„Und woher wissen Sie, daß ich ihn treffe oder daß es sich überhaupt um einen jungen Mann handelt?" O Die Jungfer lachte.
i K „Nun, Miß Netta, so weit habe ich meine Augen doch offen," sagte ste. „Ich bin selbst einmal jung gewesen und ich habe auch früher schon bei jungen Damen gedient und kenne ihre Gewohnheiten zu gut, um mich leicht täuschen zu lasten. Sowohl um Ihrer selbst äls um des jungen Herrn willen wäre es viel bester, wenn Sie mir Vertrauen schenkten, Miß Netta."
„Und wenn Sie nun Recht hätten .... was könnten Sie für mich thun?" fragte Netta.
„Nun, Miß, es heißt : Wahre Liebe führt zur Ehe und ich würde viel lieber einer jungen Frau aufwarten, als einem unverheiratheten Mädchen, das von Lady Emily und dem alten Grafen abhängig ist, der ein recht grämlicher Herr ist."
„Aber Sie vergessen, daß ich noch zu jung bin. Ich bin ja erst siebzehn Jahre alt."
„Mein Gott, Miß Netta, wie können Sie so reden! Sie haben gewiß schon manchmal von jungen Damen gehört, die sich mit siebzehn Jahren verheirathet haben und erst al» junge Frauen in der Gesellschaft glänzten."
Netta lachte munter. Solche Ansichten paßten so recht zu ihren Phantasien.
„Aber wenn ich nun gar nicht heirathen wollte?"
„Wenn Sie überzeugt find, daß der junge Mann gar nicht für Sie paßt, so ist da» überhaupt etwa» ganz Anderes," entgegnete die Jungfer zögernd. „Dann könnte ich es vor meinem Gewissen nicht verantworten, die Sache zu unterstützen. Aber da» ist ja nicht möglich. Sie können nicht für Jemand Interesse hegen, der Ihnen an Bildung nicht gleichsteht."
„Davon können Sie überzeugt sein, Susy," erwiderte Netta voll Stolz, „daß mich nur ein feingebildeter und ein junger Mann zu solchen kleinen Promenaden verleiten könnte, wenn da» — wie Sie vermuthen — der Fall wäre."
„Ich vermuthe nicht nur, sondern ich weiß es," entgegnete die Jungfer ruhig.
„So? Und woher?" fragte Netta erröthend.
„Das thut ja nicht» zur Sache. Ich verfichere Ihnen nur, daß ich keine Lüge sage. Ich will Ihnen ja auch nur beweisen, daß Sie mir vertrauen können."
Netta nahm schweigend ihre Handschuhe von der Jungfer in Empfang und mit freundlichem Kopfnicken, da» vielleicht mehr ausdrückte als Worte, verließ sie das Zimmer.
Die Jungfer blickte ihr spöttisch lächelnd nach.
„Sie weiß auch nicht ein Viertel von der Wahrheit," murmelte sie. „Sie hat keine Ahnung davon, daß ich sagen könnte, war zu wissen sie mit der Hälfte ihres Vermögens bezahlen würde. Soll ich es so fortgehen lassen? Warum auch nicht? Soll ich mich immer nur um Andere sorgen und nicht auch einmal an meine eigene Zukunft denken? Ich bin nun sechrunddreißtg Jahre alt und noch nicht verheirathet. Wenn ich überhaupt heirathen will, da wäre es nun wohl an der Zeit ... hm! Da ist Ponsford, der mich immer bewundert und Alles thut, um mir Interesse für sich einzuflößen. Freilich ist er bedeutend älter als ich und im Grunde auch nicht so ganz nach meinem Geschmack. Und doch ist er eine gute Partie und e« hängt nur noch von mir ab. Er wird mir Alles sagen, was ich wissen möchte und dafür sorgen, daß ich einen guten Lohn für meine Mittheilungen bekomme, und wenn ich mich nicht sehr irre, wird er auch einen guten Ehemann geben."
Da aber wurde die Jungfer in ihrem Ueberlegen durch dar Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg unter dem Fenster unterbrochen und eine Stimme rief: „Bst! Susy! Kommen Sie heraus, wenn Sie allein find!"
Rasch legte ste die Arbeit bei Seite und stieg die Stufen hinab.
Der Diener Ponsford begrüßte ste mit, freundlichem Lächeln.
„Nun, Susy, was gibt es Reue» heute? Ist meine Herrin wieder an den gewöhnlichen Zusammenkunftsort gegangen?"
Die »geredete warf kokett den Kopf zurück.
„Sie verlangen wirklich zu viel, Ponsford. Ich kann Ihnen doch nicht Alles sagen."
„Warum nicht, mein guter, treuer Schatz?" unterbrach sie der Diener und schlang seinen Arm um Susy» Taille, eine Freiheit, der diese sich kokett entzog.
„Wie ich schon sagte, ohne wirklich guten Grund ver- rathe ich meine liebe junge Herrin nicht."
Ponsford lächelte überlegen und sagte: „In dieser Beziehung verstehen wir einander. Ich werde doch gewiß auch nichts thun, was Miß Netta schädlich sein wird. Susy, sagen Sie mir, was Sie von Miß Netta wissen, dann will auch ich Ihnen ein kleines Geheimniß anvertrauen, wenn ich sicher sein darf, daß Sie es geheim halten."
„Erst erzählen Sie, Ponsford, und dann können Sie sich darauf verlassen, daß ich meinen Theil nicht schuldig bleibe," erwiderte sie vorsichtig.
„Nein, das geht nicht, weit, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, es gar kein Interesse für Sie haben könnte und weder Sie noch meine junge Herrin etwa» angeht, wenn e» nicht wahr ist, daß ste geheime Zusammenkünfte mit ihm hat."
„Zusammenkünfte? Mit wem?" fragte die Jungfer.
„Natürlich mit einem jungen Mann. Hat denn ein junges Mädchen für etwa« Anderes Interesse, als für einen jungen Mann, der vielleicht auch noch recht hübsch ist."
„Sie Haben ganz Recht! Nach dem einzigen Blick, bett ich auf ihn werfen konnte, ist er außergewöhnlich hübsch," erwiderte Susy unbedacht.
„Wie? Wollen Sie damit sagen, daß Sie Miß Netta nie begleitet oder nie unterstützt haben, ihn zu treffen?" flüsterte Ponsford. „Nun, jetzt weiß ich, daß Sie viel für das Geheimniß geben würden, das ich Ihnen mittheilen kann. Und da wir doch einst ein Paar fein «erden, kann es nicht Unrecht fein, wenn ich es Ihnen sage, vorausgesetzt, daß Sie mir ebenso vertrauen wollen."
Und er sah ihr sest in die Augen mit einem bedeutsame« Blick, daß die Jungfer ihm antwortete: „Run ja, ich nrrdr Ihnen den Beweis geben, daß eins Frau ein Geheimniß bewahren kann, wenn Sie mir vertrauen wollen. Und wenn ich Ihnen gesagt habe, was ich schon weiß, werden Sie einsehen, daß ich nicht so einfältig bin, auszuschwatzen, was Sie mir anvertrauen werden. Nur vergessen Sie nicht, daß ich nicht als willenloses Werkzeug dienen will, ohne einen Grund zu wissen, warum ich so handeln soll."
„Meine liebste Susy," erwiderte Ponsford innig, „können Ste glauben, daß ich meiner zukünftigen Frau so wenig Vertrauen entgegenbringe, daß ich sie zu einem willenlosen Werkzeug machen möchte? Nein, Susy, Sie sollen meine treue Gehilfin bei meinen Plänen sein, und ich werde meine Belohnung getreulich mit Ihnen theilen."
Die Jungfer nickte mit dem Kopfe.
„So sind wir einig," sagte sie. „Und nun das Geheimniß!
Ponsford zögerte.
„Susy, glauben Sie nicht, daß ich an Ihnen zweifle, wenn ich Bedenken hege, Ihnen das Geheimniß anzuvertrauw Es kann leicht mich und Sie dazu verderben. Ich wage nicht, es auszusprechen."
„Das werden Sie nun wohl müssen oder wir sind für immer geschieden, Ponsford," entgegnete die Jungfer entschlossen
„Nun, ich werde es wie Adam machen und mich meiner Eva unterwerfen," sagte ihr Bewerber mit einem schweren Seuszer. „Aber Susy, es trifft Sie ein schwerer Fluch, wen» Sie ein Wort davon verlauten lassen!"
„Sie können mir vertrauen," antwortete Susy, „aber nun reden Sie!" ,
„Kommen Sie näher und ich will es Ihnen so kurz a» möglich erzählen," sprach Ponsford, indem er die Jungfer em wenig zu sich heranzog und den Kopf zu ihr niederbog.
Sie wissen, stehe ich seit fünfundzwanzig Jahren in Mylords Dienst. Nie habe ich ein Geheimniß verrathen, das meinem Herrn gehörte. Die Folge davon war, daß Mylord mir auw


