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„Sie soll Dir etwas vorfingen, Papa; komm', Nora, sing» einmal Dein Mailiedchen."
Nora nickte, faltete die runden Kinderhändchen und begann mit Hellem Sümmchen das bekannte Kinderlieb:
„Komm', lieber Mai, und mache
Die Bäume wieder grün, Und lah uns an dem Bache Die Veilchen wieder blüh'n."
Es war eine unendlich rührende Scene und kein Auge der drei lauschenden Personen blieb trocken, denn Hohenthal war gleichfalls auf die Schwelle getreten. Sein ernst beroun# bernder Blick ruhte auf der mädchenhaften Gestalt der Geliebten, die so stolz zu ihrem Lieblinge hinschaute.
Wie war doch Alle» so anders geworden, wie gut führte Gott es hinaus I Als Nora geendet, nahm Therese sie in die Arme, küßte sie und flüsterte ihr zu: „Nun geh' mit Onkel Eduard in den Garten; der liebe Großpapa muß ruhen."
„Ja," tuschelte die Kleine, „aber bitte, ich will ihm erst die Hand küssen, weißt Du, als wenn ich dem Papa gute Nacht sagte."
Und sie schlich auf den Zehen zu dem Sterbenden, unter dessen geschlossenen Augenlidern Thräne um Thräne hervorquoll, preßte die frischen Lippen auf seine welke Hand und raunte ihm zärtlich zu: „Gute Nacht, Du lieber Großpapa! Schlafe schön und träume von mir I Ich komme dann wieder zu Dir."
Als der Baron mit der Kleinen hinausgegangen war, blieb es still in dem Gemache, Vater und Tochter fühlten, wie ihre Herzen einander näher kamen durch dies kleine, unschuldige Geschöpfchen, aber keines wagte zuerst zu sprechen.
Endlich seufzte der Sterbende tief auf.
„Therese, Gott segne Dich für Deine Kindesliebe! Du hast mir vergeben, daß ich Dich verstieß, um — um jenes Mannes willen?"
„Ich habe Dir nichts zu vergeben, mein armer, theurer Vater, sondern Du mir, denn ich handelte gegen Deinen Willen. Aber siehst Du, Papa, ich empfand tief drinnen im Herzen, daß es der einzige Weg zum Glücks war, der sich mir glänzend aufthat- Hohenthal schätzte und achtete ich hoch, aber zu lieben vermochte ich ihn nicht, wie das Weib eben lieben muß und soll
„Ja," nickte der Sterbende schmerzlich, „es steht schon in der Bibel, daß das Weib um des Geliebten willen Bater und Mutter verlassen soll. — Ach, Therese, unsere Handlungsweise konnte nicht anders sein, aber was Deine Mutter und ich dabei gelitten, ist namenlos; unsere Herzen brachen fast, als drunten der Wagen fortrollte, der Hohenthal und Dich ausgenommen."
„Der treue, herrliche Eduard," rief die junge Frau voll dankbarer Rührung, „er hat mir stets von Euch berichtet mit der liebevollsten Genauigkeit und ohne ihn wäre ich eine Zeit lang völlig verlassen gewesen!"
„Mein armes Kind! Es mußte sein um unsere» alten Geschlechter willen! Aber nun — laß un» Abschied nehmen — für ewig! Der Tod naht, die Freude hat meine letzten Kräfte aufgezehrt!"
„Wo ist — Rudolf?" Eine tiefe Angst zitterte durch Theresen» Stimme, über der Grafen St rn glitt ein Schatten.
„Er ist ein Wildenstein, Kind, — und hat einstmals eine Schwester verloren."
Die arme Frau zuckte erbleichend zusammen, aber sie schwieg, sie kämpfte das schwere Weh erst hinunter, ehe sie antwortete: „Ich verstehe, Papa, Rudolf will mich nicht sehen! Es thut weh — aber ich zürne ihm nicht, denn im Herzen ist er mir doch gut. Gott segne ihn!"
Und dann nahmen sie ernsten, tiefbewegten Abschied von einander; Therese kniete am Bette der Vaters, dessen Hand sie innig in den ihren hielt. Die warme, hell« Matensonne schien zwischen den grünen Vorhängen hinein wie ein Gruß von oben und das brechende Auge des alten Mannes richtete sich auf die goldenen Strahlen, welche er nun zum letzten Male sah.
„Lebe wohl," hauchte er, „für immer. — Ich gehe — hinüber in — dis ewige Heimath. — Herr Gott, vergib — mir meine — Sünden!"
Währenddem war Baron Hohenthal mit der kleinen, fröhlich plaudernden Nora hinüber geschritten nach dem anderen Flügel, um durch die Veranda in den Garten zu gelangen. Doch die Thür war verschlossen, sie mußten wieder zurück und al» sie im Wohnzimmer des alten Grafen standen, trat ihnen unvermuthet Rudolf entgegen.
Sein Antlitz war bleich, finster, ein feindseliger Blick sprühte auf das blonde Kind, welches so unbefangen neben Hohenthal einhertrippelte, und schon wollte er fich abwenden, als letzterer ihn mahnend anrief: „Rudolf, bleibe hier! Mein kleines Pathchen, Nora, will Dich begrüßen."
„Bist Du auch ein neuer Onkel?" fragte dis Kleine zutraulich und blickte den fremden, düstern Mann unerschrocken an; „ich habe vorhin erst einen Großpapa bekommen, der ist aber sehr krank und liegt im Bett. Wie heißt Du denn, Onkel? Soll ich Dir eine Hand geben?"
Voll naiver Kindlichkeit lief sie zu dem Grafen hin und reichte ihm das rosige Händchen, doch dieser schien es nicht zu bemerken, die Adern an den Schläfen schwollen unheimlich an.
„Ich bin Dein Onkel nicht," stieß er rauh hervor. — „Eduard, nimm das Kind fort, ich — kann es nicht sehen."
Nora blickte mit großen Augen den „neuen Onkel" an; war sie denn unartig gewesen, daß er ihr nicht die Hand gab, sie smußte es noch einmal versuchen! Und wiederum streckte sie ihm vertrauensvoll die kleinen Hände hin und sagte, etwas schüchterner und befangener als vorhin: „Warum bist Du mir böse, lieber Onkel? Soll ich nicht Deine Hand bekommen?"
Tief drinnen in seiner Seele erwachte ein weicheres, milderes Empfinden, aber der alte Groll, das tiefeingewurzelte Standesvorurtheil bäumte sich hoch auf und ohne sich zu besinnen, stieß er die kleine Hand von sich.
„Fort mit dem Kinde! Es gehört nicht auf denWtlden- stein, nicht zu un», und ich mag es nicht sehen."
Das süße Gesichtchen ward dunkelroth vor Zorn, aber dennoch weinte Nora nicht; ihr Auge blitzte, sie stampfte mit dem Füßchen und rief mit Hellem Sümmchen lief gekränkt: „Du willst mir die Hand nicht geben! O, dann werde ich'» der Mama sagen, das ist sehr unartig von Dir, denn ich war ganz artig, das kann der liebe, gute Onkel hier sagen. Der ist immer lieb zu mir und hat mir auch ein Bonbon geschenkt, aber zu Dir komme ich nie mehr!"
„Rudolf," mahnte Hohenthal ergriffen, „willst Du Deinen Haß und Groll selbst an diesem Kinde auslassen, welches doch unschuldig ist? Sieh' in dessen blaue Augen und Gott lenke Dein Herz."
„Ich kenne es nicht," beharrte der Graf finster, „nimm es fort — ich kann diese Stimme nicht hören."
„Wir werden gleich wieder fortfahren," nickte Hohenthal bekümmert, „ich will nur noch ein wenig mit Nora in den Garten gehen, bis ihre Mutter herauskommt."
Als Beider Schritte verhallt waren, griff Rudolf an die wild pochenden Schläfen und stöhnte qualvoll: „O, Allmächtiger, es ist furchtbar schwer, fest zu bleiben, aber ich kann nicht anders — und ich würde ebenso wieder handeln, wenn es sein müßte. Ich habe meine Schwester für immer verloren —" Da brach er plötzlich ab und lauschte, eine Stimme rief seinen Namen, angstvoll, dringend und immer von neuem: „Rudolf, Rudolf!" Nur Eine konnte so rufen: Therese. Aber er ahnte auch, weshalb und stürzte hinaus aus dem Zimmer, den Gang hinab, nach dem Schlafgemach des Vaters.
Auf der Schwelle desselben stand eine schwarze Frauengestalt.
„Er stirbt, Rudolf, komm' zu ihm!" klang es ihm tonlos entgegen; der eine ernste Augenblick riß alle Schranken nieder, welche Menschenkurzstchtigkeit errichtet.
„Vater, o mein theurer Vater, fall ich Dich verlieren! stöhnte der unglückliche Sohn und sank zu Boden neben dem Sterbelager, an da» soeben der Tod heranschwebte. — "a


