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Quer durch's „Teufelsmoor".
Bon Hendrik Wellersoe.
(Nachdruck verboten.)
Die Reisenden, welche von Hamburg aus nach Bremen fahren und somit die ersten Anfänge der Elb- und Weser- Mündungen in Augenschein nehmen können, sind gewöhnlich übler Laune. Sie finden des Räsonnirens kein Ende, das sich in erster Linie gegen die „öde Gegend" und dann gegen die schlechte Bahnverbindung richtet. Es kann ohne Weiteres zugegeben werden, daß die Gegend, welche vom Fenster des Wagenabtheils aus dem Auge sich bietet, thatsächlich „öde" ist: Haide, Moor, — Moor, Haide. Das wird mit der Zeit wirklich langweilig und der geärgerte Reiseonkel findet erst dann seine Laune wieder, wenn er im Bremer Rathskeller nach der Weinkarte greift. Und dabei hat der für in- tercsiante Naturschönheiten leider blinde Geschäftsmann einen Theil des Reiches durchfahren, wie er ihm in seiner Eigenartigkeit wohl nie mehr vor Augen treten wird. Bet den unbedeutenden Haltestellen Tostedt, Scheeffel, Ottersberg lagert das Moor, das sich nach Norden zu bis Bremervörde zum „Teufelsmoor" gestaltet hat.
Da« Teufelsmoor ist der größte Moordistrikt der Landdrostei Stade, der erst eine Grenze findet an dem Bahndamm der Hamburg-Bremer Bahnstrecke. Als die Grenze des etwa 5 Quadratmeilen großen Moorbezirks können die Ortschaften Bremervörde, Fischerhude und Osterholz bezeichnet werden. Das „Düwelsmoor" liegt in einer weiten, von flachen Hügeln besetzten Niederung der Geest. Die Hügel waren vor Jahrhunderten Dünen, sie ragen als niedrige Erhebungen aus der Moorebene hervor und werden als „Berge" bezeichnet. Unter den Blinden ist ja auch der Einäugige König.
Den weiten Raum, welchen jetzt da« Moor einnimmt, haben vor Jahrhunderten die Fluthen der See gefüllt. Eine Dünenkette legte sich einem Riegel gleich vor und schloß end- sich den Meerbusen von der offenen Fluth ab, sodaß eine Verbindung zwischen dem so gebideten See und dem offenen Meer nicht mehr möglich war. In dem seichten See sprossen bald Algen und Moose üppig empor, dann folgten auch höhere Pflanzen. Im Laufe der Jahrzehnte gedieh der Pflanzenwuchs, durch die klimatischen Verhältnisse begünstigt, derart, daß sich der See allmählich in ein Moor verwandelte, aus welchem nur noch die durch Sandanhäufungen hervorgerufenen Bodenerhebungen als „Berge" hervorragen. Fast in der Mitte des Moores liegt der 1 km lange Weyerberg, etwa 50 Meter hoch, der von dem ganzen Moore aus stchbar ist und die Warte des Landes bildet.
Das Moor gewährt einen trübseligen Anblick. So weit das Auge reicht, erblickt es das dunkel gefärbte, mit trüben Wassertümpeln bedeckte Land, auf welchem kein Baum, kein Strauch, höchstens eine inselähnliche Gruppe von Wachholder- und Heidegebüsch und in weiten Abständen die mit Schilfgras bedeckten Hütten der Torfgräber eine Abwechselung gewähren. Die Natur scheint wie ausgestorben, der Ruf eines auffltegenden Kiebitzes oder das Krächzen eine» Moorhuhnes find die einzigen Zeichen, welche die Anwesenheit von lebenden Wesen kundthun. An den Stellen, an welchen der Dünensand bi« an die Oberfläche de« Moores stößt, hat sich ein Zug von Hetdedicktcht gebildet, das in dem von einer dünnen Torfrinde überzogenen Sande Wurzel schlägt. Diese Hügelreihen bilden die gangbaren Wege über die Moorfläche, — wer sie nicht gänz genau kennt, soll ohne kundigem Führer den Weg über das Moor nicht antreten, er kann bet der geringsten Abirrung rettungslos im Schlamm versinken . . .
^UDie Tiefe des Moores richtet sich ganz danach, wie weit der ursprüngliche Dünensand von der Oberfläche entfernt ist. An den tiefen Stellen lassen sich drei Moorfchichten unterschÄden. Die erste derselben, der „weiße" Torf, steht hellbraun aus, brennt leicht, entwickelt aber wenig Hitze. Er besteht sast.ausschließlich au« verwesten und in der Verwesung
begriffenen Torfmoosen. Darunter liegt der „schwarze" Torf, der eine bedeutend dunklere Färbung hat wie die erste Lage, schon schwerer brennt, aber bedeutend mehr Hitze entwickelt. Verkohlte Pflanzenreste bilden seine hauptsächlichsten Bestand- theile. Ein allmählicher Uebergang führt zu dem „blauen" Torf, der besten Qualität, die, an der Sonne getrocknet, eine bedeutende Heizkraft entwickelt. Die Torfgewinnung wird jetzt rationell betrieben und ergiebt leidliche Ausbeute. Mit der Colonisation des Moores ist erst in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen worden, bis dahin wurde das herrenlose Gut von den Bewohnern der Geestränder zu Viehweiden und zur Torfgewinnung benutzt. Als die Colonisation in's Leben gerufen wurde, erhielten die Colonisten außer genügendem Moorland auch noch Ackerland; als Ansiedelungen dienten die „Berge". Im Jahre 1750 wurde eine größere Zahl von Colonisten gewonnen und seit dieser Zeit datiert sich ein zielbewußtes Vorgehen. Der Führer der Colonisten war ein „im Moor" Großgewordener, der frühere Tischler Jürgen Christoph Findorf, der später den Titel „Königlicher Moor-Commissar" erhielt. Während seiner Dienstzeit entstanden 40 Colonien; unter seiner Leitung wurde die Kirche zu Worpswede (am Weyerberg) erbaut. Am Südabhange des Weyerberges ist Findorf, dem „thätigen Förderer der Moor«Colonien", ein Denkmal errichtet worden.
Am Werke Findorf« ist seit seinem Tode (1792) unausgesetzt weiter gearbeitet worden. Es ist ohne Zweifel auch bedeutend gefördert worden, obgleich man den Stimmen, welche behaupten, daß die Colonisation regierungsseitig mit mehr Eifer betrieben werden müßte, nicht so ganz unrecht geben kann. Die bisher erzielten Erfolge spornen zur Nacheiferung wohl an. Früher konnte das Moor nur durch Brennen zum Ackerbau vorbereitet werden, allmählich sind Canäle und Wasserstraßen angelegt worden, welche als Sammelbecken dienen und zur Austrocknung immerhin beitragen. In den abgetorften Gründen sind üppige Wiesen entstanden, die Zahl der Colonisten ist bedeutend gewachsen und sie schlagen sich schlecht und recht durch's Leben. (Schluß folgt).
Vevinisehtes.
Klatsch. Frau Räthin: „Heute kann ich nicht kommen, morgen unmöglich, — nächste Woche auch nicht . . —
Frau Assessor: „Nun, Frau Rath, kommen Sie halt, wann Sie wollen." — Frau Räthin: „Ja ganz recht — da habe ich auch am Besten Zeitig
Eine genaue Auskunft. Dame: „Ach, Herr Doctor, Sie sind doch ganz gewiß ein Mann, der tief in die Geheimnisse der medizinischen Wissenschaft eingedrungen ist, war machen Sie denn, wenn sie mächtigen Schnupfen haben?" — Arzt: „Ich niese, gnädige Frau l"
Literarisches.
Soviel auch schon über die Dienstbotenfrage geschrieben worden, der Stoff bleibt ewig neu, und gute Rathschläge, namentlich für junge Hausfrauen, sind hier niemals verloren, besonders wenn sie auch den Herrschaften zu denken geben, denn: „Dienstboten sind auch Menschen." Von diesem Standpunkt aus behandelt W. Gleim, der auf hauswirth- schaftlichem Gebiete rühmlichst bekannte Autor, das vielberedete Thema im Septemberheft der „Praktisch«« , herausgegeben von Johanna vo n Sydow (Verlag von Max Pasch, Berlin, Ritterstr. 50). Die empfehlenswerthe Zeitschrift bringt in diesem Hefte einen interessanten Plauderartikel über „Englische und amerikanische Küche," für Unterhaltung sorgt der Schluß der fesselnden Novelle: „Ein Experiment" von B. Herwi, und „Tante Jehnchen," ein Familienbild von der Herausgeberin. Der practische Theil enthält eine Fülle lehrreicher Aufsätze: „Der Einkauf im September"; den üblichen „Speisezettel" für die einfache Tafel; „Die Poesie der Kochkunst": „Reste in der Küche"; „Der Garten im September." — In einer Nachricht an die Leserinnen theilt die Redaction mit, daß die Zeitschrift vom October ab den besser den Inhalt kennzeichnenden Artikel: „Mein Haus mein« Welt- Monatsschrift für das geistige und wirthschaftliche Leben der Frau." — führen wird, womit gewiß jede Leserin des trefflich geleiteten hauswirthschaftlichen Blattes einverstanden ist
Redaction: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitLts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


