374
Ich sühlte mich tief unglücklich. Ich klagte mich an, mehr Interesse, als diese» kleine Erlebniß verdiente, dafür zu empfinden. Die blauen Augen de» fremden Predigers verfolgten mich, ste bannten meine Vorstellungen, daß fie nichts andere» sahen, als immer nur sie, im Wachen wie im Träumen. Erschreckt fuhr ich empor, als sich feste Schritte auf dem Kies vor unferm Hause vernehmen ließen. An dem von einer niederen Hecke begrenzten Eisengitter stand die hohe Gestalt de» Fremden, der bisher meine Phantasie beschäftigt hätte. In peinlichster Verwirrung ging ich ihm einige Schritte entgegen. Er begrüßte mich ehrerbietig und nahm mir gegenüber auf einem niedrigen Gartenstuhl Platz. Mechanisch und zerstreut antwortete ich ihm auf seine Fragen und vermied es, den blauen Augen zu begegnen. Mit Angst erwartete ich die Rückkehr meines Bruders.
Da tönte schon die helle Stimme Doras vom Haufe her : „Mutter, Mütterchen, wo bist Du?" Gleich darauf flog ste zu mir und reichte mir einen Strauß Heckenrosen.
Eine tiefe Gluth bedeckte ihr Antlitz, und ihre Arme sanken schlaff herab, al» sie den Besuch wahrnahm.
„Wie lieb von Ihnen, daß Sie uns besuchen, Herr Prediger!" sagte sie, ihm treuherzig die Hand schüttelnd.
In demselben Augenblick betrat mein Bruder den Garten. Ich stellte die Herren einander vor. Sie wechselten einige höfliche Worte, wobei mein Bruder eine feindselige Zurück-. Haltung zur Schau trug. Sehr froh war ich, als sich der Prediger bald verabschiedete. Ich hatte nicht den Muth, ihn zur Wiederholung seines Besuches aufzufordern.
Mein Bruder stand an den Stamm einer Weide gelehnt und beobachtete Dora, die an das Gitter getreten war.
Jetzt hob fie den Strauß grüßend empor. Wahrscheinlich hatte der Prediger bei der Biegung des Weges noch einmal zurückgefchaut-
Mein Bruder machte eine heftige Bewegung, als wolle er dem Kinde den Strauß entreißen.
Mein Blick hielt ihn davon zurück. Ich schickte Dora dann ins Haus, damit sie sich das Haar ordnen lasse.
„Du bist ein Thor," sagte ich, als sie sich entfernt hatte, „Doras Herz ist das eine« Kindes und hat noch keinen Raum für ein anderes Gefühl, als kindliche Liebe. Gott weiß es, wie sehr ich es ersehne, daß sich ihr Herz dereinst in einer andern Liebe Dir zuwenden möchte. Glaube aber .nicht, daß dies geschehen wird, wenn Du sie von jedem Umgang mit anderen Männern fernhältst. Gerade im Verkehr mit Anderen wird Dora am besten erkennen, ob Du ihr mehr bist, al» nur ein lieber Verwandter."
„Dieser Prediger," erwiederte er, „ist ein selten schöner Mann, und die Herzen der Mädchen in Dora» Alter sind unberechenbar. Er ist freilich wohl doppelt so alt als sie, aber da» ist kein Grund, daß er nicht seine Hand nach dieser süßen Knospe aurstrecken könnte. Ich wette zehn gegen eins, daß, wenn unsere alte Martanka anstatt Dora Dich begleitet hätte; er sich mit seinem Besuche nicht so beeilt haben würde."
Heftig gab ich zur Antwort: „Muß es denn gerade Dora sein, der sein Besuch speziell galt; bin ich denn Luft oder eine alte Matrone, daß man nicht auch mir einiges Interesse mehr schenken könnte?"
Ich erschrak über meine eigenen Worte und wollte mich schnell entfernen. Mein Bruder vertrat mir den Weg.
„Vergieb, Emm,," sagte er ernst. „Ich vergaß, daß Du auch noch jung und wohl berechtigt bist, Huldigungen beanspruchen zu können."
Er hatte mich bei diesen Worten fest umschlungen und blickte mir forschend in die Augen.
„Wie dunkel seine Augen sind!" fuhr er fort. „Solche Blicke bezaubern, Emmy, nimm Dich vor ihnen in Acht!"
Ich erschrak bis ins innerste Herz. Hatten sich nicht seine Augen verdunkelt, als Dora im Wagen mit ihm sprach? Gab es wirklich eine Liebe auf den ersten Blick?
„Du phantasirst, Willi," .sagte ich ärgerlich. „Laß mich (oi, man kann uns von der Straße aus beobachten." Ehe
er mich jedoch frei gab, küßte er mich stürmisch aus Mund und Wangen. (Fortsetzung folgt.)
Madame Sans (Sone.
Roman nach Bictorten Gardou und F. Morr««».
Deutsch von «del» Bereit.
(Fortsetzung.)
Beaurepaire hatte sie bemerkt und beglückwünscht; dann, nachdem der Feind sich zurückgezogen hatte, war Catherine in ihre Kantine zurückgekehrt, die von den Kunden bereits gestürmt wurde.
Während ste eben zwei Artilleristen Branntwein ein- schänkte, bemerkte sie in einiger Entfernung einen Civiltsten, der ihnen zusah.
„He, Freund," rief sie ihm ohne Umstände zu, „warum willst Du Dich nicht auch mit einem Tropfen Schnick begießen, wie man bei uns sagt? Du bist ein Civilist, aber das thut nichts, morgen wirst Du wie die Andern unter Waffen stehen. Komm' her, Du kannst mit den Vertheidigern Deiner Stadt anstoßen."
Da der Mann auf diese Einladung nicht antwortete und Miene machte, sich zu entfernen, rief sie ihn zurück.
„He, Freund! So geht man nicht davon. Komm' nur her! Hast Du vielleicht kein Geld? Das thut nichts. Ich ; regalirs Dich heute und morgen zahlst Du. Was soll ich Dir geben, Bürger?"
„Danke, ich trinke nicht," antwortete der Mann trocken.
„Du hast keinen Durst und Du kämpfst nicht mit, was willst DU also hier?"
Der Mann zögerte und sagte dann mit dumpfer Stimme: „Ich möchte mit dem Commandanten Beaurepaire sprechen." Catherine sah ihn überrascht an.
„Du mit dem Commandanten sprechen? Was willst Du von ihm?"
»Ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen."
Catherine zuckte die Achseln.
„Du wählst die Zeit nicht gut, mein Freund."
„Man thut, was man kann."
„Möglich, aber im Augenblick ist der Commandant nicht zu haben."
Der Mann kraute sich den Kopf und murmelte: „A muß ihn trotzdem unbedingt finden."
Catherine betrachtete den Fremden mißtrauisch. Sein Drängen erregte ihren Verdacht und sie beschloß, ihren Mann zu benachrichtigen. Schon wollte sie einen Soldaten bitten, Lefebvre sofort aufzusuchen, als die Ordonnanz Beaurepairer herbeikam.
Von dem Lärm des Kampfes erregt und die Zunge gelöst durch die reichlichen Libationen, die ein Mitglied der Munizipalität ihm angeboten, nachdem er ihn lange über seinen Ches ausgefragt hatte, begann die Ordonnanz zu schwatzen und erzählte trotz der bedeutsamen Blicke Catherinen», daß Beaurepaire bei einer Verwandten in einem Schlosse der Oberstadt ein wenig der Ruhe pflegte und daß die Ordonnanz den Befehl habe, ihn um vier Uhr Morgens zu wecken und ihm sei» Pferd dahin zu bringen.
Catherine verlor die Geduld und schrie die Ordonnanz an: „Du schwätzest wie eine Elster. Geh' gleich schlafen, bei wird Dir gut thun, sonst wirst Du nie im Stande sein, de« Commandanten um vier Uhr zu wecken. Vorwärts! Kehlt gemacht oder ich lasse den Lieutenant Lefebvre kommen und der kennt keinen Spaß mit Schwätzern und Betrunkenen." -
„Schön, ich schweige schon, ich gehe schon," brummte die Ordonnanz und entfernte sich taumelnd.
Catherine machte sich wieder daran, ihre Soldaten zu bedienen, aber mechanisch warf sie einen Blick nach dem Manne, der mit Beaurepaire sprechen wollte.
Er war verschwunden.
Catherine glaubte zu sehen, wie er sich in Gesellschaft der Ordonnanz zu einer Schänke begab und blitzschnell dE


