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UnterhaUungsblatt zum Girßrner Anzeiger (General-Anzeiger).
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Sturmfluth.
Roman von Em. Heinrichs. ,
(Fortsetzung.)
,/Ach natürlich, Elisabeth war ja als kleines Ding schon Deine begeisterte Lobrednerin und Fürsprecherin," erwiderte die Tante mit einem humoristischen Seufzer, „eine Krankheit, die mit den Jahren nur zugenommen hat. Aber daß Ihr Eure Rechnung ohne den Wirth, nämlich den Papa Haupt« mann gemacht habt, scheint Euch gar nicht in den Sinn gekommen zu sein. Mein Himmel, welch' ein Wirrsal von Gefahr und Thorheit!"
„Meine einst so muthige Tante Dorothea scheint mit den Jahren recht zaghaft geworden zu sein," bemerkte Willibald nach einer Pause.
„Horch, war ist dar?" fuhr die alte Dame erschreckt empor- „Die Thurmglocken läuten — und jetzt — Roth- fignale, großer Gott; dar Wasser wird gekommen sein, die Armen in der unteren Stadt und am Flusse, Melchiors sind in ernster Gefahr und wenn'» hoch steigt, auch das Haus, wo Ehrhard» wohnen. - Ach, da klingelt'-, der Schreck liegt mir in allen Gliedern, rasch in Dein Versteck, Willibald!"
Der junge Mann sprang in die Kammer, blieb aber hier lauschend stehen. Tante Dorothea öffnete die Corridor- thür.
„Eie find'», lieber Professor! — Beij Ihnen ist doch nicht« passtrt?"
Professor Carlsen folgte ihr erregt in's Zimmer-
„Das Wasser steigt mit furchtbarer Schnelligkeit," sagte er halblaut, „ich muß sehen, wie es bei Hauptmanns steht. Vor allen Dingen aber, liebe Freundin, ist Willibald hier?"
„Ja, in seinem Versteck —"
„Gott sei Dank, meine Frau und Tochter sterben vor Angst, sie müssen sich aber gedulden."
„Mein Bruder kann doch nichts zu fürchten haben?" «einte Tante Dorothea. „Höchstens kommt's dort in den Keller. Aber die armen Melchiors —"
"Ach, die bergen sich wohl oben in ihrem Hause; der Kröte von Bernhardine kann die Abkühlung nicht schaden, eine solch, elende Kreatur —"
Er fuhr erschreckt zurück, als die Nebenthür sich öffnete und Willibald im Ueberzieher, den Hut in der Hand, in's Zimmer trat.
„Ich begleite Sie, Herr Professor!" sprach er in einem sehr bestimmten Tone. „In derartigen Rettungsarbeiten besitze ich eine gewisse Uebung."
„Aber um Gotteswillen, was fällt Ihnen ein?" rief der Professor entsetzt. „Wollen Sie sich durchaus kopfüber in Ihr Verderben stürzen?"
„Rein, Willibald, eine solche Unklugheit dulde ich nicht, das hieße Gott versuchen," setzte Tante Dorothea energisch hinzu-
„Gott versuchen, indem ich eine Menschenpflicht erfülle», mein Leben einsetzen will für die Rettung meiner Mitgeschöpfe? — Das geht über mein Vsrständniß, Tante! — Vorwärts, Herr Professor, jede Minute Verzug kann ein Verbrechen gegen Menschenleben sein. Die Melchior» wohnen doch noch in ihrem alten Hause?"
„Ja," klagte die alte Dame händeringend, „und die arm« Sude ist jetzt ganz gelähmt."
„Großer Gott, und wir zaudern hier noch —"
„Aber die Melchior hat Sie denundrt, Willibald!" rief der Professor, mit dem Fuße stampfend.
„Als ob das einen Mann von Ihrer Gesinnung, «ein treuer, väterlicher Freund, von der Rettung eine» Menschen- leben» abhalten könnte. Kommen Sie, Herr Professor!"
Er schritt voran, worauf dem alten Herrn nicht» anderes übrig blieb, als ihm zu folgen und Tante Dorothea mit ihrer Herzensangst allein zurückzulassen.
VI.
Draußen goß es noch immer in Strömen herab. Von den Thürmen scholl der Glockenruf laut mahnend an Pflicht und Menschenliebe- Soldaten und Feuerwehr eilten den bedrohten Punkten zu, wo Hilfe- und Angstgeschrei jammernd die dunkle Nacht durchtönten. Die Wogen strömten und rauschten unheimlich vorwärts, Alle», was in ihren Bereich kam, mit sich fortreißend. Höher und höher schwollen fi« an, I selbst hochgelegene Straßen schon gierig angreifend. Dazu der immer stärker heulende Wind und der Regen, welche mit höhnendem Spott die Fackeln verlöschten.


