Ausgabe 
11.5.1895
 
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Wünschte es denn Frau Falkner ? Stieß sie mich von sich und vertraute mich einem Fremden an?" frug sie dann langsam.

Ich bin ihr kein völlig Fremder ... sie kennt meine Familie ... sie kann für meine guten Absichten alle nöthigen Beweise erhalten," antwortete Faro freundlicher.Doch wir haben nicht viel Zeit zum Ueberlegen. Ich reise heute Nacht nach England. Entweder Sie begleiten mich oder versäumen die Gelegenheit, Rupert Ihre dankbare Liebe zu beweisen. Und später kann ich ihm durch mein Interesse vielleicht noch von größerem Nutzen sein als jetzt, wenn Sie sich würdig zeigen, Ihnen dieses neue Glück zu bereiten, Cora, Kind eines räthselhasten Schicksals," fuhr er mit einem Lächeln fort, dem nur Wenige zu widerstehen vermochten,Sie kom­men ja nur nach Ihrer natürlichen Heimath und erfüllen die Bestimmung, die Ihnen vorgezeichnet ist. Ich entreiße Sie ja keiner Mutter, keinem Bruder, sondern der mißgünstigen Barmherzigkeit Fremder. Cora, liebes Mädchen, wollen Sie nicht mitkommen? Sie sollen er nie bereuen. Ich will Sie in eine Atmosphäre voll Liebe und Luxus, voll Behagen und Ruhe versetzen. Auch will ich Sie nicht Ihren Jugendfreunden entziehen. Sie sollen die Freude haben, ihre geringe Güte hundertfach zu erwidern. Würde Sie das nicht unendlich glück­lich machen?"

Seine Stimme klang so innig, aus seinen Augen sprach eine so rührende Sanftmuth. Und doch wich sie mit unerklär­licher Angst vor dem Schritt zurück, zu dem der Fremde sie einlud.

Und Ihre Frau," fragte sie plötzlich,wird auch sie eine fremde Waise in ihrem Hause willkommen heißen?"

Er fuhr buchstäblich vor dieser unerwarteten Frage zurück so seltsam klang sie aus dem Munde eines jungen, un­erfahrenen Mädchens.

Meine Frau ist in einem andern Land," erwiderte er ernst.Ihre Heimath ist nicht mehr hienieden. Meine Schwester, Lady Faro, steht meinem Haushalt vor und sie wird bei uns bleiben, bi» meine Tochter ihre Stelle einnehmen kann- Jetzt aber entschließen Sie sich, Cora," fuhr er un­geduldig fort.Es ist keine Zeit zum Ueberlegen. Entweder Sie nehmen mein Anerbieten an oder Sie bleiben, um die bitteren Folgen Ihrer Thorheit zu kosten . . . Haß und viel­leicht Vorwürfe von Denen, die Sie belästigt und vielleicht in den Staub hinabgezogen haben."

Cora fuhr, wie von einem Dolchstich getroffen, zusammen.

Nein, nein, nein!" rief sie au«.Das soll nicht sein nimmermehr! Ich will gehen ... ja, und wenn es mein Leben kostete! Nur reden weder Sie mir zu, noch er­lauben Sie, daß sie es thut. Das kann ich nicht vertragen!"

Ernst und schweigend verbeugte er sich auf diese Bitte und rief dann Frau Falkner herbei.

Frau Falkner," erklärte jetzt Lord Faro,Ihr Pfleg­ling willigt ein und will sich unter meinen Schutz begeben. Er ist unnütz, Vorbereitungen für ihre Abreise zu treffen, da Alles, was sie braucht, leicht beschafft werden kann. Nur möchte ich die Kleider mitnehmen, von denen Sie mir sagten, e» seien die einzigen Andenken an ihre früheste Kindheit. Sie könnten doch vielleicht einst dazu verhelfen, ihre Angehörigen ausfindig zu machen."

Das vermag ich allerdings nicht, mein Herr," versetzte die Dame ängstlich.Ich wage nicht, sie fortzugeben, bevor mein Sohn nach Hause kommt. Die Kleider sind sein, er hat sie bezahlt und würde gewiß sehr böse sein, wenn ich sie ohne seine Erlaubniß fortgäbe."

Würde er darüber mehr böse sein, als daß er die Trägerin der Kleider nicht mehr findet?" fragte Faro mit leichtem Spott-Doch Sie müssen am besten wissen, welchen Werth er auf Beide legt. Vielleicht bin ich bei meinem nächsten Besuch in Bremen so glücklich, diesen irrenden Ritter zu treffen und seine Beute zu kaufen. Noch ein«! Wie soll ich mein neues Mündel nennen?" setzte er mit fragendem Blick hinzu.

Mein Sohn nannte sie Cora vom Meere, weil sie bei Santa Cruz im Meere gefunden wurde," erwiderte die alte

Dame kühl.Und im Uebrigen können Sie versichert sein daß mein Rupert kein Goldjäger ist ... im Gegen theil! Er ist stets eher bereit, zu geben, als zu nehmen. Das werden Sie an sich selbst erfahren, wenn Sie ihn zu weit treiben," fügte sie mit einer vorwurfsvollen Kopfbewegung hinzu.

Also, die Tochter des Meeres ist bereit, mir zu folgen?" fragte Faro, ohne weitere Antwort auf dar soeben Gehörte zu geben.

Frau Falkner bejahte diese Frage und schwieg dann einige Augenblicke wie überwältigt von dem plötzlichen Wechfel in des Mädchens Schicksal.

Vielleicht war es aber so doch das Beste. Vielleicht machte die beleidigte Liebe, der angeborene Stolz für den Augenblick den tiefen Schmerz des Abschieds verstummen, und das Mäd­chen bewegte sich wie in einem schrecklichen Traum, als sie endlich zur Besinnung und zum Bewußtsein ihrer momentanen Lage kam.

Einen Augenblick," sagte sie, als Faro nach der Thüre wies.Ich bin sogleich wieder da!"

Sie eilte die Treppe hinauf nach dein Zimmer, in dem Adele saß.

Dort warf sie sich dem erstaunten Mädchen an die Brust und küßte sie leidenschaftlich.

Adele, lebe wohl!" sagte sie schluchzend.Ich gehe fort. Sage Rupert, daß er mich nicht Haffen möge und sei gut zu ihm. Mache ihn glücklich. Versprich mir das, Adele, und ich kann Alles Alles ertragen!"

Die stechenden Augen Adelens ruhten voll Erstaunen auf den erregten Zügen der Sprecherin.

Wirklich, Cora? Du mußt von Sinnen fein! Was soll das bedeuten?" sprach sie. kalt.Um's Himmels willen, laß diese Thorheiten bei Seite und mich in Frieden."

Cora erhob sich wieder denn in ihrem Ungestüm mat sie vor Adele auf ihre Kniee gesunken und zog sich lantz' sam zurück.

Gott nehme sich meines armen Rupert an," murmelte sie,und stehe mir, seinem geliebten Findling, in der bitteren Scheidrstunde bei!"

Arme Cora! Sie ahnte in ihrer kindlichen Unschuld nicht, wie Zeit und Trennung die heiße Liebe frühester Jugend ändern und schwächen, noch wie die Versuchungen und Prüfungen der großen Welt die Erinnerungen der Kindheit schnell in Vergessenheit gerathen lassen I

Sie hatte den letzten großen Schmerz ertragen und hatte Ruperts Mutter, die bisher Mutterstelle bei ihr vertreten, Lebewohl gesagt.

Stark und furchtlos ertrug sie die Liebkosungen der ihren Entschluß fast schon bereuenden Dame mehr, als daß sie die­selben erwiderte und verließ das Haus, da» ihr bisher Schutz gewährt hatte, mit einem kalten Schauder.

Zum Glück für sie konnte Lord Faro ihre Stimmung würdigen, und ohne sie durch Trostworte zu belästigen, führte er sie schweigend nach dem Hotel und von dort auf das Schiff.

II.

Netta, meine Liebe, hier sind Briefe von Deinem Papa,' sagte die stattliche Lady Emily Faro, in das Schulzimmer ihrer jungen Nichte tretend.

Was steht darin, Tante?" fragte die Angeredete, die sich gerade mit beii letzten Seiten einer Erzählung beschäftigte. Wie Du mich durch Dein unerwartetes Eintreten erschreckt hast!" fügte sie dann ärgerlich hinzu.

Netta," sprach die Tante wieder und stellte sich zwischen ihre Nichte und da« Fenster, um das nur noch schwache Tages­licht möglichst zu verdunkeln,wann wirst Du wohl dieses leichtfertige Wesen ablezen, das zu Deinem Alter und Deiner Stellung und Erziehung so schlecht steht? Mit vierzehn Jahren solltest Du doch ..."

Aber, Tante, ich bin ja in zwei Monaten fünfzehn und in einem Jahre, hoffe ich, führt Papa mich in die Gesellschaft ein. Ich habe keine Lust mehr zu dieser ewigen Lernerei I

- Und wenn Du nur kamst, um mich zu tadeln, so bitte, laß