Ausgabe 
10.12.1895
 
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Mm Gießener Anzeiger (Geurml-AmciffM

(Schluß.)

Die feierliche Promotion war bald vorüber und der neu­gebackene Doctor gab den Commilitonen bei den Gorgonen den Doctorfchmaus. Die Tafel war auf fünf Uhr angesetzt.

Zur bestimmten Zeit sammelten stch die Gäste bei den Jungfern Lauth, die diesermal ihre ganze kulinarische Kunst aufgeboten hatten, etwas Tüchtiges zu leisten. Man speiste mit dem besten Appetit, schonte auch der Weine« nicht und sprudelte bald über von Heiterkeit. Launige Trinksprüche auf den jungen Doctor, die Alm«, mater, das Professoren' SoUeflium lösten einander ab, Scherze und Witze flogen herüber und hinüber. Da ergriff Lenz, der zündend reden konnte, sein Glas und brachte ein Hoch auf die Musen unseres Lebens, auf die Jungfrauen, aus. Er hatte seinen Toast so mit Anspielungen auf Goethe gespickt, daß Herder und Salz, mann ihm strenge Blicke zuwarfen. Er schien ste nicht zu ehenl Aber Wolfgang erhob stch, flüsterte Salzmann zu, er komme sogleich wieder und trat dann hinaus. Im Vorzimmer nahm er Hut und Surtout, schrieb ein kleines Btllet an Salz» mann und ging fort. Beim Pferdeverleiher entnahm er ein schwang stch auf, wie er ging und stand, und schickte das Btllet durch einen Knecht nach den Gorgonen.

Hier las der Actuar:

»Mein Sokrates I

, Z1 Die Tischgesellschaft soll ruhig und in aller Fröhlich, kett beisammen bleiben; ich bin fortgeritten, Abschied zu nehmen, Sie wissen wohl, wo l Behalten Sie lieb

Ihren Wolfgang Goethe." mc Er Frühe de« anderen Tage» traf der Reiter im Psarrhause ein. Er sah lauter versteinerte Gestchter, aus« ^en.°^men bo8 Antlitz des Ehrenmannes Brion. Friederike lhat beim Anblick Wolfgang« einen lauten Schrei und fiel Mm dann um den Hals. Als man durch ste erfuhr, daß Wolfgang als junger Herr Doctor gekommen, da thaute die ! Wrrwta auf. Jedenfalls »ar er doch da, um jetzt, wo alle I

Dichterfrühling.

Historische Original-Novelle von Carl Cassau.

t8 geräumt waren, mit den Eltern Friederiken« zu sprechen. Nun, dazu war es ja auch hohe

Der Vormittag vsrging also ganz leidlich, nach Tische aber wanderten die Beiden in'» Nachtigallenwäldchen hinaus, und hier fand der Abschied für'» Leben statt. 9

Friederike," begann hier Goethe hochaufathmend und SrÄif6ftA0enb' Ä^ute zum letzten Male hier! Ä S,1' es muß ja geschieden

!,n! Glaube nicht daß ich Deiner unwürdig, Deiner satt bin ; ich sehe nur kein Ende dieser Wirrniß ab! Mein strenger Vater, von dem ich in Allem abhängig bin, da mich mein eüK. 41 ÖOßärRbi9 roftb, würde niemals seine Einwilligung zur Verschwägerung unserer Familien geben da

Ruf seinen alten Patrizierstammbaum hält; ich w eAer solchen Verbindung meine Angehörigen, Du ,b 0 »clni9®n auf immer verlieren; könnte dieses ein Glück sein? Schau', noch mehr: Mein Weg ist weit, ich habe ein fernes Ziel vor mir; geebnet wird der Weg dahin nicht sein! Soll ich Deine zarte Gesundheit opfern? Noch find wir nicht gebunden; laß uns scheiden!"

Friederike starrte vor sich nieder. Sie gedachte der Zelt Jü« dieTafel bestellt und er ihr seine Liebe er- klärt hatte. Und j-tzt? Ste stand auf und sagte tonlos: Fa, laß uns scheiden, kurz und gut! Schon in Straßburg, baß sich D-inHerz gewandelt! Aber wa« versteht Ihr Männer auch von Frauenliebei"

Sanfter fuhr sie dann fort:Doch ich zürne Dir niLt renn ich liebe Dich! Ich halte er für eine Ehre, von Dir geliebt worden zu fein, und in meinem Herzen soll nie Du magst glauben, was Du willst ein anderes Bild Platz finden! Schon sehe ich Dich auf lorbeerbekränzten Höhen, denn ich kenne Deiner Genius! Daß ich einfaches Landmädchen Deinem hohen Gedankenflug nicht genügen kann, weiß ich: A wäre Dir doch nur eine Fessel! Nimm mit diesem letzten Kusse Gottes schönsten Segen und meine vollste Verzeihung!"

Sie umschlangen stch, ste weinten zusammen. Mußte es denn sein?

. So kamen sie herein, Friederike heiterer, als Wolfgang gedacht. Eigentlich wollte er nun aufbrechen, Friederike aber bat ihn, bi» morgen zu bleiben.

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