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Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Unebenbürtig.
R»M«N von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
Eine Stunde später raffelte der Hohenthal'sche Wagen über die Schloßrampe de» Wildenstein». Der Baron sprang heraus und half einer tief verschleierten Dame, sowie einem Kinde heraus.
Der Diener, welcher ihnen die Thür öffnete, blieb wie angewurzelt stehen und starrte beinah faffungslos auf die schlanke Frauengestalt. Da trat sie plötzlich zu ihm, bot ihm die kleine Hand und sagte wehmüthig: „Sie erkennen mich doch wieder, Ranke, nach vier langen Jahren! Wie freue ich mich, den Wildenstein und seine Bewohner wiederzusehen!"
„Lomteß Therese?" rief der Mann jubelnd und doch auch erschüttert, „nun ist Alles gut, da Sie wiederkommen; wir meinten Alle, Comteß seien gestorben!"
„Da« bin ich im gewissen Sinne auch," gab sie weh« müthig zurück, „ich führe — einen anderen Namen und komme nur, meinen sterbenden Vater da» letzte Mal zu sehen."
Da» gab einen Aufruhr unter den Leuten, al» e» wie ein Lauffeuer bekannt wurde, Comteßchen sei gekommen; sie hatten sie Alle beinah vergöttert und der Sch nerz war ein großer gewesen, al» man geglaubt, sie sei gestorben. Freilich, gefragt hatte Niemand die Herrschaft, aber diese nannte nie mehr den Namen der Tochter und Schwester, und Therese war und blieb verschollen.
Und nun kniete sie endlich am Bette de» sterbenden Vater», preßte schluchzend ihre Lippen auf seine welke Hand und flüsterte ihm tausend Liebesnamen zu; jeder Groll war ausgelöscht und die Herzen strömten all' die Liebe und Zärtlichkeit aus, die feit Jahren zurückgedrängt worden.
„Du kommst noch zurecht, mein Kind, um mir die Augen zuzudrücken," stammelte der Sterbende mit herzzerreißendem Lächeln; „mir geht's besser wie der armen Mama, die gestorben ist, ohne Dich noch einmal zu sehen!"
„Vater, lieber theurer Vater," schluchzte die junge Frau, „wie danke ich Gott für diese Stunde! Sie löscht alr die »infamen, trüben Jahre der Verbannung au»."
„Bist Duden» nicht glücklich, Therese?" fragte der Graf mißtrauisch und die Stirnader schien zu schwellen- „Deine Worte deuten es an."
„O doch, Papa, sehr glücklich! Friedrich liebt mich ebenso innig, wie ich ihn, und wenn ich von trüben Jahren sprach, so meinte ich darunter nur die Entfernung von Euch und dem Wildenstein."
„Sprich nicht von — jenem Manne," entgegnete der Vater finster, „ich kann nicht von ihm höre«, aber Dein Kind, — wo ist Dein Töchterchen?"
Therese flog in'» Nebenzimmer, wo Nora fich mit Onkel Hohenthal sehr lebhaft unterhielt.
„Ich bringe Ihnen das Kind sogleich zurück, Eduard," bat sie hastig, „Papa will e» nur sehen. Komm', Nora, zum kranken Großpapa."
Da» blonde kleine Mädchen trippelte an der Hand der Mutter in'» Krankenzimmer, scheu und angstvoll, denn es kannte ja den Großvater noch nicht und bangte fich so vor ihm.
Tiefgerührt blickte der Sterbende in dies süße Kinder- geficht, welches ihn au» blauen Augen angstvoll anstarrte, mühsam streckie er die Hand au« und sagte halblaut: „Komm' her, mein Kind, wie heißest Du?"
„Nora," entgegnete die Kleine lächelnd, „aber die Mama nennt mich auch Mäuschen und Schäfchen."
„Weißt Du — wer ich bin?"
„O ja," sagte sie mit glänzenden Augen, „der Großpapa, den ich sehr lieb haben soll. Ich habe den Bildern von Dir und Großmama jeden Abend ein Küßchen geben müffen."
„Kleiner Engel!" murmelte der Graf, deffen Augen feucht wurden.
„Ja und ich muß nun auch zum lieben Gott beten, daß Du wieder gesund wirst," plauderte das Blondköpfchen, welches auf einmal alle Schüchternheit vergaß, „die Mama faltet mir die Hände und hilft mir, wenn ich das Gebet nicht ganz auswendig weiß, denn, siehst Du, es ist sehr lang- Ich muß auch beten, daß der liebe Papa gesund bleibt —"
„Sprich nicht so viel, Nara," unterbrach die junge Frau die Kleine, „der Großpapa wird sonst müde davon."
„Nein, nein," lächelte dieser gerührt, „laß sie nur plaudern, Therese."


