Ausgabe 
11.5.1895
 
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mich mein Buch zu Ende lesen," fuhr sie fort uud rückte ihren Stuhl so an'« Fenster, daß sie der Tante den Rücken zukehrte.

Vielleicht habe ich Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich zur Vernunft bringt, Netta," sagte Lady Emily ärgerlich-Du läßt mich allerdings meine Thorhe.t bereuen, daß ich bisher zu nachsichtig gegen Dich gewesen bin und diese @^roä®Men9ba8 hübscheste Mädchen am Ort, willst Du doch sagen, Tantchen," unterbrach sie die eigensinnige Schöne plötz- lich, indem sie aufsprang und sich ihrer Tante zu Füßen auf einen niedrigen Schemel setzte.Du machst sie dann damit wieder gut, daß Du sehr streng und abgemeffen bist gegen Jeden, den Du kennst."

Kind, Kind, sei nicht so übermuthig," unterbrach sie Lady Emily.Du würdest sowohl Dir als mir schaden, wenn Du die Pläne verriethest, die ich Dir anvertraut habe, mehr um Dich für einen so hohen Rang vorzubereiten, als um Dir solche Thorheiten in den Kopf zu setzen. Es genügt nicht, nur schön zu sein, Netta ... es bedarf auch noch anderer Gaben, um den Preis zu erringen, den ich für Dich bestimmt Habs."

Nun, ich glaube, es kann Niemand leugnen, daß ich hübsch bin," lachte das Mädchen, indem es wieder aufsprang und sich in dem langen Spiegel betrachtete.

Lord Faros Tochter war in der That sehr reizend. Weiß wie eine Lilie, mit der Jugendfrische einer Monatsrose auf den Wangen, lebhafte blaue Augen, regelmäßige Gesichts- züge und ein paar Lippen, die mit bezauberndem Uebermuth lächeln, aber auch mit der Entrüstung eines verwöhnten Kindes schmollen konnten. Das schöne Gesicht war von üppig goldenem Haar umrahmt, das lose auf ihre kleine, anmuthige Gestalt herabsiel.

Lady Emily, selbst eine große, stattliche Brünette, zollte dieser blonden Schönheit eine an Verehrung grenzende Be­wunderung.

Ja doch, ja! Du bist hübsch genug, thörichtes Kind," sagte sie halb ungeduldig.Aber jetzt gibt es Anderes zu thun und zu bedenken. Es steht uns ein Wechsel im Haus­halte bevor, auf den ich mit großem Aerger und Verdacht blicke, bis ich eine nähere Erklärung dafür habe- Dein Vater schreibt, daß er morgen hier sein werde und daß ereine Gesellschafterin für Netta" mitbringe. Das sind seine eigenen Worte und doch kann ich nach einem späteren Ausdruck in seinem Briefe kaum glauben, daß er es ernst mit seiner An­kündigung meint. Er wünscht, daß ein Zimmer einfach, aber hübsch für die junge Fremde bereit gehalten werde und spricht von einem Empfang der Neuankommenden gegenüber, als ob er es selbst nicht ganz in der Ordnung fände, sie in dieser Weise in unser Hau« zu bringen."

Rettas Wangen bedeckten sich mit tiefem Roth.

Tante, ich werde sie Haffen und dafür sorgen, daß sie bald wieder aus dem Hause kommt," rief Netta.Papa bringt sie als Spionin, als lästige Rivalin, um mich zum fleißigen Studiren anzutreiben, wie er mir schon öfter im Scherz drohte. Das will ich nicht haben. Sie soll nicht hier bleiben!" fuhr sie fort und stampfte leidenschaftlich mit dem Fuße.Kannst Du nicht schreiben? Ist nicht noch Zeit, ihn zu hindern, daß er dieses Geschöpf mitbringt, das mich mit seinem hochfahrenden, spitzen Wesen rasend machen wird? Sicherlich ist sie so häßlich wie die alte Miß Lawton und ich kann häßliche Gesichter nicht um mich ertragen."

Lady Emily bezweifelte vielleicht im Stillen, ob ihre Nichte wirklich eine rtvalistrende Schönheit großer Häßlichkeit vorziehen würde, aber sie hielt es für gerathener, den Sturm, den sie erregt hatte, zu beschwichtigen.

Netta, wie kannst Du Dich einer so unschicklichen Leiden­schaft hingeben! Du darfst auch nicht vergeffen, daß Dein Papa keinen Widerspruch duldet, roenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Höre auf mich, liebes Kind," sügte sie leiser und mit schmeichlerischem Tone hinzu,und wir wollen unsere Vorbereitungen zum Empfang dieses seltsamen,

unwillkommenen Gastes ganz anders treffen, al« Dein Un­gestüm es vorschlägt."

III.

Cora, mein lieber Kind! Fassen Sie sich!" sagte Lord Faro während der stürmischen Ueberfahrt von Bremen nach London zu dem oft leise weinenden Mädchen.Wir nähern uns jetzt rasch Ihrer zukünftigen Heimath. Sie sind begabt. Werden Sie sich selbst gerecht in Ihrer neuen Stellung und für das Uebrige werde ich sorgen."

Dann nahm Faro die schlanke, schön geformte Hand Coras in die seine und drückte sie mit der freundlichen Zärt­lichkeit eines väterlichen Freundes.

Cora richtete den Kopf auf, den sie in ihrer Angst und ihrem Kummer hatte in die Hände sinken lassen, und ein leb­haftes Feuer, wie Faro es schon einmal gesehen hatte, als er ihren Muth und ihren Stolz aufzustacheln versuchte, leuchtete in ihren Augen auf.

Ich bin thöricht, schwach," sprach sie mit einer ungedul digen Bewegung,aber es ist mir Alles so seltsam Auch meine Sprache wird Ihrer Tochter unangenehm sein, denn ich spreche nur gut deutsch und herzlich schlecht englisch. Außer­dem ist Ihre Tochter eine feine Dame, ich ein unbekannter Findling. Sie besitzt viele Kenntnisse und ich bin unwissend. Was kann es da Gemeinsames zwischen uns geben? Doch ich will nicht verzagen. Ich will thun, was in meinen Kräften steht. Aber wenn ich nicht dem Erwarteten entspreche, werden Sie sich ärgern und bereuen, daß Sie Mitleid mit mir ge­habt haben."

Ich kann wenigstens versprechen, daß ich Ihnen keine Vorwürfe machen werde, Cora, wie auch das Experiment aus­falle, das ich jetzt versuchen will," sagte er mit einem leisen Anflug von Ernst.Es war mein Plan und ich kann Sie nicht tadeln, daß Sie meinem Zureden nachgegeben haben. Aber nicht wahr, meine Cora, Sie werden Alles thun, was in Ihrer Macht steht, um glücklich zu sein?"

Sagen Sie," Hub Cora, ohne auf seine Frage einzugehen, nach einer kleinen Weile wieder an,soll ich Ihrer Tochter Dienerin sein?"

Durchaus nicht!" erwiderte er und die Unmuth stieg ihm bis an die Stirn.Sie sollen Theil an Nettas Unterrichtsstunden, sowie an ihren Vergnügungen und Er­holungen nehmen. Und wenn Netta in die Welt eintritt, werden wir einen andern Plan für Ihre Zukunft finden. Es bedarf Ihrerseits vielleicht Muth und Geduld, Cora, aber um meinetwillen werden Sie Ihre edle Natur zeigen, nicht wahr?"

Ja," sagte sie entschlossen.Sie sind jetzt mein ein­ziger Freund. Ich werde Sie befriedigen, wenn ich kann; gelingt es mir nicht, so kommt es wenig darauf an, was aus mir wird. Kein Mensch würde die arme Cora vermissen oder betrauern."

Er erwiderte nichts und die Reise wurde weiter fort­gesetzt. (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Göne.

Roman nach Bictorien Sardou und F. Morrsau. Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Mittlerweile näherte sich ihm Bernadotte, der die An­näherung seines Kameraden an das hübsche Mädchen mit eifersüchtigem Auge verfolgt hatte und jetzt mit Vergnügen das Mißlingen der Sache sah, nahm ihn beim Arm und sagte:Komm' mit, Du siehst, daß sie nicht mit Dir tanzen will, . . . Vielleicht kann Mademoiselle gar nicht Fricafföe."

Wer fragt Sie, wie viel Uhr es bei Ihnen geschlagen hat?" rief das muntere Mädchen lebhaft.Ich kann Fri- cassäe tanzen und werd' sie tanzen, mit wem es mir paßt... mit Ihnen nicht, das steht fest! Aber wenn Ihr Kamerad mich höflich auffordern will .. . nun, dann will ich'« mit ihm probieren . . - ohne Groll, nicht wahr, Sergeant?"