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zeigten die weißen, feingeformien Arme in ihrer ganzen Schönheit. Nie hatte sie so anmuthig und nie so aristokratisch ausgesehen, wie in diesem Augenblick. Und sie selbst konnte sich einer Lächelns nicht enthalten und doch bewunderte sie im Geheimen die Gestalt, die sie in der halboffenen Nische vor sich sah. Aus Lord Belfort, dem stolzen Edelmann, war ein Page geworden, wie man ihn auf alten Bildern im Gefolge der Damen von Rang findet.
Sein Gesicht sah so jung aus, seine Gestalt erschien in den Pagenkleidern so schlank und der ganze Ausdruck seines Gesichts war ein so ganz anderer geworden, daß Cora ein Gefühl von Vertrauen überkam, das ihr bisher fremd geblieben war-
„Sind Sie bereit? Wollen Sie mir folgen?" fragte sie. „Sie müssen Ihre Rolle gut spielen. Wenn uns Jemand sieht, hüten Sie sich, Furcht zu zeigen-"
Er stimmte ihr schweigend bei und sie bereitete sich zum Gehen vor. Cora schob das Feld wieder zu, verschloß die Thür hinter sich, steckte den Schlüssel in dir Tasche und ging ihm mit langsam abgemessenem Schritt anscheinend ohne die geringste Angst voran. Lord Belfort folgte ihr in geringer Entfernung.
Das erste Zimmer und den Corridor legten sie ungestört zurück. Aber Cora wußte, daß eine Wache unten am Fuße der Treppe stand.
Sie blieb einen Augenblick stehen, flößte ihrem Begleiter durch ein Lächeln neuen Muth ein und dann ging sie mit noch langsamerem Schritt wie bisher weiter.
Sie wußte wohl, wie diese Vorsicht nothwendig war.
Allerdings schien der wachhabende Polizist unten an der Treppe zu schlummern, aber Cora wagte doch nicht, dieser Wahrnehmung zu trauen. Statt sich leise an ihm vorüber zu schleichen, behielt sie ihren sicheren, ruhigen Schritt bei und ging so an dem Schlafenden vorüber, daß sie ihren Gefährten möglichst mit der bauschigen Schleppe deckte.
Die List gelang ihr.
Der Mann schlug gerade rechtzeitig die Augen auf, um noch die seltsame Erscheinung schweigend die Stufen hinabschweben zu sehen. Es entschlüpfte ihm ein Schrei, der glück« licherweise zu leise war, um seine Kameraden zu wecken. Aber im nächsten Augenblick besann er sich eines Anderen-
„Was kümmert es mich, wenn die Geister der Verstorbenen bei Nacht herumwandeln?" dachte er. „Ich habe ihnen nichts zu Leide gethan, da werden sie mich auch in Ruhe lassen."
Und er wollte wieder schlafen. Aber der einmal unterbrochene Schlaf wollte nicht wiederkehren und schließlich faßte er Muth, um zu thun, was er für seine Pflicht hielt. Er ging nach den Zimmern, die unter seiner besonderen Obhut standen, und versuchte die Thür, deren Bewachung den Beamten besonders empfohlen war, zu öffnen.
Sie war verschlossen. Da wandte er sich rasch der Thür auf der änderen Seite zu; dieselbe gab sofort seinem Drucke nach und er trat in das Zimmer, in welchem das Porträt, welches Cora so glücklich nachgeahmt hatte, in lebens- großen Proportionen vor ihm stand.
„Gott erbarme sich unser!" rief er aus und ein Schauder schüttelte seine starke Gestalt. „Das ist sie ... . sie selbst . . . dasselbe Kleid . . . dasselbe Gesicht I Sie geht um . . . das steht fest . . . und nicht um Alles in der Welt möchte ich sie beleidigen."
Und nach einer halb ängstlichen, halb ehrerbietigen Verbeugung vor dem Bilde eilte er an seinen Posten zurück und wachte in stummer, regungslos r Angst bis zum Morgen.
Inzwischen schritten die beiden Flüchtigen die Treppe hinab und durch schmale Corridore, bis ihnen nur noch die letzte und größte Gefahr übrig blieb, an den zwei Posten vorüberzugehen, die an der Thür Wache hielten, welche von dieser Seite des Hauses in den Park führte.
Als sie sich näherten, vernahmen sie ein leises Gemurmel von Stimmen und zum ersten Male schrack Cora zurück und ihr Muth schien bei dieser unerwarteten Gefahr zu sinken.
„Halten Sie sich bereit, wenn nölhig, rasch an den Wäch«
si^Lord ^Belfortfie Rückhalte,« flüsterte Sie schöpfte tief Athen, und ging muthig an dem Ein- gange einer Art Vestibül vorüber, wo sie zwei Männer bei einer Flasch- Wein sitzen sehen konnte.
,^ber ihr Gesicht und ihr Anzug hatten die Aufmerksam« leit Dessen auf sich gezogen, der mit dem Gesicht gegen die Thur saß . . . ein grauhaariger Mann, den Cora trotz des matten Lichtes als den Portier des Hauses erkannte.
ble Sür schritt, wandte sie diesem viel- leicht absichtlich ihr Gesicht zu und der alte Mann sprang mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings von seinem Stuhl auf. Sein Zeucht war todtenbleich geworden und seine Augen schienen buchstäblich aus ihren Höhlen zu treten.
„Aber, Mensch, was habt Ihr?" fragte ihn sein Kamerad.
., ich habe?' rief der alte Mann aus. „So wahr 'ch Jakob Tomkins heiße, so wahr ist es, daß ich den Geist von Miß Ida an mir vorübergleiten sah, genau so wie sie vor zwanzig Jahren aussah. Es ist ein schrecklicher Anblick, jo schön sie auch war!"
„Welchen Weg nahm sie, Mensch? Welchen Weg?" rief der vollständig wache Beamte.
Und er lief auf die Thür zu, bevor Tomkins sich von seinem Schrecken erholt und soweit wieder zu sich gekommen war, um eine vernünftige Antwort geben zu können.
XXIII.
Der ehrwürdige Lord Graf Treville, des Lord Faros älterer Bruder, saß in dem luxuriösen und behaglich eingerich- teten Zimmer seiner Villa, in welchem er während der letzten zehn Jahre seines Lebens meist gewohnt hatte.
Die Leute glaubten, das Leben Habs für den kränklichen Grafen nur wenig Reiz. Auch fein Leben war, wie das vieler Menschen, fast einem Roman gleich; nur kannte tfyi Niemand. Man wußte nichts weiter von ihm, als daß er seine Jugend nach gewöhnlicher Art der älteren Söhne reicher aristokratischer Eltern verbracht hatte. Das Studium auf den Universitäten zu Eton und Oxford hatte ihn für eine lange Reise in fremde Länder vorbereitet. In seiner Abwesenheit war seine Mutter ziemlich plötzlich gestorben und als er heim« gerufen wurde, um ihrem Bsgräbniß beizuwohnen und seinem Vater eine Stütze zu sein, schien er den Sitten seines eigenen Landes so entfremdet zu sein, daß man sich wenig wunderte, als er die erste Gelegenheit ergriff, wieder nach dem europäischen Festlande zurückzukehren. Dieses Mal jedoch blieb er nur kurze Zeit abwesend und als er nach Treville zurückkehrte, um den alten, kränkelnden Vater bis zu deffen Lebensende nicht wieder zu verlassen, war er noch ernster und düsterer als bei seinem ersten Besuche. Aber alle Bitten brachten ihn nicht dazu, die Pflichten eines älteren Sohnes zu erfüllen und sich eine Gemahlin zu nehmen. Ein Einsiedler konnte keinen größeren Widerwillen gegen weibliche Gesellschaft haben, alr er, und mit Entschiedenheit weigerte er sich, die Verbindung mit einer der aristokratischen jungen Damen, die sein Vatn ihm vorschlug, auch nur in Erwägung zu ziehen.
Und nach vielen vergeblichen Versuchen ließ der Graf von Bemühungen ab, die seinen Erben vielleicht aus dem Vater« Haus getrieben hätten, so daß er an seinem Lebensabend allein dagestanden hätte. Dann kam Lord Faros, des jüngeren Bruders, Hetrath, Nettas Geburt und Frau Faros Tod. Dieses letzte Unglück brach völlig des Grafen nur noch schwache Kraft. Er siechte geistig wie körperlich rasch dahin und folgte bald seiner Gattin. Nun wurde der ältere Lord Faro Graf von Treville und erbte mit seines Vaters Reichthum, wie er schien, auch dessen Schmerz. In weniger als einem Jahre nach seines Vaters Tode hatte er alle nöthigen Anordnungen getroffen und verließ dann das Schloß. Seitdem lebte er in einer der feenhaften Villen in der herrlichen Gegend von Cannes in fast gänzlicher Abgeschiedenheit. Sogar sein Briefwechsel mit dem jüngeren Bruder und seinem muthmaßlichen Erben war nicht lebhaft genug, um die Bande der Liebe


