Ausgabe 
13.6.1895
 
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Donnerstag öen 13. Juni.

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UntrchaMMlatt?«m Girßener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Die Tochter des Meeres.

Roman von Ä. Xitel«.

(Fortsetzung.)

So halten Sie sich mir überlegen?" fragte Lady Marian streng.

Durchaus nicht! Ihre Ansichten entsprechen einfach Ihrer Erziehung," erwiderte Cora ruhig.Aber wozu all' diese Worte ? Sind Sie nun zufrieden? Können Sie mir nun ver­trauen, Lady Marian?"

Er bleibt mir nichts Anderes übrig!" versetzte Marian gezwungen.Es falls die Schuld auf Sie selbst zurück, wenn Sie mich täuschen! War Sie auch jetzt glauben mögen, sicher» lich werden Sie einst darunter zu leiden haben, wenn Sie dennoch wahnsinnig genug sein sollten, an Lord Belforts Liebe zu glauben. Wann gedenken Sie Ihren Plan auszuführen?" fragte sie nach einer kurzen Pause.

Heute Abend, wenn Alle schlafen gegangen sind," er» widerte Cora.

"So kommen Sie um Mitternacht zu mir . . . dann soll Alles bereit sein," lautete die Antwort.Wenigsten» lenken Sie eine große Gefahr ab, was auch darnach geschehen möge. Da» Haus Biddulph wird nicht der Schauplatz seiner Ver­haftung sein und wir werden ihm bester helfen können, wenn wir nicht mehr im Verdachte stehen, ihn zu beherbergen."

Mit einer raschen Bewegung wurde Cora entlasten und Lady Marian eilte die Treppe hinab, um der Ttschglocke zu folgen, die in diesem Augenblick ertönte.

XXII.

.... Es war ein trauriger Tag für Ernst Belfort in seinem düsteren Gefängniß gewesen. Er litt furchtbar während der langen Stunden voll schrecklicher Ungewißheit. Die Hoffnung aufCoras Rückkehr hielt ihn allerdings eine Zeit lang auf-

Er konnte nicht an ihr zweifeln. Die Erinnerung an den muthigen Ton ihrer Stimme genügte, alle Furcht von ihm zu scheuchen. Aber als Stunde auf Stunde verstrich und gewordenen Glieder auch noch körperlichen Schmerz hinzufügten, wurde feine Seelenqual fast unerträglich. Minute

auf Minute, Stunde auf Stunde verstrich und noch immer kein Laut, kein Zeichen von dem geliebten Mädchen.

Die Dunkelheit brach herein. Da vernahm er endlich das leise Geräusch nahender Schritte, das Rauschen eines Kleides und endlich flüsterte eine Stimme, die ihm süßer klang als himmlische Musik:Lord Belfort!"

Schnell! . . . Oeffnen Sie!" erwiderte er ebenso leise.

Sie schob das Feld in der Wand zurück und im nächsten Moment genoß er die Freude, Jene vor sich zu sehen, die er schon mehr liebte, als er selbst wußte-

,/Sie sind wohl sehr erschöpft?" fragte sie.Hier ist Wein und einige Speisen- Schnell! Stärken Sie sich für die nächsten Stunden. Wir werden vielleicht lange Zeit ohne Rast vorwärts eilen müssen."

Wir?" fragte er mit freudigem Erstaunen und dieses kleine Wörtchen gab ihm vielleicht mehr Kraft, als die Er­frischung, die sie brachte. Sie wollte ihn begleiten ... das genügte! Wenigstens würde er einen Engel zum Führer haben, wohin die Pilgerschaft auch ging!

Sind Sie nun bereit?" fragte sie, nachdem er sich ge­stärkt hatte.Wollen Sie thun, was ich verlange?"

Ich will Ihnen gehorchen, was Sie auch verlangen mögen!" versetzte er leidenschaftlich.

»Sie ahnen wohl kaum, wozu Sie sich verpflichten," sagte sie lächelnd.Angenommen, ich verlangte von Ihnen, was Sie am unliebsten thäten: eine Verkleidung anzunehmen, gegen die sich Ihr Stolz empört... wie dann?"

Ich werde Ihnen gehorchen!" erwiderte er.Ich bin es Ihnen, meiner Retterin, schuldig. Sagen Sie mir nur, was Sie wünschen und ich gehorche sofort!"

Sehen Sie hier!" sprach sie und zog ein Bündel hervor. Sie müssen diese Kleider anziehen, ich komme zurück, sobald ich selbst eine Verkleidung angelegt habe."

Und eilig verließ sie da» Zimmer-

Schon nach wenigen Minuten kehrte sie zurück- Aber welch' eine Wandlung war in der kurzen Zeit mit ihr vor­gegangen! Sie hatte ihr einfaches Kleid mit einem kostbaren Gewand vertauscht, da» an vergangene Tage erinnerte. Die lange Schleppe, da» zurückgekämmte Haar, die enganschließende Taille ließen ihre schöne Gestalt auf da» Vortheilhafteste her­vortreten und die kurzen Aermel mit der langen Spitzenfalbel