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„MM ich Sie so ftoh, so stolz, so glücklich sehe, ist es hart, Ihnen Kummer bereiten zu müssen."
Jetzt ist das Lächeln ganz von ihren Zügen geschwunden; aber ihre Stimme zittert nicht, als sie erwidert: „Welch' schlimme Botschaft könnten Sie mir bringen? Außer Lucy habe ich Niemand in der weiten Welt."
Der alte Herr schaut um stch auf das ruhige, ländlichschöne Bild, auf die schlummernde Welt, auf bas alte Wohnhaus mit den erleuchteten Fenstern; dann wendet er stch dem jungen Mädchen zu, das ihm mit aufmerksamem Blick gefolgt ist.
„Sagen Sie mir das Schlimmste," spricht sie ruhig.
„Kind," entgegnet der alte Herr mit einem schweren Seufzer, „einmal muß es ja doch gesagt sein — warum dann nicht heute so gut wie morgen? Der rechtmäßige Besitzer von Lorringrhöhe ist aufgetaucht — nicht länger mehr sind Sie Herrin des Gutes."
Einen Moment ergießt sich dunkle Röthe über Röschens Gesicht, doch in der nächsten Minute ist sie todienbleich.
„Lorringshöhe nicht meinl — Dec rechtmäßige Besitzer, — Ich ... ich verstehe nicht!"
Nachdem das Schlimmste gesagt ist, wird es dem alten Herrn leichter, Näheres zu erklären. Er erzählt, daß ihres Vaters älterer Bruder, den man schon seit Jahren für tobt gehalten, erst kürzlich in Australien gestorben sei und einen Sohn hinterlassen habe. Dieser sei jetzt heimgekehrt in das Vaterland, um auf sein Eigenthum, das alte Heim der Lor- rings auf Lorringshöhe, Anspruch zu machen.
Während der alte erfahrene Jurist sich ausführlich über die Angelegenheit ergeht, ist der bestürzte Ausdruck auf Röschens Gesicht ganz traurig anzuschauen. Noch vermag sie nicht zu fassen, daß ihr Heim, ihr Vermögen, ihr ganzes Glück mit einem Schlage verloren sein soll.
„Arme Lucy!" murmelt sie endlich mit bebenden Lippen. „Arme Schwester, da» ist hart für Dich. — Bleibt uns nichts, gar nichts?"
„Nur das Erbtheil Ihrer Mutter — fünfzehntausend Thaler ungefähr," antwortete der alte Herr, verwundert über ihre Ruhe.
„Das wären siebenhundert Thaler jährlich," spricht Röschen sinnend; „nun, dabei kann man nicht verhungern. Am besten ist's wohl dann, wir gingen gleich."
Da richtet Herr Walcker stch auf und blickt in Röschens stolzes, kummervolles Antlitz. „Ich bin überzeugt," mischt er sich in die Unterhaltung, „daß dies nicht im Sinne Ihres Veiters sein würde. Vielleicht beabsichtigt er gar nicht, auf Lorringrhöhe zu wohnen. Sie könnten das Gut ja von ihm pachten!"
„Lorringshöhe pachten - und von siebenhundert Thalern leben! -- Das möchte wohl nicht gehen," erwidert Röschen lachend, doch durch das Lachen dringen Thränen. Und plötzlich, wie zum Bewußtsein kommend, welches Leben voll Kampf und Sorge ihrer in Zukunft harrt, entringt sich ihren Lippen ein unterdrücktes Schluchzen.
»Arme Lucy! was wird sie zu diesem Wechsel sagen? Für sie ist es weit schlimmer, als für mich; ich wenigstens kann arbeiten," fügte sie mit einem Blick auf ihre sonnge- bräunten Hände hinzu. 0
„Lucy weiß er bereits," erwiderte Doctor Sinklar sanft. „Ich sagte er ihr an jenem Abend, als Sie ausgeganaen waren — erinnern Sie sich?"
». ; - daher also ihr heftiges Kopfweh! Kommen
7^' /affen Sie uns zu ihr gehen," spricht Röschen, den le^lgen Blick mit trübem Lächeln zu dem jungen Mann
; £ "Es ist wenig interessant für Sie, diese Familien- Enthüllung mit anzuhören.
»®£ thut mir um Ihretwillen leid", versetzt er ruhig;
mlr erlauben, meine Meinung abzugeben, so möchte ich Ihnen rathen, Ihren Vetter zu sehen, bevor Sie von hier gehen.
,ll,VnUnie mag ich ihn sehen, nie sprechen!" ruft Röschen leidenschaftlich. „Er kann ja nichts dafür. Warum
aber blieb er all' die Jahre fern und ließ «ich erst jeden Baum, jede Blume, jeden Stein, jedes Thier in meinem lieben, lieben alten Heime liebgewinnen?"
Und als schäme sie sich dieser Regung, eilt sie schnell davon durch die abendlichen Schatten; schweigend folgen ihr die beiden Männer.
II.
Nach einer stillen Nacht bricht ein neuer Tag hell und glänzend an. Die Welt ist wieder wach. Nur Röschen hat nicht geschlafen; während der langen dunklen Stunden haben ihre Hellen Augen sich nicht ein einziges Mal geschlossen. Sk hat beobachtet, wie am frühen Morgen die Sonne aufstieg und die Welt mit ihrem ersten warmen Kusse wachrief. Jetzt tritt sie mit bleichen Wangen und müden Augen in den alten lieben Garten, wo die Rosen so köstlich blühen und ihre zarten Knospen her Morgensonne erschließen.
Mit welch traurigem Blick schaut sie ringsum. Ihr gehört nichts mehr von all' dem Reichthum, der sie umgibt; sie hat kein Recht mehr an all' den Blumen, die ihr so bunt entgegenstrahlen, an den rothen Beeren, die so verlockend unter den frischgrünen Blättern hervorlugen! Gestern noch dachte sie, wie sie vorsorgen, und für den Winter Obst und Gemüse aufbewahren wollte — und heute hat sie selbst auf den Stengel Reseda kein Recht, den sie im Vorübergehen achtlos gepflückt hat.
„Wie soll ich es ertragen?" ringt es sich mit tiefem Seufzer aus ihrer Brust. Mit thränenfeuchtem Auge schaut sie den Bienen zu, wie sie geschäftig von Blume zu Blum« fliegen. Sie werden nicht aus ihrem Heim verwiesen!
Es liegt ihr heute Morgen noch eine schwere Aufgabe ob: den alten Dienern und Angestellten, die mit wahrer Verehrung an ihrer jungen Herrin hängen, die traurige Neuigkeit mitzutheilen- Wie immer folgt sie ihren gewohnten Pflichten — doch heute mit bleichen Wangen und schwerem Herzen.
Al» Herr Walcker mit einem. Briefchen von Doctor Sinklar kommt, findet er die entthronte Herrin von Lorringshöhe in der Milchkammer zwischen Töpfen und Schüsseln voll gelblicher Milch und goldgelber Butter.
„Ich betrachte meine verlorenen Schätze," begrüßte sie ihn und reichte ihm mit trübem Lächeln die Hand. „Es ist hart, an diesem Allen hier fein Recht mehr zu haben."
Einen Moment ruht des Gastes Blick fest auf ihr, und die Rölhe steigt ihm in die Stirn.
„Darf ich fragen, was Sie zu thun gedenken?" hebt er nach kurzem Schweigen an.
„Wir gehen nach Wallstadt," entgegnet sie und blickt mit offenem Auge zu ihm auf; „dort hoffe ich irgend welche Beschäftigung zu bekommen. Meine Schwester kann ich natürlich nicht verlassen; sie wäre auch zu unglücklich ohne mich."
„Ich gehe auch nach Wallstadt."
„Sie auch? Ich glaubte, Sie blieben bei Doctor Sinklar?" entgegnete Röschen ruhig. Doch im Stillen freut sie sich, daß sie in der fremden Stadt wenigstens eine befreundete Seele bisweilen sehen wird.
„Ich bin nur für kurze Zeit bei Doctor Sinklar; ich gedenke sehr bald, vielleicht schon in nächster Woche, nach Wallstadt zurückzukebren."
„Ich habe gestern bereits wegen einer Wohnung geschrieben," erzählt Röschen und plauderte weiter von ihren Plänen; das unverkennbare Interesse, das der junge Mann zeigt, ist ihr ein großer Trost.
Am Abend kommt Doctor Sinklar mit einem Vorschlag von Humbert Lorring, ob die Damen nicht auf Lorringshöhe bleiben wollen, so lange es ihnen behagt.
Röschens Wangen färbten stch dunkelroth.
„Wie geduldet aus Barmherzigkeit sollen wir hier bleiben!" ruft sie in stolzem Tone; dann plötzlich verläßt sie oas Zimmer.
Während Doctor Sinklar sich zu Lucy wendet, ist Wal- ckers Blick mit tiefernstem Ausdruck fest auf die offene Thür gerichtet, durch welche Röschen verschwunden ist.


