Ausgabe 
10.9.1895
 
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woch lesen! Denkst Du noch daran, wie wir uns damals unsere Ideale ausmalten in dem Eichenwalde an unserer Grenze und ein andermal denLichtenstein" lasen im Schilf des kleinen Weihers in Deinem Boot?"

Ach ja, Trude," seufzte Hertha leicht,damals war ich noch glücklicher wie heute."

Aber wieso, Du Närrchen I Siehe, die Clara hat ihr Ziel erreicht und wie sie ihr junges Glück beschreibt, muß es ein wunderbarer, himmlisches Gefühl sein, in der Liebe zu leben; Du, Hertha, bist nun diesem Ziele auch sehr nahe, nur ich ich ganz allein, ich steh' noch immer einsam auf der stillen Flur! Doch darüber bin ich nicht trostlos, ich sage mir: Was Dir beschieden ist, dem entgehst Du nicht, übrigens wenn man Claras Briefe zusammenstellt und bedenEt, wie er gekämpft und sie gelitten hat, dann ist der schönste Roman fertig ja, der schönste Roman, weil da» Ende gut ist. Ich würde einen Roman auch gewiß nicht lesen, wenn ich vor­her wüßte, daß sie sich nicht kriegen."

Hertha athmete tief, als das Geräusch eines vorfahrenden Wagens nach dem Garten drang. Familie Ribold aus Heide­fließ kam vorgefahren und von der anderen Seite der alte Amtsvorsteher nebst Frau. Rach der Begrüßung nöthigte Tante Doctor zum Kaffee und man begab sich in das große Zimmer, besten Wände mit vielen Hirschgeweihen und Reh­kronen um Jagdstücke gruppirt waren. Vor den Bildern Auf der Auerhahnbalz" undDie Entenjagd" war der Herr von Wfldenau stets zu finden, sobald er in dies Zimmer trat, denn hier hingen die stärksten Rehgehörne, unter denen viele monströse" sich befanden, und er als großer Nimrod hatte stets von Neuem seine Freude daran.

Herr Oberförster," sagte von Wildenau, nachdem er Platz genommen,bei mir steht jetzt ein mächtiger Kapital­bock mit starkem, prächtigem Gehörn, hoffentlich hat er nicht die Güte, wieder zu Ihnen herüber zu laufen."

Der Oberförster lachte.

Kann mir schon denken, lieber Wildenau wohl bei Jagen sechsundachtzig!"

Sage ich nicht!"

Nun, ich gratulire Ihnen, aber halten Sie den Burschen auch gut fest." Und Beide drückten sich lachend die Hand.

Es fing bereits an zu dämmern, als Hellmuth und Heyd in Lindenheim vorfuhren. Der Oberförster begrüßte sie vor der Thür und freute sich aufrichtig, den Baumeister so wohl zu sehen und die Bekanntschaft des Ingenieurs zu machen. Ah, Sie haben wohl heute Gesellschaft, Herr Oberförster?" fragte Heyd, der verschiedene Stimmen aus den ausstehenden Fenstern der hellerleuchteten Zimmer hörte.

Nur einige bekannte Familien der Umgegend, Herr Baumeister, mit denen wir die Geselligkeit pflegen und da sind Sie mir, meine Herren, doppelt lieb."

Nun führte er sie in das große Zimmer, wo die ganze Mittwochsgesellschaft beisammen war, und stellte sie den An­wesenden vor.

Karl Hellmuth, der fest in jedem Sattel saß, fühlte sich in dieser Gesellschaft recht bald behaglich und fand auch zur nicht geringen Freude in dem Herrn von Wildenau einen Jugendfreund seines seligen Vaters.

Der Baumeister überreichte Hertha einen Blumenstrauß von Schneeglöckchen und Veilchen, den sie erfreut annahm.

Und Deine Lieblingsblumen, Hertha," sagte Gertrud.

Nun, Sie konnten es doch nicht wiffen, Herr Bau­meister," erwiderte Hertha.

Aber ich bin dem Zufall sehr dankbar, Fräulein Steuer; ich brachte Ihnen die Blumen, die ich zuerst begrüßte, als ich zum neuen Leben erwachte, sie sollen mich immer an Sie und an Ihr sreundltches Haus erinnern zu aller Zeit und wo es auch sein mag."

In die Gesellschaft kam nun eine fröhliche, heitere Stim­mung; man sprang von einem Thema zum anderen, bis Tante Doctor zum Abendeffen nöthigte und Hertha eine Bowle in die Mitte des Tisches stellte.

Ah der Herr Oberförster beginnt wieder den Reigen

natürlich mit dem Waldmeister!" sagte Herr Ribold.Und was macht denn Ihre Erdbeerencultur, lieber Wildenau?"

Na, ich danke, Riboldchen, ich hoffe am nächsten Mitt» woch schon mit aufwarten zu können."

Und ich," sagte der alte Amtsvorsteher,ich werbe Euch Herrschaften bei mir etwas ganz Besondere« vorsetzen, Ihr Herren der Schöpfung, die Ihr ja Alle einen guten Tropfen liebt."

Na, Thielemann, was hast Du denn Gutes? ' fragte Ribold, ein kleiner, untersetzter Herr, der ein großer Freund von gutem Effen und Trinken war.

Wird nicht vorher erzählt, mein Lieber, ab warten immer abwarten," entgegnete der alte Thielemann schmunzelnd.

Und Sie, meine Herren," und er wandte sich an die beiden FreundeSie werden uns doch auch die Ehre geben; wir haben nämlich alle Mittwoch diese Zusammenkunft und zwar der Reihe nach."

Und am nächsten Mittwoch habe ich das Vergnügen," sagte Wildenau;um vier Uhr soll mein Wagen vor dem Deutschen Hause stehen, um Sie, meine werthen Herren, ab­zuholen."

Zu viel Ehre, meine Herren," erwiderte Heyd,aber wir nehmen Ihre freundliche Einladung dankbar an," bemerkte Hellmuth.

Bald wurde die Tafel aufgehoben, und da der Skat heute nicht in Gang kam, so machte der alte Amtsvorsteher den Vorschlag, daß die junge musikalische Welt etwas vor­tragen möchte. Hertha öffnete das Klavier, aber es wollte niemand den Anfang machen, da der eine den andern für einen bessern Spieler hielt. Als von Wildenau diese Ver­legenheit bemerkte, sagte er:Da in Ihrer großen Be­scheidenheit keiner den Anfang machen möchte, so habe ich hier vier Papierstreifen von verschiedenen Längen, und wer von Ihnen nun den kürzesten zieht, der wird uns zuerst die Ehre geben."

So wurde es denn auch gemacht- Der Ingenieur war nun der Erste, dann folgte Fräulein Steuer, dann Gertrud von Wildenau und den Schluß machte der Baumeister-

Hellmuth schritt sogleich zum Piano und spielte den Hohenfriedberger Marsch. Er spielte ihn mit Tact und Feuer, denn ihm war es, als führte er seine Compagnie zu frischem, fröhlichem Manöver. Aber auch Herr von Wildenau kannte diesen Marsch nur zu gut, hatte er ihn doch lieber wie viele andere, denn als er aus dem siegreichen Feldzuge als Rittmeister an der Spitze seiner Escadron in die jubelnde, reich geschmückt Garnison einrückte, war e« eben jener Marsch, den die Musik sei«c Dragoner spielte. Und wie Hellmuth mit Leib und Seele Soldat war, so fühlte sich auch von Wil­denau sogleich im Sattel, wenn ein Signal ertönte ober ein Marsch im militärischen Tact. Als der Jngeneur aufstand, da klirrten fröhlich die Gläser und von Wildenau drückte seinem jungen Kameraden tüchtig die Hand.

Nach einer Pause nahm nun Hertha am Piano Platz und spielteLumbys Traumbilder", und sie spielte so meister­haft und gefühlvoll, als wäre sie ein Echo ihrer edlen Seels. Der Baumeister stand am Fenster und sah hinauf zum Sternen­zelt und eine tiefe Trauer beschlich sein müdes Herz. Ihm waren es Töne längst verfloffener glücklicher Stunden. Er drückte seine heiße Stirn an die Scheibe, betrachtete sinnend die flimmernden Weltkörper, und Ruhe und Friede kehrten zu ihm zurück.

Als Hertha aufstand, brachten ihr der alte Amtrvsrsteher und auch Hellmuth ihre Anerkennung dar und sie dankte in ihrer bescheidenen Art, aber Der, von dem sie am liebsten ein Wort vernommen hätte und wäre es auch kein Wort der Anerkennung, der stand unbeweglich am Fenster. Wieder klangen die Gläser, die Tante Doctor inzwischen gefüllt hatte, und der alte Thielemann stieß mit seinem Pathchen, der Tochter des Oberförsters, an.

(Fortsetzung folgt.)