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zuckte sie der Verdacht, daß dieser Mann etwas im Schilde sühre und Beaurepaire eine Gefahr drohe.
Sie wollte ihm folgen und Lefebvre auf ihn aufmerksam machen, aber sie konnte nicht daran denken, in einem solchen Moment ihre Kantine zu verlassen.
Die Bertheidiger von Verdun, die die Nacht damit zu« brachten, Schanzkörbe auf den Wällen aufzurichten, Palisaden auszuwerfen und Faschinen anzubringen, während die Kanonen ohne Unterlaß feuerten, hatten ein Recht darauf, die Kantine offen zu finden.
Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen und versuchte sich einzureden, daß sie sich thörichterweise beunruhige und daß Beaurepaire von Seiten dieses Mannes keine Gefahr drohen könne.
Nichtsdestoweniger mußte sie fortwährend an Lowendaal denken. Der Baron sah wie ein Verräther aus; wer konnte wiffen, was er gegen den unerschrockenen Bertheidiger von Verdun im Schilde führte?
Endlich konnte sich Catherine nicht mehr halten und als mit vorgeschrittener Nacht die Kunden seltener wurden, erklärte sie ungeniert, daß sie schläfrig sei und verabschiedete die wenigen noch anwesenden Soldaten, indem sie ihnen den Rath gab, sich, wenn sie keinen Wunsch nach Ruhe hätten, auf den Wällen zu zerstreuen, wo er ohnehin an Leuten mangelte, um die Schanzkörbe und Faschinen zu placiren.
XIV.
Dar Ende einer Helden.
Nachdem Catherine ihre Kantine in Ordnung gebracht und dem friedlich schlafenden kleinen Henriot einen leichten Kuß gegeben hatte, drang sie in die düsteren Straßen der Oberstadt ein.
Dar Mißtrauen verließ sie nicht, sie ahnte, daß in dem Schlosse der Frau von Blocourt, in jenem Hause, wohin der Commandant sie da» kleine Mädchen aus Jouy-en-Argonne bringen ließ, eine Gefahr für Beaurepaire drohte; sie witterte
In dem Augenblicke, als sie sich dem Schlosse der Frau von Blocourt näherte, hörte sie die Detonation einer Feuerwaffe.
Ein solches Geräusch konnte in einer bombardirten Stadt nicht überraschen. Aber dieser Schuß in dem isolirten fried» ltchen, von den Wällen entfernten und scheinbar schlummernden Stadtviertel erschreckte sie. Sie ahnte ein Unglück, ein Verbrechen.
Am Ende einer Straße bemerkte sie die Silhouette eines fliehenden Mannes. Sie meinte den sonderbaren Frager zu erkennen, dessen Benehmen in der Kantine ihr Mißtrauen erweckt hatte.
„He, Mann, nicht so schnell! Wer hat denn hier geschossen?" rief sie ihm zu.
Aber der Unbekannte verdoppelte seine Schnelligkeit, ohne zu antworten, und verschwand in einer dunklen Gasse.
Catherine zögerte einen Augenblick. Sollte sie dem Manne folgen? Aber sie bedachte, daß ein Mann, der in einer belagerten Stadt Nachts rasch fortläuft, nicht gerade ein Verbrecher sein müsse und dann, welche Beziehung konnte zwischen diesem Unbekannten und Beaurepaire bestehen?
. . .Vor Allem mußte sie sich im Schlosse Blöcourt versichern, daß der Commandant wirklich ruhe.
Sie machte sich daher wieder auf den Weg und schritt rasch auf das Haus zu, in welchem Herminie von Beaurepaire «einen Ali-- schlief und wo sich Beaurepaire, von Müdigkeit erschöpft, sicherlich auf ein Bett geworfen hatte, dt» man ihn wecken kommen würde, um in den Kampf zurück- zukehren.
Während sie die Thürklingel ergreifen wollte, erhoben sich innen Geschrei und laute Rufe.
Die Fenster öffneten sich lärmend, erschreckte Köpfe er- chienen und riefen nach Hilfe. Die alte Frau von Bläcourt tm Hemd und in der Nachthaube zeigte sich auf dem Balkon und bewegte mit verzweifelter Miene krampfhaft die Arme. 5
Zu gleicher Zeit warf ein rothes Licht seinen Reflex auf die Farade des Nachbarhauses. Schwarze Rauchwolken drangen durch die offenen Fenster und lange Flammenzungen fuhren über die Dächer hin.
„Feuer! Feuer!" schrie Catherine. „Und das Thor wird nicht geöffnet."
Die Bedienten, ganz den Kopf verlierend, liefen fchreiend und nach den Schlüsseln rufend durch das Haus. Endlich öffneten sie die Thür und stürzten auf die Straße hinaus.
Einige Nachbarn, jäh aus dem Schlafe aufgeschreckt, stürzten herbei, aber schon hatte sich Catherine muthig in das brennende Hau» gestürzt.
Die Gefahr zog sie an und sie sagte sich, daß er hier Menschenleben zu retten gab.
Sie drang auf'» Geradewohl durch den Rauch vor, indem sie sich von der fahlen Helligkeit des Feuers leiten ließ. Im ersten Stockwerk stand die Thür eines Zimmers offen. Sie drang kühn hinein und rief: „Schläft hier Jemand?"
Der Rauch hinderte sie, vorzudringen. Niemand antwortete. Plötzlich färbte eine Flammengarbe das Zimmer purpurroth und erhellte es.
Catherine stieß einen Schreckensschrei aus. Auf dem Bette ausgestreckt lag Beaurepaire, anscheinend schlafend, bewegungslos und taub gegen den wachsenden Lärm. Sie stürzte auf ihn zu.
„Herr Commandant, schnell, wachen Sie auf! Stehen Sie auf, es brennt!" rief sie.
Der Commandant rührte sich nicht. Das Zimmer war wieder dunkel geworden. Der Rauch wirbelte immer dichter und erstickender.
Catherine beugte sich herab und tastete sich durch den Rauch nach der Richtung des Bettes. Sie wollte den Comman- danten schütteln, denn sie dachte, daß er vielleicht ohnmächtig sei.
Sie berührte den bewegungslosen Körper und horchte. Aber kein Athemzug stieg von dem Bette auf.
„Was für ein seltsamer, tiefer Schlaf," dachte sie und Entsetzen ergriff ihre kühne Seele.
Näher herantretend legte sie ihr Ohr an die Brust des Commandanten.
„Sein Herz schlägt nicht mehr!" murmelte sie angstvoll.
Eine furchtbare Stille erfüllte dar Zimmer.
Sie hatte ihre Hand auf die Stirn des Commandanten gelegt und fühlte etwas Dickes, Klebriges ihre Finger befeuchten. Entsetzt fuhr sie zurück und fühlte, wie ein Schwindel, eine allgemeine Schwäche sie ergriff, so daß sie beinahe gefallen wäre.
Das war der Tod. Aber sie raffte ihre ganze Energie zusammen.
«Dar Fenster I" sagte sie bei sich, erstaunt, daß sie nicht früher daran gedacht hatte, es zu öffnen. Sie stürzte auf das Fenster zu und ließ rasch die Luft ein.
Es war Zeit! Eine Secunde später wäre sie betäubt, vom Rauch erstickt, niedergesunken.
Der Reflex des Feuers auf dem gegenüberliegenden Haufe erhellte das Bett, auf dem Beaurepaire lag. Der Commandant schien starr und gefühllos zu schlafen. Sein Gesicht war fahl, das Kiffen roth. Ein Loch in der Schläfe, aus dem ein feiner Blutstrom sickerte, offenbarte, welchen Schlaf der heroische Commandant schlief.
„Die Elenden, sie haben ihn ermordet!" rief Catherine, indem sie aus dem Zimmer stürzte. Sie stieß einen verzweifelten Ruf aus, den in der allgemeinen Verwirrung Niemand hörte und der sich in dem Schrecken der Feuersbrunst verlor.
Während sie sich auf der Treppe zu orientiren suchte, auf die Schutt, Stücke von Gebälk, Mörtel, halbverbrannte Schnitzereien inmitten eines Funkenregens niederpraffelten, hörte sie eine leise Stimme, die eine klagende Melodie sang. Ueberrascht suchte Catherine zu entdecken, woher dieser unerwartete Gesang kam. Was für eine blinde und taube Amme wiegte ihr Kind mit diesem friedlichen Liede inmitten dieser schrecklichen Nacht?


