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1895
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% Unterhaltungsvlatt zum Gießener Anzeiger (OeneralAnzeiger).
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Die Tochter des Meeres.
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(Äertfetam.)
„Das brauchen Sie nicht zu fürchten," antwortete der Herzog von Dunbar lächelnd. „Ich ließ Frau Digby und ihre Tochter ganz entzückt von der Vorstellung in der Loge unter dem Schutze eines ausgezeichneten Stellvertreter» meiner eigenen Person zurück. Liebe Cora — wenn das Ihr Name ist — gönnen Sie mir einige Minuten! Könnten Sie mir nicht während eines kurzen Besuches vertrauen?"
„Ich? O gewiß!" sagte sie lächelnd. „Ich fürchte nur, meine Beschützer grundlos beleidigen zu können."
„So sind Sie Frau Digbys Schützling?" fragte er hastig.
„Ich sollte mich wohl eher Sir Fulkes Schutzbefohlene nennen," versetzte sie, „denn auf seinen Wunsch bin ich hier."
„Haben Sie keine nahen Verwandten?" fragte der Herzog- „Ich bin eine Waise!" sagte sie rasch.
„Noch eine Frage! Es ist nicht Neugier, die mich dazu veranlaßt. War es nicht irgend ein Verwandter, den Sie in den einsamen Bergen so sorgsam pflegten?"
Coras Wangen rötheten sich.
„Ich sehe mich nicht veranlaßt, diese Frage zu beantworten," entgegnete sie stolz.
„Sie mögen recht haben! Doch wenn ich die Frage um meines eigenen Glückes sowohl wie um Ihres Wohlergehen» willen an Sie richte, verzeihen Sie mir dieselbe vielleicht?"
„Eure Hoheit sind sehr gütig, aber die einzige Gunst, die Sie mir erweisen können, ist, mich zu verlaffen," versetzte sie ungeduldig. „Für Sie selbst kann es ja nicht das geringste Interesse haben, hier zu bleiben."
„O doch, Fräulein Cora! Ich bin auch einsam und verwaist und habe Niemand, dem ich vertrauen könnte," sagte er in ernstem Tone. „Warum wollen wir uns nicht gegen diese kalte, herzlose Welt verbinden?"
Cora sprang mit einem Blick leidenschaftlicher Ent» rüstung nach der Thür.
„Sie vergessen sich selbst, wenn Sie ein Mädchen, dar Ihnen nie Grund gegeben hat, e» zu verachten, mit einem
solchen Anerbieten beleidigen," rief sie, vor Zorn kaum ihrer Sprache mächtig.
„Sie sind im Jrrthum ... auf Ehre, Sie sind im Jrrthum!" erwiederte er feurig. „Ich dachte nicht daran, Sie zu beleidigen. Ich wollte damit nur sagen, daß ich mich zu Ihnen hingezogen fühle, daß ich von der conven- tionellen vornehmen Welt enttäuscht und ihrer müde bin, daß mehr an einem Wort, einem Blick der Achtung und des Vertrauens von Ihnen liegt, als an der angeblichen Liebe der vornehmen, aber alltäglichen Naturen."
„Sind Sie enttäuscht, betrogen worden?" fragte sie zögernd, denn es lag nicht in dem Character eines empfänglichen jungen Mädchens, gänzlich unempfindlich gegen derartige Worte von den Lippen eine» Herzogs, der so jung, so reich und von so gewinnendem Aeußern war, zu sein.
„Ja!" antwortete er, „aber Fräulein, die Zeit ist jetzt zu kurz dazu, um auf die schmerzlichen Einzelheiten der Vergangenheit einzugehen. Ich bitte Sie jetzt nur um das Versprechen Ihres Vertrauens und Ihrer Freundschaft, und daß Sie mir nicht die Gelegenheit abschneiden wollen, Sie wiederzusehen. Wollen Sie mir nur das versprechen? Erleichtern Sie mir mein Herz damit, und ich befreie Sie von meiner Gegenwart."
Cora zögerte, denn ste fürchtete, stch durch diese Zusage in den Augen ihrer jetzigen Wohlthäter zu compromitttren.
XLIV.
„Ach, Miß Netta, ich wünschte, Sie gäben diese Herumstreifereien auf," sagte die Jungfer in ernstem Ton, während sie Miß Faro die Hutbänder unter den glänzenden Flechten band.
„Was soll ich aufgeben? Meine Herumstreifereien? Sie sind wahrhaftig ebenso thöricht wie mein gutes Tantchen," entgegnete das junge Mädchen.
Die Jungfer schüttelte bedenklich den Kopf.
„Nein, nein, Miß! Sie können ein Mädchen, das auch ein Herz in der Brust hat, nicht so täuschen," sagte die Jungfer, „und hier sehe ich nicht, was Sie hoffen können, wenn Ste nicht fest entschlossen sind, ihn um jeden Preis zu gewinnen."
Netta schaute sie betroffen an.


