Ausgabe 
12.1.1895
 
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Aathks« stand di« Xetterschaar da, da sie mit ihren Kähne» Gefahr lief, von den im Strome dahinwirbelnden Bretter«, Balken und allem möglichen Hmsgeräth, das die gierig, Fluth auf ihrem vernichtenden Pfade mit sich gerissen, zertrümmert zu werden und selber den Untergang zu finden.

Da erschien Willibald, welcher den Professor, der ihm doch nur im Wege war, nach der Wohnung de» Hauptmanns gesandt hatte, am Platze.

Wir müssen große Laternen anstatt der Fackeln haben, meine Herren!" ertönte plötzlich eine feste, klare Stimme durch den Wirrwar.Aber rasch, bevor unsere Hilfe zu spät kommt. Die Tavallerie wird Stalllaternen in genügender Anzahl entbehren können."

Die Nothlage war zu einer so drohenden gestiegen, daß man fich den Fremden, der seinen Vorschlag kurz, ja fast ge- bieterisch geltend machte, gar nicht genauer ansah, sondern die Zweckmäßigkeit sofort begriff und Soldaten zur schnellsten Ausführung nach den Ställen commandirte.

Mittlerweile wurden die Kähne in Bereitschaft gesetzt, die Pechfackeln immer wieder entzündet, um wenigsten» keine Zeit mehr unnütz zu verlieren und die Fahrzeuge vor der Zertrümmerung zu bewahren. Daß es ein äußerst Wfahr- »oller Versuch werden mußte, sah Jeder ein und den Familien' vätern, besonder» unter der Feuerwehr, mochte e» schwül genug dabei werden.

Ich erlaube mir den ferneren Vorschlag, meine Herren," nahm Willibald jetzt wieder da» Wort,für diese vorau»' sichtlich lebensgefährliche Fahrt Freiwillige aufzurufen und diese unter mein Commando zu stellen, da ich kein Neuling in derartigen Rettungsversuchen bin."!

Da» habe» wir bereit» bemerkt," sagte ein Offizier, also Freiwillige vor!"

Auch ich gebe meine Einwilligung dazu," rief der Feuerwehr-Hauptmann,ich werde aber mitfahren."

Ich ebenfalls," setzte der Offizier hinzu und nun dräng« ten fich genug Freiwillige vor, au» denen Willibald, al» die Soldaten mit den große» Stalllaternen, welche zweckmäßig in die Fahrzeuge vertheilt werden sollten, zurückkehrten, eine Au»lese hielt.

Al« die Zurückbleibenden murrten, rief er mit heiterer Zuverficht:Bleiben Sie nur hier zur Ablösung, wir werden später noch neue Kräfte nöthig haben."

Vorwärts ging'« jetzt mit vier Kähnen, von welchen Willibald mit einigen handfesten Leuten der Feuerwehr die Spitze genommen, in die wild dahinbrausende Fluth hinaus. Der junge Mann, welcher da« Steuer mit fester Hand regierte, schien in seiner Stimme eine Zaubergewalt zu besitzen, da seine Anordnungen, welche besonders das Vermeiden der daher« schießenden Gegenstände betrafen, von dem nachfolgenden Kahne aufgefangen und weiter nach rückwärts gegeben wurden.

Nur wenige Minuten und gellende Hilferufe drangen zu ihnen aus einem zweistöckigen Hause, wo das Wasser beinahe die oberen Fenster schon erreicht hatte.

Willibald stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen das Steuer, um seinen Kahn näher an'» Ufer zu bringen, was ihm glücklich gelang, worauf die übrigen Fahrzeuge seinem Beispiele folgten. E« war eine ungeheure Aufgabe, welche fich diese todesmuthigen Männer in dunkler Nacht, nur vom unbestimmten Laternenlicht geleitet, gestellt hatten, aber die Zuversicht des kühnen Führers, den Niemand kannte, seine Kaltblütigkeit und Umsicht, sowie die richtigen und bestimmten Anordnungen desselben erfüllte» Alle mit gleich ruhiger Un« rrschrockenheit und Zuversicht.

Während einige Männer die Ruder einstemmten, um die Fahrzeuge festzuhalten, schwang sich Willibald mit beispielloser Kühnheit und Gewandtheit in eins der offenen Fenster und leitete von hier aus die Rettung der Unglücklichen, von denen eins kranke Greisin und ihr halb blödsinniger Gatte ihm die größte Mühe machten.

Al» die Bewohner sämmtlich untergebracht waren, mahnte er, sich rasch wieder in seinen Kahn schwingend, daß Eile noth thue da einige Häuser der Niederung, besonder» de«

Candidaten Melchior Hau«, in «och größerer Gefahr schweb« ten. Er werde den Weg dorthin allein nehmen, um nicht zu spät zu kommen und überlasse sein»» tapferen Mitkämpfern die nächsten Hilfsbedürftigen.

Ein Hoch erscholl plötzlich wie auf Commando und weh« müthig lächelnd ließ Willibald seinen Kahn vorwärts schießen. Nicht alle Bewohner waren in Lebensgefahr, nur die der­jenigen Häuser, welche au» einem Erdgeschoß und ersten Stock bestanden, waren der immer höher wachsenden Fluth gänzlich preisgegeben; denn wer noch außerdem einen Giebel besaß, durfte sich einigermaßen für gesichert halten. Da» Melchior'sche Haus bestand aber nur au» Erdgeschoß und einem Stockwerk, mit flachem Dach versehen, weshalb seine Bewohner in un­mittelbarster Lebensgefahr schwebten.

Wollte Gott, der dieses elementare Unheil gesandt, die Herzen seiner Menschenkinder prüfen ob ihre» Inhalts an Barmherzigkeit und Liebe? Dann wurden diese kühnen Retter sicherlich nicht zu leicht erfunden!

Das Melchiorffche Hau« war jetzt erreicht; nur ein trübe« Licht schien int oberen Stock an der Decke zu schweben, sonst war Alles hier dunkel und ruhig.

Scheint schon zu spät zu sein," bemerkte einer der Männer im Kahn, als sie an der Mauer lagen und ihre Ruder gegen den Strom stemmten.

Werden dar Haus schon früher verlassen und sich bei Zeiten in Sicherheit gebracht haben," meinte der zweite zu» verfichtltch.

Gott gebe es," sagte Willibald,denn sonst fürchte ich das Schlimmste. Das Wasser hat die Fenster hier oben schon eingedrückt, wie ich sehe. Holla, ist noch Jemand drinnen?" schrie er mit starker Stimme.Was mag da« Licht da oben an der Decke"

Er verstummte entsetzt und war dann mit kräftigen Hän­den bemüht, den Fensterflügel vollend« einzustoßen, da er ein angstvolle« Stöhnen gehört hatte. Nach wenigen Minuten war es ihm gelungen. Er rief den Männern zu, den Kahn festzuhalten und war dann mit einem Schwünge im Zimmer, wo ihm, der eine sehr hohe Gestalt besaß, das Wasser bereit» bis hoch über'» Knie ging. Jetzt sah er, daß man eine Laterne oben an einen Haken, der einen kleinen Kronleuchter getragen, befestigt hatte, jedenfalls al« eine Art Nothsignal, und da war das ein Mensch, der auf einer in der Ecke lehnenden Leiter stand und mit Aufbietung aller Kräfte eine weibliche Gestalt, die ihn im nächsten Augenblicke herabzuziehen drohte, hochzuhalten suchte?

Willibald war bereits neben der Leiter und fing die Ge­stalt mit feinen starken Armen auf.

Herr Candidat!" rief er erschüttert.Sie find'»? Kommen Sie, ich bringe Rettung!"

Retten Sie meine arme kranke Schwester, fie ist ohn­mächtig," stieß Melchior keuchend hervor.

Ihre arme Schwester ist's ? Gott im Himmel, kom­men Sie rasch, da» Wasser steigt noch immer. Wo find die anderen Bewohner, Sie haben noch eine Schwester"

Ich hole sie," sprach der Candidat, seine Erschöpfung überwindend und von der Leiter herabsteigend.Sie sitzt mit den Anderen, vier Personen im Ganzen, auf dem Plateau de« Daches, wohin ich die arme Lucie nicht mehr zu bringen ver­mochte."

Das werde ich allein schon machen, Sie sind ja voll­ständig entkräftet, vorwärts, Herr Candidat, der alte Gott lebt noch und läßt die Seinen nicht untergehen."

Melchior ließ sich von seinem Retter, den er gar nicht erkannte, mechanisch fortziehen, da dieser die leichte Gestalt der Ohnmächtigen ohne Anstrengung mit dem einen Arme festzu­halten vermochte. Dem kleinen Candidaten kostete es große Mühe, durch da» Wasser zu kommen, doch waren e» ja nur wenige Schritte bis zum Fenster und so gelang es dem treff- chen Willibald, sowohl die arme Ohnmächtige wie Melchior lücklich in den Kahn zu bringen.

Droben aus dem Dache find auch noch Leute!" riefe»