Ausgabe 
10.12.1895
 
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Mark Gmain.

Mark Twain hat im vorigen Jahre seinen 60. Ge- burtstag gefeiert und wurde bei dieser Gelegenheit al« einer der glücklichen Sterblichen gepriesen, dem er vergönnt sei, in Ästigem Alter im Kreise seiner Familie und im Besitz eines schöne« Vermögens auf ein bewegtes und erfolgreiches Leben sorgenfrei zurückzublicken. Aber er war damals weitfchauender und tiefblickender als andere. Er konnte im Scherze sagen, es ahne ihm, daß er noch einmal zum Bettler würde. Heute ist das zur Thatsache geworden. Vor Kurzem hat Mark Twain durch den Bankerott der Verlagsfirma von Webster in New-York, welcher er sein Vermögen anvertraut hatte, alle- verloren. Es geht ihm wie einst Walter Scott, mit daß letzterer in jüngeren Jahren und im Vollbesitz seiner Schöpfungskrast stand, al« das Unglück über hn kam, so daß er durch die Arbeit seiner fruchtbaren Feder M wenigen Jahren seine Schulden tilgen konnte, während Mark Twain am Ende seiner litterarischen Laufbahn ange. langt ist nachdem er der Welt jedenfalls da» Beste seines genialen Geistes und Humors gegeben hat. Um so heroischer und hochherziger ist Mark Twains Handlungsweise, der sich entschloffen hat, alles daran zu setzen, um seine Gläubiger bei Heller und Pfennig zu befriedigen. Da die Einnahme aus der schriftstellerischen Thätigkeit zu langsam für seinen Zweck voranginge, trotz der großen Honorare, die er zu be- ziehen gewohnt ist, so hat er sich zu einer mehrjährigen Vorlesungstour um die Welt entschloffen und bereits damit begonnen. In einer öffentlichen Erklärung hat er seinen Entschluß angekündigt.

Was die Vorlesungen einbringen," schreibt er, ist gleich meinem übrigen Vermögen für die Gläubiger bestimmt." Dann fährt er fort:

Ein Kaufmann, der alles hingegeben hat, was er be­saß, kann sich für insolvent erklären und sein Geschäft zu eigenem Nutzen von Neuem anfangen. Die geistigen Fähig­keiten eines Menschen dürfen von den Gläubigern nach Recht und Gesetz nicht mit Beschlag belegt werden. Aber, ich bin kein Handelsmann und die Ehre ist ein strengerer Zuchtmetster als das Gesetz. Nur mit 100 Cents sür den Dollar läßt sie sich abfinden und ihre Schulden verjähren niemals.

Wäre die Verlagsanstalt, in der mein Kapital steckte, vom Glück begünstigt gewesen, so würde ich zwei Drittel de« Gewinne» erhalten haben. Die Schulden aber gedenke ich ganz zu bezahlen . . . . Im Augenblick steht die Angelegenheit so, daß ich mit Hllfe der Aktiva der Firma und dem von meiner Frau geleisteten Zuschuß so viel Geld zusammen­bringen kann, um den Gläubigern 50 Prozent auszuzahlen. Ich werde sie bitten, sich mit dieser Theilsumme vor Gericht abfinden zu lassen und mir das Vertrauen zu schenken, daß ich die rückständigen 50 Prozent so schnell abtragen werde, als ich sie verdienen kann. Nach dem bisherigen Erfolg zu urtheilen, den ich auf meiner Vorlesungstour gehabt habe, hege ich die Zuversicht, daß ich, wenn mir Gott das Leben läßt, innerhalb vier Jahren den Rest abgezahlt haben werde. Dann kann ich mit 64 Jahren, völlig schuldenfrei, mein Leben neu beginnen."

Soweit Mark Twain. Wir wünschen ihm Glück zu seinem edlen Wagniß und dauerhafte Gesundheit, um e» durchzuführen. Der amerikanische Humorist zeigt durch sein Verhalten, daß er nichts von seinen Eigenschaften ausdauernden und zähen Verharrens eingebüßt hat, die wesentlich zu seinen Erfolgen im Leben beitrugen. Er adelt durch sein Verhalten seine litterarischen Werke und beweist, daß die sittliche Kraft, die ihn zu denselben befähigte, ein Hauptmerkmal derselben sind. Mark Twain wird von Vielen, wahrscheinlich solchen, die über ihn urtheilen, ohne ihn zu kennen als ein bloßer Spaßmacher angesehen, allein «er Umschau hält über seine Werke wird bald finden, daß der amerikanische Humorist ebenso sehr ergötzt und erheitert, al« belehrt und erzieht.

z Kein Mann wird Mark Twain lesen, ohne eine» nachhaltige!!, moralisch kräftigenden Einfluß au« seinen Schriften zu ae- «innen. Durch die im Verlag von Robert Lutz in Stutt- gart erschienene Ausgabe der ausgewählten humoristischen Schriften Mark Twain», welche das werthvollste und für deutsche Leser geeignetste in vortrefflicher Uebersetzung wieder- gibt, ist es uns nunmehr ermöglicht, Twain in seiner ganzen Fülle kenne« und lieben zu lernen. Die schöne sechrbändiae Ausgabe enthält folgende Meisterwerke Mark Twains: 1.Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer," 2.Aben­teuer und Fahrten von Huckleberry Finn," 3.Skhzenbuch," 1Leben auf dem Mississippi" undNach dem fernen Westen," 5.Im Gold- und Silberlande," 6.Reisebilder und verschiedene Skizzen," nebst einer Lebensbeschreibung de» berühmten Humoristen. Diese sechs Bände enthalten einen Lesestoff, welcher berechtigt ist, viele nichtsnutzige neue Bücher zu verdrängen und in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Sie haben neben ihren großen geistigen Vorzügen auch noch den der Billigkeit. (Zu beziehen in 6 Bänden zu Mk. 10. eleg. geb^!3.50, einzeln jeder Band Mk. 1.80, eleg. geb.

Heber den Werth Mark Twains für deutsche Leser urtheilt ein Kritiker treffend wie folgt: '

«Leider scheinen bei uns die Humoristen ausgestorben, wenigstens jene, welche wie Fritz Reuter mit dem Herzen fühlen und darin da» Leben des Volkes aufnehmen mit seinen Schwächen und Gebrechen und Thorheiten, um Alle» das w eder heraurströmen zu lassen, nicht mit Bosheit und pikanten Würzen, aber mit der eigenen Gemüthstiefe und Herzensfröylichkeit durchmengt, die uns wieder von Herzen lachen macht. Amerika hat einen solchen Humoristen, das ist Mark Twain. In Hunderttausenden von Exemplaren sind nicht nur dort, sondern auch in England und anderen Ländern die Twain'schen Schriften verbreitet. Der Schrift­steller hat bei dem belesenen Publikum eine internationale Berühmtheit erlangt und verdient auch in Deutschland volkrthümlich zu werden, dem er sich durch verschiedene Be­suche näher gebracht hat; auch liegt in de» Dichters Fühlen und dessen Wiedergabe eine Art, die der deutschen Volks­seele so sympathisch ist, als wäre er einer der unseren. Deshalb ist e» mit großer Freude zu begrüßen, daß ein deutscher Verlag die Herausgabe der sorgsam gesichteten besten Werke der berühmten Humoristen übernommen hat und zwar in so practtscher Weise, daß auch dem ärmsten Manne, der Freude an herzerquickenden guten Büchern hat, die Anschaffung dieses köstlichen Humor-Schatzes leicht ge­macht ist."

Mark Twain" ist fein bloßer Schriftstellsrnams und rührt daher, daß die Lotsen auf dem Mississippi beim Aus­werfen de» Senkblei» ausrufen: Mark one mark two oder twain u. s. w. In Wirklichkeit ist Mark Twain» Name Samuel Langhorne Clemens. Folgen wir einmal in flüchtiger Skizzirung dem Lebenslaufe unseres Samuel oder kurzweg Sam. Derselbe verlebte in Hannibal, Staat Mississippi, seine Jugendjahre; sein Vater John war daselbst seit 1840 Friedensrichter. Sam war ein gutherziger, wilder und muth- williger Knabe, der oft die Schule schwänzte und allerhand lose Streiche beging. Sowohl inTom Sawyer" wie Huckleberry Finn" hat er seine Jugendzeit drastisch geschildert. Als Sam zwölf Jahre alt war, starb der Vater und er wie seine Geschwister mußten sich ihr Brod verdienen. Er wurde Buchdruckerlehrling beimWeekly Courier" in Hrnntbal. Die» Blatt hatte 100 Abonnenten in der Stadt und 350 auf dem Lande; die städtischen bezahlten mit Colonialwaaren, die ländlichen mit Kohlköpfen und Holzwenn sie überhaupt zahlten", fügt Mark Twain hinzu. Es war eine ganz miss- rable Wirthschaft und ein kümmerliches Leben. Als der Lehr­ling, der wenig an den Setzerkasten gekommen war, 15 Jahre zählte, hatte erausgelernt" und ging auf die Wanderschaft, wobei er nach New-York kam, von da nach Philadelphia, dann nach Cincinati, nach Louisville und St. Louis. Nirgends hielt er lange au». Er wurde Lotse auf dem