, wie Einer, der gewöhnt ist, nicht nur diesen, sondern allen Elementen Trotz zu bieten.

Professor John Stuart Blackie," meldete mit gewiffen- haster Deutlichkeit meine Parlourmaid, als ich drei Tage darauf in der Stadt, zu Hause in meinem Wohnzimmer saß. In der offenen Thür, umrahmt von den zurückgehaltenen Por- tioren, stand in malerischer Stellung, die Hand auf einen dicken Knotenstock gestützt, eine prächtige Gestalt, in der un­nachahmlich schottischen Weise in einen Plaid gehüllt; ein großer Filzhut saß ein wenig seitwärts auf dem dichten weißen Haar, welches das bartfreie, feine und bestimmt ge­schnittene Geficht umrahmte und auf einen tief herab­geschlagenen (ungesteiften) weißen Kragen fiel. Erst als ich mich erhoben hatte, um ihm entgegen zu gehen, trat er ein, begrüßte mich in feierlicher Ruhe nach Sitte derElisabethi- schen Periode" mit einem leichten Kuß, ließ sich neben mir auf dem Sopha nieder und begann, nach einigen wenigen ein­leitenden Worten über seine Entstehung, wie das letzte Mal, die Lesung eines Sonettes, das er auf dem Wege zu mir in der unterirdischen Eisenbahn verfaßt hatte. Seine Biographie von Burns, die er mir treu seinem Versprechen zugeschickt hatte, lag auf dem Tisch.To Carola Biacker, John Stuart Blackie with pure love and true, waren die Wid- mungsworte, die er hineingeschrieben hatte. Es war der willkommene Anlaß zu einer Vertiefung in das Lieblings­thema. Auf mein Gestandniß, daß mir die gälische Mundart nicht leicht verständlich sei, ging's nun-an eine philologische Auseinandersetzung, daß die Funken flogen! Was kann nicht der Enthusiasmus aus dem trockensten Gelehrtenstaub machen! Des Profeffors Lebhaftigkeit und Beredtfamkeit waren hin­reißend für mich und auch für ihn. Der große Filzhut, £en er zwischen uns auf's Sopha gelegt hatte, war ihm etne trennende Scheidewand und er warf ihn auf den Tisch, um ganz in meine Nähe zu rücken; als er dann so recht von Herzen dem schottischen Nationalgedanken feurigen Ausdruck verlieh, schwang er seinen mächtigen Schäferstock in der Luft, nicht ganz ohne Gefahr für meine Sicherheit, und schloß dann mit der Ballade vom Prince Charlie, deren Schwung und Feuer durch seine achtzigjährige Singstimme keinen Eintrag erlitt.

Blackie hatte drei Ideale: Schottland mit seinem Burns, Griechenland mit seinem Homer und Aeschilos (er sagte oft, das alte Griechisch sei eine lebende Sprache) und Deutschland mit seinem Goethe. Sein Vater habe ihm eine gute Erziehung gegeben, daß derselbe ihn aber auf deutsche Univer­sitäten (Göttingen und Berlin) geschickt habe, das sei von Allem das Beste gewesen.Lesen Sie mein BuchThe wisdom of Goethe empfahl er wiederholt, als wir bei Tische saßen, nicht gerade in Uebereinstimmung mit dem Aus­bruch über Bücher, den es wenig Tage zuvor gethan hatte, doch vollberechtigt durch den Werth der Arbeit, wie denn auch Blackies Ueberfetzung des ersten Theiles des Faust (den zweiten «klärte er als zuphantasmagorisch"), noch zu den besten in

England gehört. Ehe unsere kleine Mahlzeit, wo er wenigem den Speisen, als dem alten Sherry zusprach, zu Ende war, schob er den Teller von sich und wendete sich gegen dar be­dienende Mädchen:What is your name?Ellen, please Sir.Now then, Ellen, listen; war Sie jetzt hören werden, hat der größte deutsche Dichter, der zu den größten Dichtern der Welt gehört, gesagt. Goethe heißt erl Sie können sich so gut daran erfreuen, als wie Ihre Herrin selbst." Nach dieser im Cathederton gehaltenen Ansprache rückte er seinen Stuhl so, daß er sein Publikum, mich sowohl als die in ehrfurchtsvollem Erstaunen am Servirtisch stehende Parlourmaid, im Auge hatte und declamirte mit einem Schwung, als hätte er ein hundertzähliges Auditorium vor sich, in seiner ganzen Länge das von ihm tn's Englische übersetzte Gedicht GoethesDauer im Wechsel".

Hielte diesen frühen Segen Auch nur eine Stunde fest! Aber vollen Blüthenregen Schüttelt schon der laue West."

Zuerst war eine tiefe Elegie in seinem Ton, wie nur der sie empfinden kann, dem das Leben und die Welt ein Liebes und ein Schönes sind. Beim letzten Vers aber raffte er sich auf, Zufriedenheit, Beglückung, selige Hoffnung lagen in der Stimme und auf seinen Zügen, hoch erhob er sein Glas und in ewig jungem Optimismus rauschte der Vers:

Laß den Anfang mit dem Ende Sich in Eins zusammenzieh'n! Denke, daß die Gunst der Musen Unvergängliches verheißt . . /

Als er geendet und auf mein Wohl sein Glas geleert hatte, richtete er in der ganzen Naivetät seines Dichtergemüthes in feierlichem Ernste an das Mädchen die Frage:Well, Ellen, wie hat Ihnen das Gedicht gefallen?" Wohl noch nie hatte ich Weihe und Humor in so eigenthümlicher Mischung empfunden, als wie unter dem Einfluß von Blackies urwüchsig eigenartiger Persönlichkeit. Als ich, ihm dankend, meine Freude ausdrückte über die frische Jugendlichkeit seines Wesens, sagte er:Ja, das ist wahr gewesen bis vor wenigen Tagen. Da habe ich in einem Gespräch mit jungen Leuten zum ersten Mal entdeckt, daß ich alt bin, denn zum ersten Mal kam ich mir weise vor!"

Dann kam der Abschied, selbstverständlich auf Elisabethische Weise. Blackies Abreise nach Edinburg war auf den folgen­den Morgen festgesetzt, und vor einem Jahr sollte er nicht nach London zurückkehren.Also im nächsten Mai, da sehen wir uns wieder!" sagte ich, als ich ihn die Steintrepps meines Hauses hinab in die Straße geleitete- Er aber sah wehmüthig unter sich:In meinem Alter, my dear, rechnet man auf keinen kommenden Mai!" und seine Augen wurden feucht. Dann aber richtete er sich plötzlich stramm in die Höhe, schwenkte seinen Hut und dann seinen mächtigen Stock hoch in der Luft und ging elastischen Schrittes, eine schottische Ballade pfeifend, die Straße hinab- Ich schaute ihm nach, bis er um das sonnige Eck verschwand, ehe ich wieder in das Haus trat. Mir war's, als käme ich von einem Feiertags­ausflug in ein Land der unvergänglichen Jugend und Freudig­keit wieder in die Alltäglichkeit zurück.

Aeußere Umstände verhinderten ein Wiedersehen; wir blieben jedoch in freundschaftlicher Verbindung durch literarische Zusendungen, die mir von Blackies Thätigkeit Nachricht gaben, sowie von Zeit zu Zeit durch einen seiner lieben, beinahe un­leserlichen Briefe. Es war sein Gebrauch, in das Eck de» Umschlages, wo andere Leute den Namen des Absenders setzen, einen griechischen Satz zu schreiben und zwar meistens aus den Episteln des Apostel Paulus.

TjpetC ÖS ötpetXopsv su/apiastv> Hsw TtavTors itepl öpiaw.

Wir haben Ursache, Gott unablässig zu danken," (Teffalonicher 2, 13) war der letzte, den ich von ihm erhielt.

UftadtotttH. E Heyda. -- Druck Md Berkay der Drühl'schen Un»verßtStS-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.