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ableugnen können. Aber diese Duldsamkeit wird nur vierund» zwanzig Stunden dauern. Morgen werde ich selbst auf eine nochmalige Durchsuchung des Hauses dringen und sollte Ernst Belfort sich in einem der Dir, mir und Anderen bekannten Verstecke finden, so wird er schmachvoll aus seinem Zufluchts» ort hervorgezogen werden. Die Domäne Biddulph soll nicht von Wachen umstellt sein, wenn der Herzog eintrifft. Du ver- stehst mich, Marian. Weder Thränen und Bitten, noch Widerstand von Deiner Seite werden mich diesmal von meinem Entschluß abbringen. Und jetzt wollen wir dieses Thema fallen kaffen- In einer halben Stunde sehen wir uns bei Tische wieder. Ich hoffe, daß meine Tochter sich alsdann benimmt, wie es der Erbin meines Namens zukommt."
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und seine Fußtritte verhallten noch, ehe Lady Marian die volle Bedeutung seiner Drohung begreifen konnte.
„Wenn er nicht gekommen wäre, hätte ich es besser er» tragen können," rief sie aus. „Aber er wirb mich verachten, mich vielleicht hassen, weil ich machtlos war, ihm zu helfen. Ich . . . eine Biddulph ... und er meinesgleichen.... und ich . . . ich liebe ihn . . . und bin unglücklich, wenn mir scheiden und er das Bewußtsein mit sich nimmt, daß Marian Biddulph nicht die Macht hatte, ihn zu retten . . . auch nicht in ihrem eigenen Hause. . . . Alles Andere könnte ich ertragen, nur das nicht!" fuhr sie leidenschaftlich fort »Lieber hörte ich, er sei tobt, als daß ich das Recht auf seine Liebe und Dankbarkeit verlieren möchte. ... Und doch kann ich die Gefahr nicht abwenden!"
. ®ie, rang die Hände und vergrub dann -ihr Gesicht in den Sophakiffen, als ob sie dis Thränen zurückdrängen wollte, die sie verrathen könnten.
Seine Mußestunden in der Garnison brachte er damit eine Geschichte Corsicas zu schreiben, Tanzstunden bei dem Professor Dautel zu nehmen und den Damen der Stadt, die er im Salon einer Frau von Columbier traf, den Hof zu machen. 1
„Lady Marian I" erklang da eine sanfte Stimme und eine Hand legte sich leicht auf ihre Schulter.
Sie sah auf. Es war Cora, das namenlose Mündel von Lord Faro, die geräuschlos eingetreten war.
„Verzeihen Sie mein Eindringen," sagte das Mädchen mit der Demuth, die sie stets Höherstehenden gegenüber unwissentlich annahm, „aber ich kam in das anstoßende Zimmer, um mit Ihnen zu sprechen, als Lord Marston hier war. Ich wußte, daß Alles, was er sagen würde, mir bereits bekannt war . . . deshalb blieb ich ohne Bedenken."
„Und Sie horchten!" sagte Marian gereizt.
In ihrem Kummer war sie bitter und ungerecht.
_ »Und ich horchte!" wiederholte Cora mit fester Stimme. „Doch jetzt ist nicht die Zeit zu Erklärungen! Lady Marian, t & ^lfnrts Leben hängt von den nächsten fünf Stunden ab. Wenn ruhige Ueberlegung und fester Wille ihn retten können, so wird er gerettet werden. Und Sie könnten mir helfen, wenn Sie wollen, wenn Sie nur ein klein wenig Tadel und Gefahr auf sich nehmen wollen."
, , ®s lag ein leichter Hauch von Bitterkeit in dem Ton, obgleich Cora ihre Gefühle so viel als möglich zu beherrschen und zu verbergen suchte. w
Und Marian erröthete unwillkürlich, als sie zum mindesten mit demselben Stolz erwiderte: „In meinem eigenen Hause bin ich wenigstens Herrin! Was wollen Sie von mir? Und was haben Sie mir vorzuschlagen? Ich kann mich eher ent» scheiden, wenn Sie sich näher erklären!"
„Uebernehmen Sie nicht selbst Lord Belforts Rettung," «Z Cora, „so komme sein Blut über Ihr Haupt, wenn Sie nicht Jene unterstützen und ihnen aus vollem Herzen Erfolg wünschen, dis entweder muthiger oder verzweifelter sind! Ich brauche den Hauptschlüffel, den Sie besitzen, wie man mir A ÄS« Erfrischungen für ihn, denn an Ihre Diener sich decken'können Eg erschöpft, wie Sie
„Und Sie gehen mit ihm?" fragte Lady Marian bitter.
werde ihn nicht verlassen, bis er in Sicherheit ist," sagte Cora ruhig.
E Rücksicht auf Ihren Ruf?" fragte des Grafen «C'Uu/iCv»
lautete die feste Antwort. „Ich kann mir selbst
Sein Regiment wurde erst nach Lyon, dann nach Douai versetzt. Er nahm einen Urlaub, der es ihm möglich machte, seine Familie in Ajaccio zu umarmen, und nach einer Reise nach Paris, wo er im Hotel de Cherbourg, Rue du Four-Saint'Honors, logirte, empfing er den Befehl, sA am 1. Mat 1788 seinem Regiment in Auxonne auzu» schließen.
Arbeit und Entbehrungen - er nährte sich aus Mangel an Geld bloß von Milch — machten ihn krank. 8
H*« Wne Mutter, die mit acht Kindern als Wittwe zurückgeblieben war, zu entlasten, hatte Napoleon seinen lungen Bruder Louis zu sich genommen. Mit diesem Kinde l^te er von zweiundneunzig Franks fünfzehn Centimes monatlicher Gage.
vertrauen und ich glaube auch an Lord Belforts Ehrenhaftigkeit."
„So lieben Sie ihn und glauben an Gegenliebe!"^ sagte Marian.
„Keines von Beiden!" antwortete Cora stolz. „Es gibt noch edlere Beweggründe als die Liebe, die bisweilen eigennützig, bisweilen schwach ist. Und ich würde Lord Belforts Flucht aus ganz anderen Gründen unterstützen."
„Nennen Sie mir dieselben!" rief Marian leidenschaftlich. „Ich will Ihnen vertrauen, sobald ich weiß, warum Sie so viel für einen Freund wagen, der Ihnen doch nichts sein kann . - . aber so kann ich . . ."
„. . . seine Sicherheit nicht Ihren Wünschen und Hoffnungen anheimstellen," ergänzte Cora spöttisch den Satz. „Ich hätte das ja vorher wissen sollen! Aber beruhigen Sie sich, Lady Marian! Was mich treibt, Lord Belfort in Sicherheit zu bringen, ist der Gedanke an den guten Lord Faro. Ich kannte seinen edlen Character und ich bin überzeugt, daß, wenn er jetzt sprechen könnte, er der Erste wäre, der von einer Strafe abstände für ein Vergehen, das vermuthlich sein eigenes Ungestüm veranlaßt hat und obgleich sein Loos mir fast das Herz gebrochen hat, würde dasselbe durch seines Gegners Vernichtung und seiner Tochter Elend nur noch schwerer werden. Und Sie find ja gütig gegen mich gewesen. Warum sollte ich mein werthloses Leben nicht für so Viele wagen, die durch seinen Tod unglücklich gemacht würden?"
„Ich muß Ihnen glauben," versetzte Marian, „obgleich Sie Ihren eigenen Worten nach bei diesem gefährlichen Spiel wenig zu verlieren und Alles zu gewinnen haben. Doch ist es natürlich, daß Sie im eigenen Interesse wünschen, eine solche Stelle und einen solchen Beschützer zu gewinnen," fügte sie sanfter hinzu. „Würden Sie sie zurückweisen, wenn sie Ihnen angeboten würden?"
„Würden Sie mir Ihre Hilfe versagen, wenn ich Ihnen diese Frage mit Ja beantworte?" versetzte Cora stolz. „Hören Sie mich an, Lady Marian! Wenn ich in diesem Augenblick auf einen so unwahrscheinlichen Vorschlag antworten müßte, würde ich ohne Zögern: „Nein, tausendmal nein!" antworten. Lord Belfort besitzt nichts, wodurch er sich meine Liebe gewinnen könnte, obwohl ich tiefes Mitleid für ihn empfinde. Ohne Liebe würde ich auch einem König meine Hand nicht reichen. Sie sind anders erzogen worden und sind daran gewöhnt, eine solche Verbindung für sehr natürlich zu halten und Sie würden sich Ihrem Schicksal fügen. Ich aber ziehe die glückliche Armuth dem glänzenden Elend vor."
(Fortsetzung folgt.)
Madame Sans Gsne.
Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger.
(Fortsetzung.)


