Ausgabe 
12.11.1895
 
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Winkel der Veranda, hatte sich der Engländer ganz allein niedergelassen, und nun, da er Georgs unschlüssiges Zögern bemerkte, stand er auf, um ihm ein paar Schritte entgegen« zugehen.

Bereiten Sie mir das «Vergnügen, Mr. Stralendorf, ein Glas Champagner mit mir zu trinken/ sagte er und auf seinem hageren Gesicht war ein Lächeln, das die scharfen Züge keineswegs verschönte.Ich finde, daß es sehr närrisch ist, wenn wir uns noch immer mit grimmigen Blicken messen, weil es vielleicht vor so und so viel Wochen auf dem Schiffe mal eine kleine Mißhelligkeit zwischen uns gegeben hat. Da ich ohne Zweifel der Aeltere bin, kommt es mir zu, als der erste die Hand zur Versöhnung zu bieten. Und ich hoffe, mein werther Herr, daß Sie sie nicht ausschlagen werden."

Auf den Einsturz des Himmels wäre Georg eher vor­bereitet gewesen, als auf diesen Schritt eines Mannes, dessen feindselige, ja haßerfüllte Gesinnung sich so ost und so un­zweideutig bei ihren zufälligen Begegnungen kundgegeben hatte. Seine erste Eingebung war, das sonderbare Versöhnungs- anerbieten kurz und bestimmt zurückzuweisen; aber seine natür- liche Gutherzigkeit im Verein mit der glückseligen Stimmung des Augenblicke», die ihn nachsichtig gemacht haben würde selbst gegen seinen schlimmsten Feind, hielt ihn davon ab, diesem Impuls zu gehorchen.

Die Grohmuth des Siegers war es, die sich in ihm regte und dann erinnerte er sich auch der Scene am Tempel von Asakusa, jener Scene, die ihn davon überzeugt hatte, daß Thoma» Elli» auch edler und selbstloser Handlungen fähig sei.

Gewiß war es dem hochmüthigen Engländer nicht leicht geworden, sich den Entschluß dieser Aussöhnung abzuringen, und Georg war nahe daran, sich seines ersten, halb instinc- tiven Mißtrauen« gegen die Lauterkeit der Beweggründe, die Elli» zu solcher Selbstüberwindung bestimmt, als eines unedlen Empfindens zu schämen.

Etwas zaudernd wohl, doch ohne jeden hinterhältigen Gedanken, legte er seine Hand in die dargebotene Rechte des Anderen und es klang schlicht und aufrichtig, da er sagte: Ich habe keinen Grund, einen Groll zu nähren, den Sie beseitigt zu sehen wünschen- Auch mir ist es sicherlich an­genehmer, mit aller Welt in Frieden zu leben."

So lassen Sie uns ein Glas miteinander trinken. Ich liebe es nicht, halbe Arbeit zu thun und es sollte mir ein Vergnügen fein, wenn wir recht bald gute Freunde wären."

Es war unmöglich, diese Einladung auszuschlagen, ohne der auf so sonderbare Weise zu Stande gekommenen Ver­söhnung sogleich wieder einen Tropfen neuer Kränkung bei­zumischen. Auch stand die rothhalsige Flasche im silbernen, eisgefüllten Kübel bereit« auf dem Tische, von dem sich Thomas Ellis soeben erhoben, und Georg hoffte, daß sich die Sache sehr schnell abthun lassen würde.

Sogar die beiden schlanken Krystallkelche waren schon da, als hätte der Engländer vor langer Hand alle Vorkehrungen für diesen Friedenstrunk getroffen.

Aber es erwies sich, daß sie nicht ausreichten, denn in dem Augenblick, wo sich die beiden Herren auf den seichten Bambussesseln niederlassen wollten, stand wie aus der Erde gewachsen Abraham Norton mit seinem undurchdringlichen, faltigen Yankee-Gesicht neben ihnen.

Gestatten Sie mir, mich zu Ihnen zu setzen?" fragte er, sich mit gemessener Höflichkeit an Elli« wendend, und es war selbstverständlich, daß ihm darauf eine bejahende Antwort zu Theil werden mußte.

Georg war ein wenig erstaunt, denn er hatte bisher immer den Eindruck gehabt, daß Norton nur sehr geringe Sympathieen für den Helden von Asakusa hegte und diese beinahe aufdringliche Annäherung entsprach sehr wenig seinem sonstigen, kühl reservirten Wesen. Aber er freute sich nichts­destoweniger aufrichtig de» unverhofften Gesellschafters, dessen Gegenwart ihn der Nothwendigkett eines immerhin peinlichen täte-ä-tete mit seinem bisherigen Feinde überhob.

Thomas Elli» nahm vom Nebentische eines der dort i aufgestellten unbenutzten Gläser für seinen zweiten Gast und i

füllte dann die drei Kelche rasch mit dem goldigen, schäumen­den Trank.

Auf gute Freundschaft also!" sagte er, seinen Pokal erhebend und mit einem vertraulichen Kopfnicken gegen Georg. Doch gerade in dem Moment, da der junge Deutsche sich eben anschickte, ihm Bescheid zu thun, ereignete sich ein fataler kleiner Zwischenfall, der ihm die Ausführung seiner Absicht unmöglich machte.

Abraham Norton hatte sich nämlich mit einem bei seinem natürlichen Phlegma höchst merkwürdigen Ungestüm erhoben, um seinen Oberkörper über den Tisch zu neigen und nach etwas auszuspähen, das unten im Garten feine Auf­merksamkeit erregt haben .nutzte. Diese Bewegung aber hatte er obendrein mit so hochgradigem Ungeschick ausgeführt, daß Georgs Glas dabei zu Boden fiel und auf der Holzdiele der Veranda klirrend zerbrach.

Der Vorfall, der jedem Andern sicherlich höchst unan­genehm gewesen wäre, schien ihn übrigens nicht im Geringsten aus der Fassung zu bringen, denn er entschuldigte sich nur ganz obenhin und nahm seinen Platz wieder ein, als ob durchaus nichts geschehen wäre-

Hätte Georg nicht seine Aufmerksamkeit in dem kritischen Moment einzig dem fallenden Glase zugewendet, so würde es ihn gewiß befremdet haben, zu sehen, eine wie abstoßende und widerwärtige Grimasse höchster Wuth das an und für sich so unbedeutende Ereigniß für die Dauer eine« Augenblicks auf dem Gesicht des Engländers machte. Ein paar Secunden später war davon freilich nichts mehr wahrzunehmen und jetzt fand Thoma« Ellis sogar ein freundliches Scherzwort von jener Art, in der liebenswürdige Wirthe solche Ungeschicklich­keiten eines Gastes abzuthun pfiegen. Georg empfing ein neues Glas und man trank einander zu, um dann eine etwas gezwungene und schleppende Conversation zu beginnen.

Es war fast ausschließlich der Gastgeber, welcher ihre Kosten bestritt, denn Abraham Norton hüllte sich in tiefes Schweigen und Georg, der sich in bet wenig natürliche» Situation mit jeder Minute unbehaglicher fühlte, war zu­frieden, daß ihm Suleika, die große Angorakatze des Club­hauses, durch ihr drolliges Gebühren Gelegenheit gab, seine Zerstreutheit und Befangenheit einige maßen zu verbergen-

Das schöne, überaus zutrauliche Thier, der verhätschelte Liebling aller Clubmitglieder, war langsam näher gekommen, um sich erst eine Weile schnurrend an dem Fuße Georgs zu reiben und um dann äußerst vorsichtig seine spitze rothe Zunge in die kleine Lache zu tauchen, die der aus dem zerbrochenen Glase geflossene Champagner in einer flachen Höhlung des Fußbodens gebildet hatte.

Die prickelnde Kohlensäure scheuchte die Katze wohl zuerst wieder zurück; aber die angenehme Süßigkeit de« unbekannten Getränks übte auf die Näscherin dann doch wieder eine so unwiderstehliche Anziehung, daß sie den Versuch erst noch ein paar Mal mit dem gleichen Effect wiederholte, um zu gutir- letzt mit augenfälligem Behagen da« köstliche Naß bis auf den letzten erreichbaren Tropfen aufzulecken.

Suleika wird sich zum ersten Mal in ihrem jungen Leben einen Rausch antrinken," meinte Georg lachend, indem er Ellis auf das komische Benehmen des Thieres aufmerksam machte.

Der Engländer aber kniff die dünnen Lippen zusammen und stieß mit dem Fuße nach der Katze, daß sie sich erschrocken und fauchend zurückzog. Als er die Mißbilligung seiner Roh­heit aus Georgs Mienen las, sagte er mit seinem unan­genehmen, erzwungenen Lächeln:Ich kann das schleichende Gezücht nun einmal nicht ausstehen und ich will lieber einem Tiger oder Panther begegnen, al« einer solchen jämmerlichen Carricatur. Nichts ist mir so widerwärtig, als eine ohn­mächtige Wuth, die nicht Muth und Kraft genug hat, sich an den Gegenstand ihres Hasses zu wagen."

(Fortsetzung folgt.)