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und einen Bruder habe ich nie gehabt. Ach, ich wollte, daß ich jetzt einen Bruder hätte, der mich liebte und der ein ganzer Mann wäre — stolz und muthig, mit einem starken, ehrlichen Herzen."
Ihm selber war es später ein Räthsel, woher er in diesem Augenblick den Muth genommen hatte, ihr ohne Zögern und Besinnen in die Rede zu fallen: „Wenn Sie eines solchen Bruders bedürfen — können Sie denn nicht mir gestatten, an seine Stelle zu treten? Ich darf mich wahrhaftig keiner glänzenden Eigenschaften rühmen; aber daß ich Muth genug hätte, Sie zu schützen und für Sie zu kämpfen, gegen wen es auch immer sei — daß ich zu jeder Stunde bereit sein würde, für Sie einzutreten mit Allem, was ich bin und habe, deffen dürfen Sie sich bei Gott versichert halten."
Maud hatte bei seinen ersten Worten traurig den Kopf geschüttelt; nun aber reichte sie ihm plötzlich die Hand und mit leuchtendem Blick erhoben sich ihre Augen zu seinem Gesicht.
„Wie gut Sie sindl — Ich danke Ihnen — ich danke Jhnea von ganzem Herzen. Und wenn ich auch in diesem Augenblick nicht sagen kann: Ja, ich nehme Ihren Beistand an — so weise ich doch auch das großmüthige Geschenk Ihrer Freundschaft nicht zurück. Wenn man so allein und verlaffen ist wie ich — doch nein — ich will nicht davon sprechen; denn noch habe ich vielleicht keinen Grund, zu verzweifeln. Wenn jemals der Tag kommen sollte, an dem ich mir selber nicht mehr zu rathen und zu Helsen weiß — wen« ich einen Beschützer, einen Bruder brauche, — dann, ich verspreche e» Ihnen, Herr Stralendorf, dann werde ich mich an Sie wenden und werde Sie an diese Stunde erinnern-"
Ein Geräusch wie das Knirschen von steinigem Kies unter einem Menschentritt wurde ganz in ihrer Nähe laut und veranlaßte sie, sich hastig umzuwenden. Sie gewahrte den schattenhaften Umriß einer hohen, hageren Männergestalt, die sich aus dem Dunkel der Gebüsche hinter ihnen loslöste, und wenige Augenblicke später stand Thomas Ellis neben ihnen auf dem Vorsprung der Terrasie.
Als hätte er die Anwesenheit Georgs gar nicht bemerkt, wandte er sich mit ruhig klingender Stimme gegen Maud.
»Ich suchte Sie überall; denn Ihre Frau Mutter und Ihr Onkel befinden sich in großer Sorge wegen Ihres räthselhaften Verschwindens. Gestatten Sie mir, Sie daraus zu befreien, indem ich Sie zu ihnen zurückführe."
Er machte eine Bewegung, als wollte er ihr feinen Arm reichen, doch sie wich, trotzig das feine Köpfchen erhebend, vor ihm zurück und legte ihre Hand auf den Arm des jungen Deutschen.
„Geleiten Sie mich in den Saal, Herr Stralendorf," bat sie. „Und erlauben Sie mir, daß ich Sie mit meinem Oheim bekannt mache. Meine Mutter und ich, wir haben ihm schon oft von Ihnen gesprochen."
Von einer Empfindung namenloser Seligkeit durchsträmt, leistete Georg ihrer beglückenden Aufforderung Folge und er warf ebensowenig wie seine schöne Begleiterin einen Blick nach dem Engländer zurück, der mit verschränkten Armen an der Brüstung der Terrasse stehen geblieben war.
V.
Mit vollkommener Höflichkeit zwar, doch mit erkältender, echt englischer Zurückhaltung hatte der Consul die Vorstellung des jungen Mannes entgegen genommen. Nach einigen con» ventionellen, nichtssagenden Worten glaubte er die Förmlichkeit offenbar vollständig abgethan, und eine fühlbare Strenge war in seinen Worten, als er sich gegen Maud mit der Bemerkung wandte: „Du bist nicht sehr artig gegen Herrn Ellis, mein Kind! Seit ungefähr einer halben Stunde lässest Du Dich vergebens von ihm suchen."
„Herr Ellis hätte sich diese Mühe sparen können," gab sie statt aller Vertheidigung mit erzwungener Ruhe zurück, „beim ich bin meines Wissens weder seiner Obhut anvertraut worden, noch habe ich ihm ein Recht gegeben, sich um meinen Verbleibs» kümmern."
Der Consul zog die Augenbrauen in die Höhe. Etwas wie eine zornige Zurechtweisung schien ihm auf den Lippen zu chweben. Aber Frau Donaldson, die ihres Bruders Gesicht mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete, kam seiner Aeuße» rung zuvor.
„Wahrscheinlich hat es irgend ein kleine» Mißverständniß zwischen ihnen gegeben," raunte sie ihm zu, flüsternd zwar, doch immerhin laut genug, um ihre Worte auch für Georg verständlich zu machen. „Rege Dich darum nicht auf, denn es löst stch ohne Zweifel ganz von selbst"
Herr Robert Elmrley zwang denn auch seinen Aerger nieder und begnügte stch, mit einigem Nachdruck zu sagen: „Ich hoffe, daß Du Herrn Ellis wenigstens ein paar freund» liche Worte gönnen wirst, wenn er zurückkehrt. Es ist das doch wohl die geringste Entschädigung, welche er erwarten darf"
Maud mußte fühlen, wie namenlos peinlich diese Scene für Georg war und sie machte ihr deshalb kurz entschlossen ein Ende.
„Was Herr Ellis beanspruchen darf, soll ihm zu Theil werden," erwiderte sie. „Aber Du wirst nicht verlangen, Onkel, daß ich um seinetwegen Schmerzen leide. Ich ging in den Garten hinaus, weil ich mich unwohl fühlte und meine Migräne hat sich seitdem so sehr verschlimmert, daß ich nur noch den Wunsch habe, so schnell al» möglich nach Hause zu kommen."
Ihr angegriffenes Aussehen sprach so überzeugend für die Wahrheit dieser Mittheilung, daß es geradezu eine Grau« samkeit gewesen wäre, ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu versagen.
Mit recht verdrießlicher Miene zwar, doch ohne jede Einwendung reichte ihr denn auch der Consul seinen Arm. Der Gruß, den er Georg zu Theil werden ließ, war ganz so herablassend und kühl, wie es dem gewaltigen gesellfchastltcheu Rangunterschied zwischen einem Consul Ihrer britischen Majestät, der obendrein ein Millionär ist, und dem mittellosen.Clerk irgend eines Handelshauses entsprechen mochte.
Auch Frau Donaldson neigte mit einem recht sauersüßen Gestcht zum Abschied den Kopf.
Maud aber wandte ihm voll ihr liebreizendes Antlitz zu und reichte ihm, unbekümmert um die Billigung ober Mißbilligung der Anderen, noch einmal ihre kleine, weiche Hand.
„Auf Wiedersehen!" sagte sie leise und ihre wundersam tiefen Augen, in die er für einen Moment wie in einen offenen Himmel blicken durfte, schienen diesen beiden verheißungsvollen Worten noch etwa« hinzuzusügen, dar zu wonnevoll und köstlich war, al» daß sich nicht eine Empfindung zagenden Zweifels in feine junge Seligkeit hätte mischen sollen.
Er folgte dem geliebten Mädchen mit den Blicken, bi« sie am Arm ihre« Oheim« den Saal verlassen hatte und dann sah er sich um wie Jemand, der au« einem herrlichen Traume erwacht, unfähig, seine Gedanken und Vorstellungen sogleich wieder der nüchternen Wirklichkeit anzupaffen.
Auch er hätte sich jetzt auf dem kürzesten Wege au» dem Festgewühl, da» jeglichen Reiz für ihn verloren hatte, entfernt, wenn ihn nicht einer feiner Clubfreunde halb gewaltsam fest- gehalten hätte, um ihm ausführlich eine Neuigkeit zu berichten, die dem Erzähler selbst über alle Maßen interessant erschien- Al» es ihm endlich gelungen war, loszukommen, wollte er, um neuen Hindernissen auszuweichen, die kürzere Richtung über die mit kleinen Tischen und leichten Bambusstühlen besetzte Veranda nehmen. Doch er hatte die in den Garten hinabführende Treppe noch nicht erreicht, als er sich abermal« angerufen hörte und diesmal von einer Stimme, die ihn veranlaßte, hastig den Kopf zu wenden, weil er allen Ernster glaubte, das Opfer einer Täuschung geworden zu sein-
Doch er mußte sich überzeugen, daß sein Ohr ihn nicht betrogen habe. Es war wirklich kein Anderer, als Thomas Ellis, der feinen Namen in einem so jovialen Ton gerufen hatte, wie er sonst nur unter vertrauten Freunden üblich in- An dem letzten der kleinen Tische, in einem ziemlich versteckte»


