Ausgabe 
11.6.1895
 
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Zwei Zimmer ohne Oefen, ohne Möbel bildeten seine ganze Wohnung. In dem einen, mit einem elenden Bett, einem mit Papieren gefüllten Koffer, einem Strohseflel und einem Tisch aus Weichholz ausgestattet, arbeitete und schlief der künftige Herr der Tuilerien und von Saint-Cloud. Der dereinstige König von Holland schlief im Nebengemach auf einer auf den Boden geworfenen Matratze.

Selbstverständlich gab es keinen Kammerdiener. Bona­parte bürstete seine Kleider, wichste seine Schuhe und kochte die Suppe.

Napoleon spielte eines Tages in Gegenwart eines Funktionärs, der sich über seine unzureichenden Einkünfte be­klagte, auf diese chroche seines Lebens an.

Ich kenne das auch, mein Herr; als ich die Ehre hatte, Secondelieutenant zu sein, ich trockenes Brot zum Frühstück, aber ich riegelte die Thürs hinter meiner Armuth zu. In der Oeffentlichkeit machte ich meinen Kameraden keine Schandei"

Die Armuth macht keusch und zur Liebe wenig geneigt.

Zu jener Zeit schleuderte Bonaparte, vielleicht ein wenig wie der Fuchs vor den zu hochhängenden Trauben, folgendes Anathema gegen die Frauen:Ich halte die Liebe für schädlich für die Gesellschaft, für das individuelle Glück der Männer, kurz, ich glaube, daß die Liebe mehr Böses als Gutes thut."

Die gute Catherine, die, während sie die.Wäsche dieses Kunden besorgte, und ehe sie Lefebvre begegnete, ein gewisses Faible für ihn empfunden hatte, bemerkte bald, daß Bona­parte, der in Parts wieder in Mangel gerathen war, seine strenge Philosophie von Auxonne noch übte.

Zum Premierlieutenant im 4. Artillerie-Regiment er­nannt, war Bonaparte in Gesellschaft seines Bruders Louis nach Valencia zurückgekehrt und hatte dort fein fleißiges, zurückgezogenes, etwas menschenscheues Leben wieder ausge­nommen. Es war damals die Zeit der Morgenröthe der Revolution. Sofort erklärte er sich als feuriger Anhänger der Freiheitsgedanken des Volkes, und man sieht ihn sich überall als Revolutionär ausgeben. Er spricht, schreibt, handelt, läßt sich in den Club der Freunde der Constitution einschreiben und wird dessen Secretär. Ganz gewiß handelte er in gutem Glauben, dieser außerordentliche Mann konnte jeden Ton anschlagen, ohne daß er falsch klang und jede Maske wie sein wirkliches Gesicht tragen.

Im October 1791 verlangte er einen dreimonatlichen Urlaub, um seine Gesundheit zu pflegen und seine Familie zu sehen, und begab sich nach Corsica. Dort, in Mitte der Seinen sich Anhänger verschaffend, bewirbt er sich um die Stelle eines Bataillonschef der Nationalgarde von Ajaccio. MesestCommando hätte ihm öffentliche Macht und Autorität verschafft. Er hatte jedoch eifrige Gegner und sein Haupt­concurrent hieß Marius Peroldi, der einer sehr einflußreichen Familie angehörte.

Bonaparte entwickelte eine fieberhafte Thätigkeit, um sich Anhänger zu verschaffen. Ajaccio wurde in zwei Lager getheilt.

Die Commiffäre der Constituante, welche von der Centralbehörde gesandt wurden, konnten durch ihre bloße Gegenwart eine große Zahl von Stimmen gewinnen und das Zünglein der Wage nach ihrem Belieben zu neigen. Nun stieg der erste Commiffär, Muratori, bei Marius Pe­roldi ab, und das hieß den Concurrenten Bonapartes der öffentlichen Meinung sowohl, als den Behörden angenehm hinstellen.

Man weiß, welches Gewicht die Stütze der Regierung in Corsica besitzt. Dis Freunde Bonapartes, nicht im Stande diesen Coup zu pariren, hielten den Steg Peroldis für gewiß. Aber der feurige und zähe junge Mann ver­zweifelte nicht.

Er versammelte einige Freunde, und zur Souperstunde, als die Peroldis sich bei Tische befanden, wurde ihr Speise­

saal von einer bewaffneten Bande besetzt, da» Gewehr aus die Gäste angelegt und Muratori zwischen zwei Bewaffneten in das Haus Napoleons geführt.

Der Commiffär war mehr todt als lebendig.

Bonaparte kam ihm lächelnd entgegen, als wisse er gar nicht, welche Mittel angewandt worden wären, ihm den Gast zuzuführen, und sprach mit ausgestreckter Hand:Sie sind mir willkommen! Ich wollte, daß Sie frei feien und bei Peroldi waren Sie es nicht. Lassen Sie sich än meinem Herde nieder, mein Commiffär!"

Da die Führer mit ihren Flinten noch im Bereiche der Hand waren, bereit, jedem Befehle Bonapartes zu ge­horchen, ließ sich Muratori nieder, machte gute Miene zum bösen Spiel und sprach nicht mehr davon, zu Peroldi zurück­kehren zu wollen.

Am nächsten Tage wurde Bonaparte zum Commandanten der Nationalgarde von Ajaccio gewählt.

In diesem Milizcandidaten lag der Keim zu dem Manne des Brumaire. Der Gewaltstreich von Ajaccio war der Vorläufer des von Saint-Cloud. Die Situation Bonapartes war, indem er ein territoriales Commando über­nahm, obwohl er der activen Armee angehörte, keine sehr regelmäßige, aber man befand sich in einer revolutionären Periode. Sicherlich wäre ihm diese Uebertretung zu einer anderen Zeit theuer zu stehen gekommen.

Er verlängerte auch seinen Urlaub weit über die ihn dafür bewilligte Frist. Das Motiv, welches ihn bewog, an der Spitze der corsifchen Miliz zu bleiben, in der er den Grad eines Oberstlieutenant« einnahm, war weder im Ehr­geiz noch in politischer Leidenschaft zu suchen.

Sein Genie konnte auf dieser engen, ärmlichen Insel nicht zurückgehalten werden. Es war das Geld, immer nur die Geldfrage, welche zu jener Zeit da» Benehmen des aben- theuerlustigen Condottiere beherrschte.

Seine Gage in der Nationalgards betrug 142 Lire monatlich, also das Doppelte seiner Bezüge al» Artillerie' Lieutenant.

Mit dieser Summe konnte er den wachsenden Bedürfnissen seiner allzu zahlreichen Familie entgegenkommmen und seinen Bruder Louis anständig erziehen.

Das war das Motiv, das ihn bewog, in Corsica zu bleiben. Bonaparte war stets ein wenig das Opfer der Seinigen.

Es muß hinzugefügt werden, daß er durch die Ueber- nahme des Bataillons von Ajaccio nicht defertirte, wie behauptet wird. Die Nationalgarde bildete damals, besonders in Corsica, einen activen Dienst und gehörte zur Armee. Außerdem berief sich Bonaparte, um sich zu rechtfertigen, auf eine Erlaubniß des Feldmarschalls de Bösst, die er ihm mit dem Versprechen, seine Stellung zu regeln, ertheilt hatte, und die gemäß dem Dekrete der National­versammlung vom 17. December 1791 die Offiziere der activen Armee ermächtigte, in den Bataillons der National- garde zu dienen.

Nachdem Bonaparte durch den Obersten Maillard ab' gesetzt worden war, ging er nach Paris, um seine Handlung«' weise zu erklären und seine Sache vor dem Kriegsminister zu verthetdigen- Er hoffte, seine Wiedereinsetzung zu er­langen, aber in Erwartung des Decretes führte er in Paris ein einfaches und dürftiges Leben. (Fortsetzung folgt.)

Literarisches.

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