Ihr Vermächtniß.
Roman von Maximilian Moegelin.
(Fortsetzung.)
„Nicht wahr, Kind," sagte Thielemann und klopfte Hertha freundlich die Wange, „nachher spielst Du uns noch das Lied, das Du bet Ribolds kürzlich so wunderbar vorgetragen."
„Gewiß, Onkel Thielemann, von Herzen gern." Und wieder ließ sich Hertha nieder und spielte „Ein Sommertag in Norwegen", Fantasie von Wilmers. Der alte Amts« Vorsteher küßte ihr bewegt die Stirn, als sie ihr Spiel be- endet, und Frau von Wildenau winkte Hertha freundlich zu.
Nun kam die Reihe an Gertrud, die sich lächelnd niederließ und die Noten weglegte. „Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe," spielte sie und sang das Lied so klar und glockenrein, wie es im rothen Salon auf Wildenau schon oft ertönte. Auf dem Gesicht ihrer Mama lag Mutterstolz und heiterer Sonnenschein, aber es erfreute auch alle Anwesenden und nicht zum wenigsten den Ingenieur, der kein Auge von der wilden Trude wandte, deren Schneeglöckchen am Busen auf« und niedergingen.
Al« die letzten Töne verklungen, klangen wieder die Gläser und der Oberförster stieß mit der Frau von Wildenau an, denn er gönnte ihr diese Freude von ganzem Herzen,
In heiterster Weise plauderte man von Diesem und Jenem, und man hätte fast glauben müssen, daß die Freunde schon'jahrelang in dieser Gesellschaft verkehrten.
„Wenn ich nur wüßte, Thielemann, was Du so Besonderer in Deinem Keller hast, ich möchte am liebsten schon morgen zu Dir kommen," sagte der dicke Ribold.
„Nun, dar würde Dir doch nichts nützen, liebes Heide- siieß — wird nicht früher verzapft, aber dann sollst Du Dich auch laben," erwiderte der Alte so sonderbar lächelnd, als wollte er sagen: „Die Nummer, die ich im Keller habe, ist gut, aber wehe dem, der zu oft den Boden sieht."
„Womit wird uns nun der Herr Baumeister überraschen?" flüsterte Gertrud ihrer Freundin zu, die Beide jetzt am Fenster standen und in die friedliche Mondnacht sahen.
«Vielleicht wird e» etwa« sein, war unsere Ohren noch
Dornm-tak ötA 12. September
Nr. 108
1805.
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Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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nicht gehört," sagte Hertha. „Aber wie gefällt Dir dieser Mann?"
„Ueber alle Kritik erhaben, Herzchen, alle meine Erwartungen sind in den Schatten gestellt. Diese fast unheimliche Ruhe und Sicherheit in seinem Wesen, dieser freundliche, erhabene Blick seiner himmelblauen Augen, die übrigens den Deinen nicht unähnlich sehen, und seine Worte, wie Gold gewogen, wirken so überzeugend und wohlthuend wie die unumstößliche Wahrheit. Nun, Hertha, ich habe so einen Mann noch nicht gesehen."
„Aber auch sein Freund, Gertrud, scheint ihm sehr ähnlich zu sein, wiewohl sein Wesen ja eher das Gegentheil ist. Frohsinn und Humor scheinen seine ständigen Begleiter zu sein. Sieh' nur, Trude, wie herzlich Dein Papa lacht und wie er nun vergnügt mit ihm anstößt l"
In diesem Augenblicke ging der Baumeister zum Clavler und lautlose Stille trat ein.
Sonderbare, höchst sonderbare Töne erklangen nun, fremde, ganz eigenartige Melodien ertönten, bald schien aus ihnen tiefe Trauer, dann einige Zufriedenheit, dann wieder Lust und Frohsinn zu sprechen. Es schien die Sprache einer fremden Volkes zu sein, die Niemand wußte, wo er sie hinbringen sollte. Und als der Baumeister dieses Vorspiel beendet, spielte er und sang die „Paloma". Es war ein Vortrag von größter Vollendung, und Alle lauschten begeistert diesem wunderbaren Spiel- Aber seine Gedanken weilten nicht in dieser Gesellschaft, nicht auf dem freundlichen Lindenheim mit seinen herrlichen Waldungen, sondern im epheuumrankten Farmhause in Wiskonsin, ihm war es, als fühlte er Jemand zu seiner Rechten, als spielten vier Hände und sangen zwei Stimmen.
Der Baumeister sang den zweiten Vers mit derselben Wärme, mit derselben Ruhe, er sah den Mond am wolkenlosen Himmel gespenstisch seine Schatten in die Kronen der hohen Bäume werfen; er sang den driten Vers und ihm wurde wieder leicht, so leicht um's Herz, als wäre Trost und seliger Friede eingezogen. Weit hinaus erklang sein Lied durch die offenen Fenster in die laue Luft und Sternenlicht fiel in sein Gestcht. Als die letzten Töne verhallt, erhob er sich, Allen dankend, die ihm ihre Anerkennung für den seltenen Genuß brachten.


