L76
Die Stimme kam aus dem oberen Stockwerk. Kühn der Flamme trotzend, die von einem Momente zum anderen die Treppe hinter ihr ergreifen und ihr den Rückzug abschneiden konnte, lies Catherine durch den Rauch die Stufen hinauf.
Sie stieß rasch die Thür eines Zimmers auf, aus dem die klagende Stimme kam. Bewußtlos, mit vagem Blick faß Herminie von Beaurepaire am Rande des Bettes und hielt auf dem Schooße die kleine Alice, die den schweren Schlaf der Kindheit schlief.
„Rasch, rasch, Madame!" rief Catherine. „Es brennt!"
Aber Herminie fuhr fort, zu singen und die kleine Alice zu wiegen.
Bei dem Geschrei Catherinens war das Kind erwacht.
„Es ist keine Zeit zu verlieren, schnell!" sagte Catherine gebieterisch und ergriff die Hand des Kindes, das vor Schreck zitterte.
Herminie machte ihr eine ernste Verbeugung und sagte: „Guten Tag, Madame, Sie wissen nicht? Ich heirathe heute. Sie kommen zu meiner Hochzeit, nicht wahr? Sie werden sehen, wie schön ich sein werde."
„Die Unglückliche ist wahnsinnig — o, die arme Frau!" sagte Catherine mitleidig. „Aber jetzt ist nicht der Moment da, um sich rühren zu lassen. Vorwärts. Sie müssen mit mir kommen!" fuhr sie fort, indem sie ihrer Stimme absichtlich einen rauhen Klang gab.
Die Wahnsinnige setzte sich mit einem Ruck in Bewegung und folgte ihr mit starren Augen und herabhängenden Armen wie ein Automat.
Catherine, die kleine Alice mit sich ziehend, stieg eilig hinab. Sie drehte sich um, um zu sehen, ob Herminie ihr auch folge.
Diese ging steif und starr hinter ihr her, als sie jedoch an dem Zimmer vorbeikamen, wo Beaurepaire lag, streckte Herminie den Arm aus, stieß einen schrillen Schrei aus und rief: „Da, da, der Mann — die Pistole an der Schläfe, o, er will mich auch tödten!"
Und sie fiel leblos auf die Diele nieder. Catherine hielt es für unmöglich, fie fortzutragen. Sie lief daher die Stufen des ersten Stockwerkes hinab, Alice immer mit fich ziehend, und sprang mit einem wilden Satz auf die Straße hinaus. Sie und das Kind waren gerettet.
Soldaten, die auf das Signal der Feuersbrunst, welche man einer preußischen Granate zuschrieb, herbeigeeilt waren, begannen eine Kette zu organistren. Sie vertraute ihnen das Kind an, und die Mannschaft der Compagnie Lefebvres erkennend, flehte fie fie an, in's Haus zu dringen, um die noch lebende Herminie und den Leichnam des Commandanten den Flammen zu entreißen.
Drei oder vier Männer stürzten willig hinein und wenige Augenblicke später brachte man den Körper Beaurepaires heraus, während zwei Soldaten die Wahnsinnige hielten, die fortwährend rief: „Laßt mich fort, ich muß mich ankleiden gehen! Ihr wißt nicht, ich verheirathe mich, seht doch, wie viele Leute gekommen sind und die Kerzen sind schon angezün« det! O, wie schön ist eine Kirche bei einer Hochzeit!"
Und mit einer tragischen Geberde zeigte sie den vor Schreck starren Zuschauern die Flammen, welche an den bereits geschwärzten Mauern leckten.
Frau von Blocourt hatte sich beim Herabspringen vom Balkon auf die Straße gefährliche Verletzungen zugezogen und starb wenigs Tage später. Herminie, deren Verstand nicht wiederkehrte, wurde zu einem Verwandten gebracht, der sich erbot, fie zu überwachen und zu pflegen. Der Körper Beaurepaires ward in's Stadthaus übertragen.
Dort erklärten der Präsident und der Bürgermeister, daß sich der Commandant entleibt habe, um die Capitulation von Verdun nicht zu unterzeichnen.
„Diese Absicht," sagte man, „sei von Beaurepaire am Vorabende, als man die Bedingungen der Uebergabe der Stadt besprach, mit lauter Stimme geäußert worden. Mehrere
Zeugen bekräftigten dies und die Nachricht von dem heroischen Tode des Commandanten, der der Capitulation der Stadt, die er vertheidigen wollte, nicht lebend beiwohnen wollte, wurde von den Verräthern, die ihn ermorden ließen, verbreitet und von den Patrioten geglaubt.
In der Folge wurden dem Andenken des heldenhaften Beaurepaire große Ehren erwiesen und die Convention accep- tirte diese Erklärung eines exemplarischen und glorreichen Selbstmordes.
Die Feiglinge, welche den von Leonard ausgeführten Mord Beaurepaires bestellt hatten, öffneten am nächsten Tage die Thore der Stadt den preußischen und österreichischen Armeen kraft der Capitulationrurkunde, welche Lowendaal in's Hauptquartier des Herzogs von Braunschweig gebracht hatte.
Der König von Preußen zog triumphirend in Verdun ein. Alle reichen Bürger acclamirten ihn. Der Präsident Termaux bot ihm ein Bankett im Stadthause an und der Bürgermeister Gossin verglich ihn beim Dessert mit Alexander dem Großen, wie er von Babylon Besitz ergriff.
Junge royalistische Mädchen, die späterhin guillotinirt wurden und welche die Poesie als Märtyrer glorifizirte, beleidigten die Hingebung der Vertheidiger von Verdun, indem fie, ganz in Weiß gekleidet, dem König von Preußen, welcher ohne Kampf gesiegt hatte und durch Verrath Herr der Stadt geworden, Kränze überbrachten. (Fortsetzung folgt.)
»eiter blickt der Morgenhimmel, Trillernd steigt empor die Lerche;
Duftig glitzern Wald und Berge
Und der Wiesen blumiges Gewimmel.
Einjam taucht am Firmamente
Auf ein weißes Wölkchen,
Bald noch andere, und das Völkchen Schwellet, wachset, ballet sich oljn’ Ende.
Frieden lag auf Deutschlands Gauen, Glück und Freiheit allerwegen.
Neidisch aus den Gottessegen
Droht der Nachbar, finster anzuschauen.
Dräuend wirft er seine Schaaren An des alten Reiches Marken, An die längst verletzten Marken, Strebend, sich noch mehr zu wahren.
Furchtbar ballen sich die Wetter.
In dem Kampfe der Naturen Donnern Blitze, auf die Fluren Prasselnd niederfahrend. — Ist kein Retter?
Ueber allen Welten richtet Gott: — Er schützet seine Kinder, Doch er straft den bösen Sünder: Machtlos liegt der Prahlende vernichtet.
Auf die eig'ne Stärke bauend, Brüstet sich der Corse eitel. Ernstvoll mit entblößtem Scheitel Betet Preußens König, Gott vertrauend.
Und von seinem schwachen Throne Stürzet Gott den stolzen Krieger, Und er krönt den greisen Sieger: Daß der Deutsche wieder sicher wohne.
Rasch gekommen, rasch verschwunden
Ist des Wetters wildes Wüthen;
Nach dem Aufruhr scheint der Frieden Und die Elemente sind gebunden.
Seht Ihr noch das ferne Leuchten?
Hört Ihr fern das dumpfe Grollen?
Wird man Ruhm und Frieden zolle» Ewig Denen, die den Sieg erreichten?
Haltet fest, was Ihr errungen;
Haltet fest mit tapfrer Wehre
Freiheit, Tugend, Mannesehre l
Bleibet edel, fromm und festumschlungen!
Fr. Tr.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gießen.


