lächelte Gras Wildenstein matt, sein brechender Blick umsaßte beide Kinder, ihre Namen war der letzte Hauch seiner Lippen, dann ging er hinüber, still und friedlich.
Betend knieten die Geschwister nebeneinander, endlich erhob sich Rudolf und drückte dem Verklärten sanft die Augen zu, sein Arm streifte das Gewand Theresens, er athmete schwerer, aber dennoch that er nicht, als bemerkte er sie.
Sie sah es wohl, sie kannte ihn zu genau, um eine weichere Regung zu erwarten und dennoch ließ es sie nicht ruhen, noch einen letzten Versöhnungsversuch zu machen.
„Rudolf," bat sie in bebenden Tönen, die gefalteten Hände ihm entgegenstreckend, „habe Erbarmen, sage, daß Du mir vergibst — hier am Todtenbette unseres geliebten Vaters I Hast Du mich denn wirklich aus Deinem Herzen gestrichen?"
Ein dumpfes Stöhnen rang sich aus seiner Brust, dann murmelte er zornig vor sich hin: „Ich wollte, daß ich es könntet"
„Bruder," schrie die junge Frau herzzerreißend und stürzte vor ihm hin, „so liebst Du mich doch noch l Rein, nein, Du hast Deine Schwester nicht verstoßen."
Aber die bösen Mächte in seiner Seele siegten von neuem; kalt und feindselig trat er zurück, ein unnahbarer Ausdruck prägte sich in den bleichen Zügen aus und er sagte kurz: „Doch, ich that's! Ich — habe keine Schwester mehr — sondern nur ein fleckenloses Wappenschild!"
„Rudolf," erwiderte Therese, schwer aufseufzend, „Du hast es gewollt, wir gehen in dieser Stunde auf ewig von einander, und nimmer wird mein Weg den Deinen kreuzen, selbst wenn ich — sterbe, kann ich nicht mehr nach Dem rufen, der mir einst theuer war, denn mein Bruder hat — keine Schwester mehr! .Ob Dein reines Wappenschild im Stande sein wird, einst die Sehnsucht nach Der zu stillen, die Dich auch in dieser schweren Stunde liebt und segnet, mußt Du erst versuchen. Lebe wohl, Rudolf!"
„Lebe wohl," klang's zurück und die junge Frau schritt hinaus, aber als sich die Thür hinter ihr geschloffen, vernahm sie drinnen einen dumpfen Fall; Graf Rudolf war an der Leiche seines Vaters besinnungslos zusammengebrochen.
Voll stiller Verzweiflung suchte Frau zur Stetten den Baron und ihr Kind auf, kaum vermochte sie die Worte hervorzustoßen: „Lassen Sie uns fortfahren, Eduard, mein Vater — ist hinübergeschlummert."
„Arme Therese," sprach Hohenthal feierlich, „Sie thun mir unsäglich leid; Sie haben recht, wir wollen sogleich fortfahren."
„Aber Hohenthal, ehe man Papa beisetzt, muß ich ihm noch einen Kranz bringen; nur — Rudolf kann ich nicht mehr sehen."
„Ich will Ihnen helfen, gnädige Frau; daß er noch derselbe geblieben ist, wußte ich genau, aber Geduld! Gott wird auch ihn einst ändern."
Der Wagen fuhr vor, doch im selben Moment stürzten auch die Dienstboten heran, um „das Comteßcheu" zu begrüßen; jedes drängte herbei, die Hand zu küssen, welche so gütig stets gewesen, und ein freundliches Wort zu vernehmen, wie früher so oft. Bitterlich weinend drängte Nora an die bleiche Mutter, welche wortlos, tieferregt die Hände der Leute schüttelte und ihnen zunickte.
„Soeben ist Graf von Wildenstein verschieden," sagte Hohenthal, feierlich das Haupt entblößend, „geht hinein und versprecht Eurem neuen Herrn dieselbe Treue, die Ihr dem Tobten erwiesen."
Als Therese im Wagen saß, Nora neben sich, Hohenthal gegenüber, da löste sich der starre, heiße Schmerz ihrer Seele in einem Strom von Thränen.
Weinend lehnte sie in den violetten Seidenpolstern; der schwere Verlust, den sie erlitten, die herbe Zurückweisung des Bruders und das letzte Fortgehen aus dem Elternhaus erregten sie tief und abweisend erhob sie die Hand, als der Baron sie herzlich zu trösten begann.
War konnte man ihr auch sagen? Sie mußte den bitteren Kelch bi« zur Hefe leeren, mußte allein mit sich ringen nach
Faffung und nur der Allmächtige dreben konnte ihr Weh mit seinem Tröste lindern.
Die kleine Nora saß ganz verschüchtert neben der Mama, nur von Zeit zu Zeit blickte sie den gütigen Onkel wie hilfeflehend an und er nickte ihr liebevoll zu; bas süße, blonde Geschöpfchen hatte sich ihm tief in’« Herr genistet und der Gedanke, es wieder von sich lassen zu müssen, erschien ihm sehr-schwer.
„Großpapa ist tobt?" flüsterte dar Kind fragend. „Er sagte ja, er wolle schlafen. Ach, der arme, süße Großpapa sah so traurig aus, ganz so wie Mama — wenn ich nicht brav war."
„Nora," rief jetzt die weinende Frau und öffnete sehnsüchtig der Kleinen beide Arme, welche sich auch sogleich zärtlich hineinschmiegte, „komm' her, sag' mir, daß Du mich lieb haben willst und — immer bei mir bleibst."
„Ja, wenn der Papa hier wäre," flüsterte dar kleine Mädchen, „dann wäre es so schön hier. Aber, nicht wahr, wir reisen zu ihm? '
„Ja, o gewiß! Er wird uns vermissen und hier — haben wir Niemand, der uns lieb hat."
„Niemand, Therese ?" klang es schmerzlich von Hohenthal« Lippen und er streckte ihr voll warmer Herzlichkeit die Hand entgegen.
„Vergeben Sie mir, Hohenthal," entgegnete sie, dankbar seine Hand drückend, „ja, Sie sind mein vielgeliebter Freund, ohne den ich oftmals im Dunkeln getappt hätte. Gott lohne es Ihnen für und für. Nicht wahr, Sie werden auch meins Nora gleich lieb behalten?"
„Ja, das werde und will ich," sagte der Baron, sich über die schmale Hand neigend, um sie zu küssen. „Gott verhüte, daß es dazu komme, aber wenn Ihr Kind einmal allein int Leben stehen sollte, dann mag es sich daran erinnern, daß Schloß Hohenthal ihm eine zweite Heimath und ich sein väterlicher Freund und Beschützer sein will."
„Ich wußte es, Eduard, und diese Worte sind für mich ein Lichtblick, ein Trost an diesem schweren Tage! Zu vergelten vermag ich Ihre Liebe nicht, nur beten will und werde ich, daß es Gott der Allmächtige selber thun möge." —
Im Ahnensaal des Wildensteins unter Palmen und Lorbeerbäumen hatte man den Grafen aufgebahrt; die schwere, goldbefranzte und mit dem schimmernden Grafenwappen gestickte Sammtdecke, welche schon seit Jahrhunderten zu dem Zwecke gedient, lag zu Füßen des Sarges, ringsum flammten auf hohen Silberkandelabern dicke Wachslichts und verbreiteten ein gespenstisches Dämmerlicht in dem weiten Raum, dessen hohe Fenster schwarz verhüllt waren, um das Helle Tageslicht nicht hineinzulassen.
Das welke, magere Todtenantlitz sah friedlich aus, als fei das jahrelange Leid und Weh nun hinweggewischt mit mildversöhnender Hand. Die gesammten Dorfbewohner, die Nachbarn und Alle, die irgend ein Interesse an dem Wildenstein hatten, kamen herbei, den stillen Tobten zu sehen, der im Leben so oft gütig und theilnehmend mit ihnen gesprochen, denn so streng der Graf auf die Reinheit seines uralten Namens und Wappenschildes hielt, er kannte auch genau die wahre Bedeutung des noblesse oblige und war feinen Untergebenen stets ein gütiger, gerechter Herr gewesen.
Die Todesanzeigen waren umhergesandt auf starkem, schwarzgerändertem Papier; unter der kurz gehaltenen Todesanzeige aber stand nur ein einziger Name: Gras Rudolf von und zum Wilden stein als Sohn.
Tiefbewegt schloß Hohenthal das Couvert in seinen Schreibtisch, damit Therese es nicht sehen möge; sie wollte so gern noch bleiben, bis der geliebte Vater beigesetzt worden, um von seinem Sarge noch Abschied nehmen zu können und Eduard pflichtete ihr bei, er sand den Wunsch sehr natürlich.
So stand, als die Glocken läuteten und vom Schloß- thurme die Posaunen erschallten, im Park, ganz verborgen und einsam, eine schlanke Frau in tiefen Trauergewändern, um von Weitem den ernsten Zug zu sehen: Therese zur 5 Stetten. Auf ihre dringenden Bitten war Hohenthal nicht


