Zuletzt trat der Oberförster zu ihm und drückte ihm freundlich die Hand.
„Herr Baumeister," sagte er, „Sie können nicht ahnen, wie wohl Sie meinem Herzen mit diesem Liede gethan- Ich habe es in Mexiko und Vera-Cruz oft und gern gehört zu einer Zeit, als ich sinnetrunken dieses gottgesegnete, herrliche Land durchwanderte."!
Und der Oberförster stieß mit ihm an, und sie stießen Alle an und leerten ihre Gläser.
In bester Harmonie verlief nun schnell die Zeit, bis der alte Amtsvorsteher zum Ausbruch mahnte.
„Ich werde meinen Wagen sogleich ansprnnen laffen, meine Herren," sagte der Oberförster zu den Freunden, als sie sich von ihm verabschieden wollten.
„Aber tausend Dank, Herr Oberförster, wir sandten unser» Wagen fort, da es uns ein besonderes Vergnügen ist, in dieser schönen Nacht den uns hinlänglich bekannten Weg zu Fuß zu machen," erwiderte Heyd.
„Nun, wie es Ihnen beliebt, meine Herren."
Und „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen" hieß es von allen Seiten.
Siebentes Capitel.
Arm in Arm schritten nun die Freunde langsam an der Seite der Fahrstraße unter den hohen Buchen entlang, durch deren junges Laubdach die Sterne schimmerten. Auf der anderen Seite des Weges zog sich dichter Tannenwald die Anhöhe hinauf bis zum Gestell nach Birkheim. Hinter leichten Wolken trat der Mond hervor, dessen magisches Licht die Schatten der hohen Tannen weit in den Weg warfen. Eine Nachtschwalbe flog fast zu ebener Erde in den Laubwald und der kurze Ruf einer Eule ertönte au« dem dichten Tannenhag. Schweigend schritten die Freunde nebeneinander.
„Sagtest Du etwas, Karl?" fragte Arthur nach einer Weile.
„Ich, Arthur? — Nein, ich sagte doch wohl nicht«."
„Aber wo weilen denn jetzt Deine Gedanken, mein lieber Karl! Als wir unten im Thals waren, war Deine Stimmung auf der Höhe und nun wir auf der Höhe sind, scheint Deine Stimmung im Thal zu sein!" , ,
„Hm, Arthur — ich dachte nur an den schönen Abend, den wir heute verlebten und werde Dir ewig dafür dankbar sein." Wieder trat Schweigen ein.
„Welch' eine herrliche Nacht heute! So ganz geschaffen, seinen Gedanken nachzuhängen!" sagte Arthur nach einer Weile. „Aber sage mir doch, Karl, wie gefiel Dir denn der Herr von Wildenau? Ist er nicht ein prächtiger alter Herr?"
„Der Herr von Wildenau?" sagte Karl, wie vom Traume erwachend. „O — dieser Herr gefällt mir sehr gut, das heißt, die anderen Herren ebenfalls; ach ja — das kann man wohl nicht anders sagen."
„Und die Damen, Karl?"
„Ach, die natürlich auch, lieber Arthur. Ach, weißt Du, lieber Sohn," sagte Karl nach einigem Sinnen, „mir ist'«, als wäre hier das Echo von Lindenheim und alle die Sieber von heute Abend klängen hier wieder!"
„O, wie poetisch, Karl! Fürwahr, ich hätte solch' eine innere Regung meinem lustigen Freunde gar nicht zugetraut! Und welches Lied gab Dir denn das Echo zurück, als Du so sinnend lauschtest?"
„Ach, Arthur, ich hörte nur ihr Lied: Nur einmal im Leben die Liebe. — Ja, Arthur, jetzt verstehe ich, wenn Faust bei seiner Lampe Dämmerschein sich nach etwas sehnte, was sein Herz nie zuvor gekannt, daß er liebestrunken war, als er Margarethe im Sonnenglanz erblickte! Ja, es ist wahr, mein treuester Freund: Die Liebe ist kein leerer Wahn. — Wenn heute Morgen noch Jemand zu mir gesagt hätte: Hellmuth, halten Sie Umschau unter den Töchtern des Landes, die Liebe wird sich finden, dann hätte ich geantwortet wie schon oft zuvor: Nonsens, nonsens, glaube nicht an diesen Zauber! Aber jetzt, Arthur, ist mein Herz geöffnet und ein wunderbares Sehnen geht durch dasselbe. Immer wieder und
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immer wieder klingt es in meinen Öhren und dringt zu meinem Herzen: Nur einmal im Leben die Liebe."
„Nun, mein guter Karl, laß nur die Thüren Deines Herzens offen stehen — bei Einem früh, bei Einem spät — was Dir befchieden ist, dem entgehst Du nicht! — Aber es entspricht auch so recht Deinem Wesen — sehen und lieben mit felsenfester Ueberzeugung ist bei Dir eins! Weißt Du, liebster Freund," sagte Arthur lächelnd, dem sonst so lustigen Ingenieur sanst auf die Schulter klopfend, „weißt Du, ich werde darüber ein kleines Ding schreiben, ich werde es recht humoristisch machen, vielleicht „Der Liebe Anfang" oder „War ich im Thale sah" — war meinst Du dazu?"
„Hm, — schau wie Du heimzahlst, Arthur, aber da« wirst Du natürlich nicht thun!"
„Nein, Karl, da kannst Du unbesorgt sein, denn war heutzutage zusammengeschrieben wird und was sich Alles dazu berufen fühlt, das ist nicht mehr schön. Freilich, es kann auch nicht Jeder einTurgenjff, ein Ohnet oder Spielhagen sein."
Frohe Stunden waren es, welche die Freunde in dieser Gesellschaft verlebten. Zur bestimmten Stunde hielt stets ein Wagen vor dem „Deutschen Hause", der sie abholte. Oft richteten es auch die Herrschaften so ein, daß sie ihre Einkäufe und sonstigen Geschäfte, die sie nach der Stadt führten, an diesem Tage machten und fuhren dann stets in Gesellschaft zurück.
Traf es sich einmal, daß die Freunde nicht bestimmt zu- sagen konnten, dann wurde lange debattirt, bis der Ribold stets sagte: „Meine Herren, Sie dürfen einfach nicht fehlen, schon wegen der beiden dritten Mann zum Skat."
Aber heiter verliefen diese Abende, denn der Ingenieur, der von natürlichem und oft sprudelndem Humor war, brachte häufig die ganze Gesellschaft in heiterste Stimmung. Die alten Herren, die sonst ziemlich ernst waren, still ihren Skat spielten und ruhig jedes interessante Spiel kritisirten oder höchstens der Herr Mühlenbesitzer bei einem Grand mit Vieren, schmunzelnd hin- und hsrrückend, einige Bemerkungen machte, wurden bei diesem Frohsinn wieder jung. Ueber diesen Skattischen hätte man auch an die Wand schreiben können: „Humorlose Menschen sind uns ein Gräuel."
Häufig drang ein schallende« Gelächter durch das Zimmer und der alte Amtsvorsteher, der zu seiner Zeit in Bonn und Heidelberg auch keiner von den traurigsten war, mußte ost so herzlich lachen, daß die hellen Thränen sein gefurchtes Gesicht herunterrollten.
Eines Mittwochs traf Heyd seinen Freund schon auf dem Bahnhofe und sie gingen den weniger belebten Fußweg zur Stadt. Hellmuth, der wie gewöhnlich bei frohester Stimmung war, hielt sehr vorsichtig in seiner Linken einen Gegenstand, der sorglich in einer Seidenhülle geborgen war.
„Was trägst Du denn dort mit so großer Vorsicht, Karl? Es sieht ja fast so aus, als hätte Flora Dich mit einer besonderen Mission betraut!"
„Ja, Arthur, so ist es auch, steh' nur einmal her." Und er öffnete die obere Hülle.
„Ah, welch' ein prächtiger Blumenstrauß; und wie sinnig, oben eine weiße Rose, umgeben von Vergißmeinnicht! Aber sage mal, ist auf Wildenau vielleicht heute Geburtstag?"
„Nein, Arthur, daß ich nicht wüßte, aber mit diesen Blumen hat es seine eigene Bewandtniß!"
„Nun, da bin ich doch neugierig, zu hören, was da kommen wird!"
„Nun, so höre denn, Du Weiser, und stehe mir Rede und Antwort! — Bis vor Kurzem, Arthur, da bin ich de« Morgens so aufgestanden, wie ich mich des Abends nieder- legte; aber seit dem Tage, an dem ich das erste Mal dort unten war," — und er gab mit dem Finger die Richtung an — „da ist es anders geworden. Denke Dir nur, welch einen sonderbaren Traum ich in letzter Nacht gehabt: Ich schritt an einem reißenden Bach, dessen Quellen von steilen Felsen stürzten, und gelangte in einen Wald, viel schöner als jener von Lindenheim. Dort sangen die Vögel so herrlich/ wie ich sie nie zuvor gehört- Voll Bewunderung schritt ich


