Ausgabe 
11.4.1895
 
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der Schmerz um die Lobten sondern um die Lebende, der mich forttreibt! Ich konnte nicht und durfte nicht anders han­deln, aber hier drinnen in der Brust wühlt ein Stachel

Kehre gesund zurück, Rudolf, und schreibe mir, so oft Du kannst; ich werde Dir getreulich Alles berichten, was hier geschieht Aller, hörst Du! Wegen des Wildenstein kannst Du ohne Sorge reisen, ich verstehe mich, wie Du weißt, auf die Landwirthschaft und sorge sür das Besitzthum"

So reiste der Graf denn ab und Hohenthal blieb; er wurde von dem Tage an noch ernster und stiller, zog sich in sich selbst zurück und lebte nur allein der strengsten Pflicht« erfüllung. Seine größte Genugthuung bestand darin, dem Freunde alle Halbjahre die vortrefflichsten Berichte zuzusenden, die dann auch voll warmen, herzlichen Dankes ausgenommen wurden.

Monatelang hörte der Baron nicht« von dem Grafen, eines Tages erhielt er aus Marseille einen Brief:Ich bin im Begriffe, heimzukehren; ist es Dir möglich, mich aus der Hauptstadt abzuholen, so komme um den 20. Mat herum zu mir in das . . . Hotel."

Heute war nun der genannte Termin und Wildenstein erwartete unruhig den Freund; er kam soeben vom Bahnhofe, wo er vergeblich unter den Paffagieren Umschau gehalten; war mochte dem sonst so Pünktlichen dazwischen gekommen sein, daß er dar anberaumte Rendez«vou« vergessen. Unschlüssig blieb der Graf an einer Litfaßsäule stehen, um die Theater­zettel zu lesen, er wollte die Auswahl treffen, welches Stück er heute Abend sehen könne. Da mit einem Male überlief den kräftigen Mann ein nervöses Zittern, unverwandt, starren­den Auges stand er da und blickte auf die eine fettgedruckte Annonce:Opernhaus. Einmalige« Gastspiel des Bariton Herrn Friedrich au« Mitau."

War'» denn möglich, zur Stetten befand sich in der Hauptstadt, vielleicht mit ihr Therese! Wie ein Alp legte es sich auf Rudolfs Brust, er mußte sich anhalten, um nicht zu finken und dann brach eine unsägliche, reine Freuds durch da» Chaos in seinem Innern. Beim ersten Schritt auf heimathlichem Boden begegnete er der heißgeliebten Schwester, die er einst in starrer Unbeugsamkeit von sich gestoßen! War da« nicht ein Gotteswink, sie wieder aufzusuchen, sich rmt ihr wieder zu versöhnen? Ja, dann würde er nicht mehr so ein­sam und verlassen sein, würde ein Heim besitzen, welches durch der kleinen Nora sonniges Lachen wieder erhellt und verschönt wäre. Ohne sich weiter zu besinnen, eilte er in'« Opernhaus, sich ein Billet zu holen, dann schritt er langsamer, sinnend dem Hotel wieder zu. Eine Fluth von Gedanken durchwirbelte sein Hirn, am liebsten wäre er sogleich zu Therese geeilt, um sie an sein Herz zu schließen; aber Geduld, es dauerte nur noch wenig Stunden bis zum Abend.

Da plötzlich brauste um die nächste Ecke eine Cavaleabe, voran eine Dame im rothseidenen Reitkleide, laut lachend und scherzend, an ihrer Seite ein junger Offizier, der nur Äug' und Ohr sür sie zu haben schien. Wildenstein hatte zuerst nur flüchtig, gleichgiltig hingeblickt, doch al« er im Sonnen­schein da« Haar der Reiterin röthlich flimmern sah, da schaute er fie genauer an. L _

Melanie, sie selbst in der That! Und wo ist der Fürst, ihr Gatte?"

Mitten auf der Straße stand ein einziger Kinderwagen, darin schlummerte sorglos ein kleines Mädchen; wahrscheinlich mochte die Wärterin in einen nahen Laden gegangen sein, ohne zu ahnen, in welch' ernste Gefahr ihre Schutzbefohlene gerathen werde.

Die Eavalcade kam näher, das Pferd der Dame bäumte und tänzelte schnaubend, sie riß e« nicht herum und ihr Be- gleitet sah wohl kaum den Kinderwagen, al« im letzten Moment eine nervige Männerfaust da« hoch ewporsteigende Roß niederriß und sodann am Zügel seitwärts lenkte-

Hoch und finster stand Graf Rudolf vor der schönen, laut aufkreischenden Reiterin und sagte streng:Ein anderes Mal möchte ich doch größere Vorsicht anrathen, gnädigste

Fürstin. Ein Menschenleben ist doch zu edel, um für eine Laune auf'» Spiel gesetzt zu werden."

Die Dame zuckte zusammen, glühendes Roth färbte ihre Wangen und sie entgegnete hastig:Nun, mein Herr, Sie lnd sehr kühn und muthig, doch würde ich Ihnen rathen, ein andermal Damen der vornehmen Gesellschaft mit Ihren Rathschlägen nicht zu belästigen."

Der Wink ist schätzenSwerth. Bisher sah ich bei meinen Standesgenossen stet» weibliches Taktgefühl und Mitleid für Diejenigen, welche ohne ihr Zuthun in Gefahr geriethen. Sie erlauben mir, Frau Fürstin, daß ich mich Ihnen bekannt gebe."

Und mit einer tiefen, spöttischen Verbeugung entnahm er seiner Brieftasche eine Visitenkarte, sich nach Überreichung derselben sogleich entfernend.

Die schöne, rothhrarige Fürstin Porscu blickte halb neu­gierig, halb ironisch auf das gelbliche Kartenblatt in ihrer Hand. Aber was war das? Es trug die neungezackte Grafen­krone und den Namen:Rudolf Graf von und zum Wilden­stein."

Ach, der schöne, romantische Graf aus Afrika," rief sie überrascht,da» hätte ich nie gedacht 1 Ec scheint einigermaßen Wüstenmanieren angenommen zu haben, aber das schadet nichts; ich hätte ihn so gern als Jugendfreund begrüßt."

Aber der romantische Graf dachte keineswegs an die reizende Amazone, welche er eben so unritterlich behandelt; seine Gedanken flogen zu einer Anderen, nach der sich sein Herz gesehnt seit langen Jahren.

6Therese, ich komme zu Dir, endlich endlich!" flüsterte er wiederholt. m , p , _ ,

Im Hotel angelangt, fand er einen Brief Hohenthal« vor, über den er verwundert den Kopf schüttelte. Derselir lautete: t

Lieber Rudolf!

Ich bin gleichfalls in der Residenz, kann Dich jedoch erst am 2 t. d. M. aufsuchen, da ich vorher noch eine ernste Pflicht erfüllen muß. Kannst Du mich also selbst besuchen, um so lieber! Dann komm' am 21. Nachmittags zu mir; wir haben uns viel zu erzählen, auch schwere, trübe Nach­richten warten auf Dich. Auf Wiedersehen denn. In treuer Freundschaft Dein Eduard."

Guter, alter Pessimist," sagte Wildenstein vor sich hin, er ist nun wohl einige vierzig Jahre alt und wird immer mehr ein alter Junggeselle. Er konnte eben Theresen« Ver­lust nicht ertragen; armer Eduard!"

Er schellte und als der Kellner eintrat, bestellte er sich Abendbrod, fragte auch gleichzeitig, wer den Brief abgegeben

Ein Kellner aus dem Fürstenhof, Herr Graf," berichtete der Mann dienstbeflissen,er meinte, der Herr Baron, welcher die Besorgung bestellte, kämen vielleicht erst in der Nacht wieder zurück." ,

Es ist gut. Wann fährt der Wagen in's Theater?'

Um acht Uhr, Herr Graf."

Ich will ihn benützen, lassen Sie es mich wissen.

In der Loge, worin Graf Wildenstein feinen Platz hatte, faßen erst einige sehr elegante, sehr gesprächige und nicht übermäßig fein aussehende Damen, welche ihre Unterhaltung nur auf Augenblicks unterbrachen, um ihn zu mustern, und sodann ungenirt weiter schwatzten.

Sonst ist die schöne Frau stet« so pünktlich, aber viel­leicht ist sie noch vorher geritten."

Fürst Porscu muß ein nachsichtiger Gatte sein-

Aber wo denken Sie hin! So geschmacklos ist die schöne Durchlaucht nicht, wie andere Sterbliche mit ihrem Gemam zu leben; er ist schon seit dem Herbst in seiner Heimath, wo er bet Hofe eine angesehene Stellung bekleidet und während­dem amüstrt sich die schöne Dame hier allein."

Ah bah, allein gewiß nicht. Sie hat immer einen Schwarm von Herren im Gefolge."

Sie ist wirklich schön, diese» rothe Haar findet man