Ausgabe 
11.5.1895
 
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Und das lustige, gute Mädchen, immer ganz seinem Im» puls folgend, reichte Lefebvre freimüthig die Hand hin.

Ohne Groll, gewiß Mademoiselle I Ich bitte Sie sogar nochmals um Verzeihung! Sehen Sie, an dem was jetzt ge­schehen ist, waren die Kameraden ein bischen schuld ... der Bernadotte da hat mich aufgehetzt '. . . ich habe bloß be­kommen, was ich verdient habe!"

Während er sich so aufs beste entschuldigen wollte, unter­brach ihn das junge Mädchen ungenirt:Aber sagen Sie, Ihrer Aussprache nach muffen Sie ein Elsäffer sein?"

Ja, vom Oberrhein, von Ruffach!"

Potztausend, ist das ein Zufall. Ich, ich bin von Saint- Amarine . ."

Also meine Landsmännin!"

Und Sie sind mein Landsmann! Wie man sich zu­sammenfindet!"

Und wie heißen Sie?"

Catherine Upscher . . . Wäscherin in der Rue Royale, an der Ecke der Rue Orties-Saint Honorö.

Und ich heiße Lefebvre, Exsergant bei der Garde, jetzt bei der Miliz ..." L

Run, Landsmann, wenn'» Ihnen recht ist, werden mir bald bessere Bekanntschaft schließen, aber jetzt ruft uns die Frlcafföe..." ,,

Und ihn ungenirt bei der Hand ergreifend, zog sie ihn in den Wirbel der Tänzer.

Während sie sich vor einem jungen Manne mit sehr blaffem, fast fahlem Gesichte, langen, wie Hundeohren fri- strten Haaren, mit diskreter, listiger Miene und einem langen, einer Soutane ähnelndem Rock drehte, sagte derselbe ziemlich laut:Sieh' mal an! Catherine geht zur Garde über!"

Kennen Sie diese Catherine?" fragte der Sergeant Bernadotte, der diese Worte gehört hatte.

O, ganz in allen Ehren!" antwortete der junge Mann mit dem geistlichen Aussehen.Es ist meine Wäscherin . . - ein gutes, wackeres, reinliches und munteres Mädchen . . . das Herz in der Hand und das Zünglein ordentlich geschärft . . . tm ganzen Viertel nennt man sie wegen ihrer freien Reden und ihrer ungezwungenen Manieren Mamsell Sans- Gone . . ."

Der Lärm des Orchesters wuchs und der Rest des Gespräches verlor sich in dem frohen Tumult der Fricaffoe.

II.

Die Prophezeiung.

Rach beendetem Tanz führte der Sergeant Lefebvre seine Landsmännin auf ihren Platz zurück.

Der Friede war vollständig geschloffen. Sie sprachen wie ein Paar alte Bekannte miteinander und gingen Arm in Arm wie ein Liebespaar. Lefebvre schlug, um den Frieden gänzlich zu schließen, eine Erfrischung vor.

Angenommen!" antwortete Catherine.Oh, ich pflege mich nie zu zieren ... Sie sehen wie ein guter Junge aus und ich schlage Ihre Höflichkeit nicht ab, umsomehr als die Fricaffse einen hübsch durstig macht . . . setzen wir uns!"

Sie nahmen an einem der Tische Platz, die sich in dem Saale befanden. Lefebvre schien von der Wendung, welche die Angelegenheit genommen hatte, entzückt zu sein, trotzdem zögerte er einen Augenblick, ehe er sich niederließ.

Was haben Sie?" fragte Catherine geradezu.

Sehen Sie, Mamsell," antwortete er etwas verlegen, bei der Garde, wie bei der Miliz haben wir nicht die Ge­wohnheit, uns abzusondern . . ."

Ah, ich verstehe . Ihre Kameraden? Run, laden Sie sie ein . . . soll ich sie rufen?"

Und ohne die Erlaubniß abzuwarten, erhob sich Catherine, stieg auf die zrünbemalte Holzbank, die sich neben dem Tisch befand und rief, die Hände als Sprachrohr vor den Mund haltend, die drei Gardisten an, die aus der Ferne mit spöttischen Blicken das Paar betrachteten:He, Jungens, kommt

doch her! Man wird Euch nicht freffen ... und zusehen, wie Andere trinken, das macht einem den Pips!"

Die drei Gardisten ließen sich nicht lange bitten, der familiären Einladung Folge zu leisten.

Du kommst nicht mit, Bernadotte?" fragte einer der Gardisten den Sergeanten, der zurückblieb.

Ich habe mit dem Bürger zu sprechen," antwortete in schlechtgelauntem Ton Bernadotte, der eifersüchtig auf j-den Vortheil eines Kameraden und ärgerlich über den Sieg, den Lefebvre über die schöne Wäscherin davongetragen, sich bei­seite halten wollte, indem er sich stellte, als unterhalte er sich mit dem jungen Manne in dem langen Rock und mit der Hundeohrenfrisur.

O, der Bürger kann auch kommen!" rief Catherine. Ich kenne ihn . . . er kennt mich auch, nicht wahr, Bürger Foucho?"

Der so angerusene junge Mann näherte sich dem Tische, wo Lefebvre bereits Glühwein mit Spitzkuchen bestellt hatte und sagte grüßend:Da Mademoiselle Catherine es wünscht, werden wir Platz nehmen .... ich bin entzückt, mich in der Gesellschaft der tapferen Vertheidiger der Stadt zu be­finden!"

Die vier Gardisten und der Civilist, der Fauche ge­nannt wurde, setzten sich, und da die Gläser gefüllt waren, stieß man miteinander an. Catherine und Lefebve, die bereit» bei kleinen Vertraulichkeiten angelangt waren, tranken heimli h aus demselben Glase. Lefebvre faßte sogar Muth und wollte einen Kuß rauben, aber Catherine bog sich zurück.

Nichts da, Landsmann," sagte sie,ich lache gern, so viel man will, aber nicht mehr!"

Eine tugendhafte Wäscherin, das haben Sie wohl nicht erwartet, Milizist?" fragte Fouchö.Ja, ja, mit Mamsell Sans-Gone ist nicht immer zu spaßen!"

Sagen Sie doch, Bürger Foucho," rief Catherine lebhaft.Sie kennen mich ja, denn ich besorge Ihre Wäsche seit den drei Monaten, die Sie au» Nantes zurück sind ist etwas über mich zu sagen?"

Nein, nichts, absolut nichts!"

Ich mache gern einen Spaß oder tanze wie eben eilte Fricaffoe stoße sogar mit ein Paar guten Jungen an, wie Ihr es zu sein scheint, aber Niemand, hört ihr, weder in diesem noch in einem anderen Viertel kann sich rühmen, je die Schwelle meines Zimmers überschritten zu haben - mein Laden, ja, der steht jedermann offen aber den Schlüffe! zu meinem Zimmer bekommt nur einer ..."

Und wer wird dieser Glückspilz sein, fragte Lefebvre, seinen Schnurrbart zwirbelnd.

Mein Gatte!" antwortete Catherine stolz, und ihr Glas an das Lefebvre's anklingen lastend, fügte sie lachend hinzu:Jetzt wißt Jhr's, Landsmann, was sagt Ihr dazu?"

Daß das gar nicht so unangenehm fein mag," ant­wortete der Sergeant, an seinem Schnurrbart zerrend,man kann ja sehen ... auf Ihr Wohl, Mamsell Sans-Göne!"

Auf das Ihre, Bürger - in Erwartung Ihres An- träges I"

Und die Beiden stießen lustig an, indem sie über diese freie Vereinbarung freimüthig lachten. (Forts, folgt.)

Literarisches.

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