Ausgabe 
10.12.1895
 
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Die Abendtäfel wat, verstimmt wie man war, früher als sonst aufgehoben; Wolfgang ging aus fein Zimmer.

Die Pfarrersleute hörten ihn die ganze Nacht weinen und im Zimmer umherschreiten. Ganz spät holte auch Salomea die Mutter herbei: Riekchen hatte einen Anfall gehabt.

War hat t» gegeben?" fragte Frau Maria Magdalena, als die Kranke wieder zu sich gekommen war.

D, frage nicht, Mutter!" entgegnete jedoch Friederike abweichend.

Das sagte genug und die resolute Frau »ahm sich vor, dem jungen Doctor morgen früh ordentlich den Text zu lesen.

Er erschien erst spät am Kaffeetisch und erklärte dann, daß nun geschieden sein müffe. Mit bewegten Worten dankte er der Familie für alle Liebe, die er hier genoffen, dann stand er auf.

Da konnte Frau Maria Magdalena nicht länger an sich halten.Schämen Sie sich, Herr Doctor," sagte sie,daß Sie unserem Hause diesen Schimpf anthun l Von Ihnen hätte

ich es nie geglaubt!"

Der gute Pfarrer erhob die Hände begütigend, Friederike aber sagte:Nicht so, Mutter; ich sehe selbst ein, daß ich dem Herrn Doctor nicht genüge; verkennt ihn nicht, wir geben Leide nur dem Drucke der Verhältniffe nach! Komm', Wolf­gang, zum letzten Male begleite ich Dich auf den Hügel!"

Auf diese» verschwand die Mutter, Salomea winkend, sofort, die Kinder zerstreuten sich, Brion allein reichte Wolf­gang stumm die eiskalte Hand.

Arm in Arm ging indeß das Paar zum Wirthshause, wo Goethe Befehl gab, sein Pferd durch einen Knecht auf

den Hügel zu senden.

Noch einmal sah er sich hier um, noch einmal umschlang er Friederike krampfhaft, dann schwang er sich auf da« herbei­gebrachte Roß.

Zum letzten Male reichte er Friederike die Hand und schluchzte:Ade, meine Muse! Ich will Dich wie eine Heilige verehren! Heute sehe ich'«, daß ich Deiner nicht werth war! Ich habe fda» edelste, da« beste Herz schwer verletzt! Ver­zeihe mir!"

Sie winkte nur, denn die Bewegung erlaubte ihr keine Worte; er drückte den Hut in die Stirn, gab dem Rosse die Sporen und flog die Anhöhe hinab, eben als Friederike der nachgeeilten Salomea ohnmächtig in dis Arme fiel.

Al« letzten Gruß empfing die Verlassene zwei Tage da­

rauf folgendes Blatt:

Ein grauer, trüber Morgen Bedeckt mein lieber Feld, Im Nebel tief verborgen Liegt um mich her die Welt; O, liebe Friederike, Dürft' ich zu Dir zurück, In einem Deiner Blicke Liegt Sonnenschein und Glück!

Der Baum, in dessen Rinde Mein Nam' bei Deinem steht, Wird bleich vom rauhen Winde, Der jede Lust verweht. Der Wiesen grüner Schimmer Wird trüb wie mein Gesicht, Sie seh'n die Sonne nimmer, Ich Friederiken nicht.

Bald geh' ich in die Reben Und herbste Trauben ein. Ringsum ist Alles Leben, Es sprudelt neuer Wein. Doch in der öden Laube, Ach, denk' ich, wär' sie hier. Ich brächt' ihr diese Traube, Und sie, was gäb' sie mir?"

Al« Salzmann zwei Tage später den Freund besuchte, lag er krank im Bette, auf dem Schreibtische aber zeugte ein noch von der Tinte nasse« Gedicht von den Seelenkämpfen, welche der Kranke durchgefochten:

Laß mein Äug' den Abschied sagen, Den mein Mund nicht nehmen kann I Schwer, wie schwer ist er zu tragen! Und ich bin doch sonst ein Mann!

Traurig wird in dieser Setimet Selbst der Liebe süß'stes Pfand, Kalt der Kuß von Deinem Munde, Matt der Druck von Deiner Hand.

Sonst, ein leicht gestohl'nes Mäulchen,

" O, wie hat es mich entzückt!

So erfreuet uns ein Veilchen, Das man früh im März gepflückt!

Doch ich pflücke keine Kränze, Keine Rosen mehr für Dich. Frühling ist eS, doch im Lenze Leider kalter Herbst für mich!"

Als bald darauf das nach einem elsässischen Volkslieds von Goethe umgedichteteHeidenröslein" bekannt ward, wußten Herder und Salzmann wohl, auf wen es deutete:

Und der wilde Knabe brach

's Röslein auf der Haiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt' es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein roth, Röslein auf der Haiden!"

Arme» Röslein!

* *

Goethe war nach Frankfurt abgereist; er hatte Friederike Brion nicht vergessen und hat sie auch später wie eine Heilige unvergessen geehrt.

Inzwischen weilte Reinhold Lenz im Pfarrhause. Da» Zimmer, welche» Goethe bewohnt, nahm jetzt er ein; die guten Pfarrersleute konnten sich ja nicht ander« als gastfrei erweisen. Es war wohl Allen klar, daß er um Friederikens willen kam, aber das Mädchen hielt sich kalt zurück. Da versuchte der Livländer sein Glück bei den Eltern und hielt um der Tochter Hand in aller Form an.

Die Pfarrerin seufzte. Lenz war kein Goethe, dessen Bild im hellsten Lichte vor Aller Seelen stand. Dennoch nahm sie die Tochter mütterlich bei Seite und sagte:Set nicht thöricht, mein Kind! Der Doctor Windbeutel kehrt nie zurück und eine alte Jungfer sollst Du nicht werden! Wenn Herr Lenz auch kein Goethe ist, so meint er es doch ehrlich und hält um Deine Hand an. Schlage ein!"

Aber Friederike schüttelte den Kopf und sagte mit schmerz­lichem Zucken auf den bleichen Lippen:Komme e«, wie e» kommen mag; nie werde ich einen anderen Mann lieben!"

Dieselbe Antwort erhielt Lenz, al» er im Garten seinen Antrag persönlich vorbrachte.

Sehen Sie," setzte sie dann hinzu,Goethe ahnt nicht« von Ihrer Verrätherei, denn ich habe geschwiegen. Sehen Sie aber nicht ein, daß sein und Ihr Bild nicht in einem Herzen Platz haben können?"

Da fiel er vor Leidenschaft rasend ihr zu Füßen und flehte:Riekchen, so hören Sie mich doch! Ihr Verzicht auf Eheglück nützt ihm, der mir überall im Wege war, ja nicht«; mich aber stürzt Ihre Weigerung in Wahnfinns Nacht! Sie müssen, Sie sollen mich hören!"

Er griff nach ihrem Kleide, aber da trat plötzlich der Herr Pfarrer, der jetzt auf einmal Muth in seinen Adern fühlte hinzu und brachte sein Kind in Sicherheit. Lenz mußte das gastliche Dach sofort verlassen.

Er hatte wahr gesprochen: Er starb im Irrsinn!

Goethe gedachte oft und gern seine«Dichterfrühling«", den Friederike in seinem Herzen wachgerufen. Sie blieb ledig und starb achtuydfünfzig Jahre alt im Jahre.1813.

Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, So reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh!"

Ihre resolute Schwester heirathete einen Geistlichen, ihr Bruder ward selbst Pfarrer, Sophie aber blieb wie ihre Schwester ledig.

Auf dem Friedhof zu Sesenheim liegt Goethe» erste Liebe begraben.

Fröhlich sei ihr Auferstehen!