1895
Samstag den 11. Mai
I
amilknRäHer
UnterhaUungsdlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
KUMM
leKeKCF
Nr. 56.
i -- - _
n ;'‘. ’ i j-
x'
n--Tc
Die Tochter des Meeres.
Roman von A. Nicola.
(Fortsetzung.)
„Auch ich will bemüht sein, Sie nicht zu ärgern," ant- wartete Faro in leicht gereiztem Tone, „und wenn Sie Rupert von Nutzen sein wollen, so hören Sie mich an und handeln Sie wie ein stolzes, großmüthiges Mädchen, wofür ich Sie halte. Frau Falkner hat mir gesagt, daß er Sie aus großem Jammer und Elend rettete, dieser Rupert . . . wollen nun auch Sie Ihrerseits ihm einen Dienst leisten?"
„Ja, ja, von ganzem Herzen gern!" rief ste. „Er ist mein einziger Freund, der einzige, der mich jemals liebte . . . der gute, edle Rupert!"
„Und könnten Sie ein kleines, momentanes Vergnügen opfern? Könnten Sie um seinetwillen einen kleinen Schmerz ertragen?" fragte Faro und beobachtete den Wechsel auf dem seltsam beredten Gesicht des jungen Mädchens.
„Ja," entgegnete sie kurz, „Sie würden mich nicht fragen, wenn Ste mich kennten."
„Dann werden Ste auf meinen Vorschlag eingehen — dann werden Sie mit mir kommen und Ruperts Haus verlassen," sagte er. „Hören Sie mich an, Cora, und versuchen Sie, ruhig zu bleiben, denn was ich Ihnen zu sagen habe, bringt Sie vielleicht in Aufregung und Hitze. Ich bin reich und ein englischer Lord, bin der jüngste Sohn des Grafen Treville, dessen Titel mein älterer Bruder trägt, während ich den Titel Lord Faro ererbte. Ich habe eine einzige Tochter, die ein wenig jünger ist als Sie, und es liegt mir ganz besonders am Herzen, sie glücklich und ihrer Stellung und dem Vermögen, das sie einst erwartet, würdig zu erziehen. Ich möchte Sie als Gesellschafterin meiner Tochter mit mir nehmen und verspreche Ihnen, sür Ihre Zukunft sorgen zu wollen, wenn meine Tochter Ihrer Dienste nicht mehr bedarf. Wollen Sie darauf eingehen?"
„Als Dienerin?" fragte Cora mit einem stolzen Blick.
„O nein, durchaus nicht!" erwiderte er- „Vielmehr als Gesellschafterin meiner Tochter und als Theilnehmerin an ihren Studien, sofern dieselben passend für Sie sind und Ihnen in Ihrem späteren Leben von Nutzen sein können."
Sie schüttelte entschlossen den Kopf.
„Nein, ich werde nicht mitkommen!" rief sie. „Rupert würde mich vermissen und nicht damit einverstanden sein."
„Dann lieben Sie ihn nicht!" sprach er rasch.
Sie antwortete nicht, aber es leuchtete in ihrem schönen Gesicht auf und dann spielte ein Lächeln der Verachtung um ihre Lippen, das mehr sagte als Worte.
Lord Faros Interesse an dem seltsamen Mädchen mit ihrer romantischen Geschichte und ihren seltsamen Gaben wuchs mit jedem Augenblicke.
„Ich will Ihnen erklären, was ich meine," sagte er fest, „wenn es Ihnen vielleicht auch weh thut und Sie erzürnt. Hier leben Ste von der Güte Ihrer Umgebung, bei mir würden Sie unabhängig fein und Dienst für Dienst leisten. Wenn Sie fort wären, würde Rupert rascher vorwärts kommen. Er würde dem Wunsche seiner Mutter nachkommen, würde seine Cousine heirathen und würde dann Geld genug haben, daß er keine so gefährliche und schwere Arbeit mehr zu thun brauchte. So lange Sie hier sind, wird er von seinem Berufe abgelenkt, weil er Mitleid mit Ihnen hat, Sie für seinen besonderen Schützling ansieht und es für unrecht hält, Sie seiner Cousine wegen zu verlassen. Wollen Sie das, Cora? Sind Sie zu einer solchen Selbstsucht nicht zu stolz, zu dankbar?"
„Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!" rief sie heftig. „Rupert liebt mich. Er hält es für keine Last, in mir feine jüngere Schwester zu sehen. Und Adele ist eitel und eifersüchtig. Nein, sie könnte er nie lieben — nie 1"
„Dann habe ich mich geirrt. Sie werden von Ruperts Mildthätigkeit abhängen, zwischen ihm und seiner Mutter Unfrieden stiften und ihn an einem gedeihlichen Fortkommen hindern," sprach Faro kalt. „Es thut mir leid. Ich hätte Ihnen gern die Gewissensbisse erspart, die Sie eines Tages empfinden werden. Ich wäre Ihnen ein treuer Freund und Beschützer gewesen, so lange Sie eines solchen bedurften und ihn verdienten, und hätte Ihnen mein einziges Kind, meine theure Netta, als Freundin anvertraut. Sie haben mich enttäuscht ... ich hätte Sie sür edler gehalten."
Große Thränen traten in der Mädchens Augen und in ihrer Stimme lag, als sie sprach, tiefer Kummer, während sie vor unterdrücktem Schluchzen kaum zu reden vermochte.


