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Unebenbürtig.
Rvman von H. von Siegler.
(Fortsetzung.)
Völlig vereinsamt stand die arme Frau in dem Park, den sie so oft al» Kind in tollem Uebermuth durchjagt; sie war eine Fremde geworden, losgeriffen von Heimath und Familie um de» Einen willen, den sie so innig liebte und um derentwillen sie auch nicht eine Minute bereute, sein Weib geworden zu sein. Blauer, lachender Frühlingshimmel wölbte sich über ihr, jubelnd stiegen die Lerchen empor, aber dennoch flössen ihre Thränen heiß und unaufhaltsam.
Und dann verließ der Zug da» Schloß. Durch die schwachbelaubten Bäume sah Therese den schwarzbehangenen Leichenwagen, die Leidtragenden und da» Pferd de» Vaters, da sank sie in die Kniee und faltete die Hände über der Brust.
„Lebe wohl, Du Theuerster, ich habe Deinen Abschieds» kuß empfangen! Nein, nein, Du hast mir nicht geflucht, Du liebtest Dein verstoßenes Kind doch noch zärtlich — und er thut es ebenfalls, Rudolf, der nun allein übrig bleibt auf dem Wildenstein. Gott segne ihn, ich — werde ihn nie Wiedersehen I"
Mit zitterndem Herzen stand auch der Erbe de» Heim» gegangenen, Graf Rudolf, drunten am Sarge und verbarg da» Antlitz mit der Hand. Die feierlichen Segensworte des Geistlichen erklangen durch den dumpfen, modergefüllten Raum, die Blumen dufteten betäubend, die Sonnenstrahlen huschten scheu hinab in da« Gruftgewölbe — einen Moment wankte der starke Mann, als müsse er sinken.
Da faßte ein starker, treuer Arm den seinen, an seiner Seite stand Hohenthal und blickte ernst und theilnehmend in sein verstörtes Antlitz.
„Muth, Rudolf/ murmelte er, als die Anderen sich entfernten, „wie lange dauert'«, dann dürfen auch wir hierUiegen und ausruhen vom Erdenleid. Es ist ja nur eine Prüfungszeit auf Erden, Gott wird uns doch endlich die Bürde abnehmen — ich leide nicht weniger vielleicht al» Du."
Sin stummer Händedruck, ein schwerer Seufzer, und Graf Rudolf wandte sich, um zu gehen.
Fünf Jahre sind vorüber, Flur und Wald stehen wiederum in voller Blüths, der Himmel wölbt sich klarblau über der Erde, die Vögel zwitschern in den lichtgrünen Zweigen- Durch die menschenbelebten Straßen der Hauptstadt schlendert ein ernster Mann mit tiefgebräuntem Antlitz und nachdenklichem Ausdruck in den dunklen Augen; es ist ihm Alles bekannt und doch auch völlig fremd, denn dis Jahre rauschten vorüber, seit er zuletzt hier gewesen und drüben im dunklen Welttheile Afrika hat er vergessen, wie's in der Heimath zugeht.
„Daheim," murmelte Graf Wildenstein schwerseufzend, „daheim — und dennoch so einsam wie draußen in der Wüste."
Er ist dreißig Jahre nun und wie einst, als er um Melanie von Roden warb, noch schön, stattlich und vornehm. Er hatte am Aequator gelebt und gekämpft, hat mehr gesehen wie so Mancher daheim im Vaterlande und steht doch allein inmitten dieses hastenden, jagenden Menschenknäuels.
Als fein Vater gestorben, hatte Graf Rudolf einen tüchtigen Verwalter für den Wildenstein genommen und Hohenthal gebeten, die Aufsicht über das Ganze zu übernehmen, denn ihn litt es nicht in den hohen, leeren Räu iten, welche nun so völlig einsam standen; überall schienen ihm die ge liebten Todten zuzunicken und Theresen» trauriges Gesicht, wie er e» zuletzt gesehen, als sie hinabstieg in die Gruft, umweht von Trauerfloren, stahl sich bis hinein in seine Träume.
Da damals eine wissenschaftliche Expedition nach den Nilquellen in der Residenz ausgerüstet wurde, schrieb Widm- stein an das Eomitö, um zu fragen, ob er sich auf feine Kosten wohl anschließen dürfe; natürlich lautete die Antwort bejahend und drei Wochen später reiste Graf Rudolf nach Hamburg ab, von wo aus die Expedition sich einschiffen wollte.
Der Abschied von Hohenthal war ihm ebenso schwer gefallen, al» dem Baron selbst. „Lebe wohl," hatte Letzterer ernst und wehmüthig gesagt, „am liebsten wäre ich mit Dir dem herben Schmerze entflohen, der mich hier überall umgibt; allein ich darf nicht, e» wäre pflichtvergessen- Ich will au«, harren auf der Scholle meiner Väter, wohin mich der Allmächtige gestellt; auch Dein Eigenthum soll nun unter meiner Obhut sein, Rudolf! Ich werde täglich hinüberreiten und nach dem Rechten sehen."
„Tausend Dank, mein lieber Freund! Wenn ich wie Du wäre, dann bliebe ich auch; doch, Eduard, i« ist nicht nur


