Ohne Schwierigkeiten ließ ihn der Postenführer durch dar Ausfallsthor, indem er ihm Glück wünschte.
Der Baron erreichte bald einen kleinen Wald, dessen mageres Gehölz er durchschritt, und begab sich direkt zu einem Feuer, das in einiger Entfernung in der Ebene brannte — wahrscheinlich ein Bivouac von Vorposten.
Ein „Qui vive?“ in französischer Sprache bewog ihn, stehen zu bleiben.
„Ich habe mich nicht geirrt," murmelte er, „das sind Franzosen."
Er blieb unbeweglich stehen, nachdem er geantwortet hatte: „Ein Freund, Abgesandter der Municipalität von Verdun!"
Eine Stille folgte, dann sah er eine dunkle Masse sich loslösen, begleitet von einem Geklirre von Eisen. Ein Licht schwankte und bewegte sich auf ihn zu.
Vier Männer mit einem Fackelträger kamen ihm entgegen. Nachdem er das Ersuchen gestellt hatte, zum General en Chef geführt zu werden, wurde der Baron sehr höflich gebeten, am Bivouac Platz zu nehmen, bis man ihn in's Hauptquartier führen könnte. Er nahm dies gern an, denn die Nacht war frisch, er setzte sich neben den königlichen Freiwilligen vor die brennenden Scheite nieder. Seine Ankunft hatte das Lager in Aufruhr gebracht, und viele Schlafende waren erwacht, um herbeizueilen und von dem Ankömmling zu erfahren, was in Verdun vorging.
Dieses Lager der Emigranten war sehr seltsam und bunt. Die Armee Condes bestand aus Freiwilligen, die aus allen Theilen Frankreichs, besonders dem Westen, herbeigeeilt waren, um gegen die Armee des Landes zu kämpfen, die weiße Fahne zu vertheidigen, den König wieder einzusetzen und die Revolution niederzuschlagen.
Viele dieser Freiwilligen waren etwas gezwungen gekommen: die einen angetrieben von ihren Familien, angeeifert durch das Beispiel, nicht im Stande, auf ihren zerstörten Besitzungen zu bleiben, andere durch Fanatismus, viele jedoch in der Hoffnung, im Triumphe und mit Beute nach Frankreich zurückzukehren und so fünfundzwanzig Jahre vorher die berühmte Milliarde der Emigranten zu escomp- Heren.
Diese Armee von Rebellen und Verräthern theilte sich nach Provinzen, die Edelleute behielten ihre Privilegien und ihren Hochmuth bei, sie mischten sich nicht mit den Bürgerlichen. So hatte die Bretagne sieben Compagnien Adeliger beigestellt und eine achte wurde den aus dem dritten Stande hervorgegangenen Vertheidigern reservirt. Die Tracht betonte diesen Unterschied der Kasten noch mehr; die Bürgerlichen trugen eine eisengraue Uniform, die Adeligen das blaue Gewand des Königs mit Aufschlägen. So bemühten sich die in derselben Sache versammelten und sich denselben Gefahren aussetzenden Insurgenten, unter ihren Anhängern die Hierarchie und socialen Kategorien aufrecht zu erhalten, welche bereits nur der Vergangenheit angehörten. Die Bürgerlichen mit ihren eisengrauen Casaques besaßen trotzdem mehr Selbstverleugnung und wahre Hingebung als die Adeligen, indem sie für die Vertheidigung von Privilegien kämpften, auf welche sie gar kein Recht besaßen.
Einige Deserteure, die die Uniformen der Corps beibe- hielten, und Marineoffiziere in sehr großer Anzahl bildeten das einzige wirklich militärische Element der Emigranten.
Das Marinecorps, tapfer, aber abergläubisch und dem Königthum sehr ergeben, relrutirte sich hauptsächlich au« den Familien der bretonischen Küste, die alle der Revolution feindlich gesinnt waren. Die Desertion dieser Offiziere schwächte für lange hinaus die französische Seemacht und sicherte trotz des Muthes der Matrosen den Engländern den Sieg über die französische Flotte und bewahrte ihnen die Herrschaft zu Wasser. Man hat diesem Verrath der Offiziere der königlichen Flotte nicht genug Rechnung getragen, als man bte strengen Maßregeln, dis die Convention im Westen traf, auszählte. "
5)er heroische Widerstand der fanatisirten Chouans war
für das Vaterland weniger verhängnißvoll, als die Flucht dieser erfahrenen Offiziere, der Gefährten La Perouses und d'Estaings, dieser glorreichen Gegner der Engländer während des amerikanischen Krieges, welche ihre Schiffe verließen, um sich in lächerlicher Weise hinter einem preußischen General zu tummeln und stch von den Nationalgarden schlagen zu lassen
Die königlichen Freiwilligen waren schlecht equipirt, schlecht bewaffnet und in jeder Hinsicht schlecht verproviantirt. Ihre Gewehre, deutsche Erzeugnisse, waren sehr schwer, und viele Edelleute hatten nur ihre Jagdgewehre.
Baron Lowendaal hörte mit feinem spöttischen Lächeln die Confidenzen, Prahlereien und Anklagen der Freiwilligen an. Da er von Paris kam, bestürmte man ihn mit Fragen über den Zustand der Hauptstadt und um günstige Prophezeiungen über die triurnphirende Rückkehr des Königs.
Der Baron antwortete ausweichend, während er fortwährend aus dem Augenwinkel über die rothen Flammen des Bivouacfeuers hinweg einen dunklen Punkt über den Wällen von Verdun, in der Richtung des Thores St. Victor, betrachtete. Er schien von einem Augenblick zum andern ein Signal zu erwarten, das nicht erfolgte.
Jeden Augenblick zog er die Uhr hervor, fah sie an und beobachtete ängstlich, auf den Wortschwall der Edelleute nur zum Schein hinhörend, den noch dunklen Himmel über der Stadt.
„Was macht denn dieser Leonard?" murmelte er. „Sollte er mich verrathen haben, oder hat ihn der Muth im letzten Moment verlassen? O, ich werde mich schrecklich rächen; wenn er mich getäuscht hat, schicke ich ihn auf die Galeere."
Endlich meldete man ihm, daß der General Clerfayt ihn erwarte und sofort in feinem Zelte empfangen werde.
Der Baron erhob stch und folgte der Ordonnanz, die ihn führen sollte, nicht ohne zum letzten Mal einen unruhigen Blick auf die Häuser von Verdun zu werfen, die in der höher gelegenen Stadt über die Wälle emporragten.
Im Zelte des Generals en chef fand der Baron den Adjutanten vor, der im Stadthaufe erschienen war. Er schnitt eine Grimasse, indem et trotzdem höflich den Grafen von Neipperg begrüßte.
Dieser erwiderte kalt feinen Gruß.
Die Unterredung war kurz. Der österreichische General erkundigte stch über die Dispositionen der Stadt Verdun, und da der Baron ihm versicherte, daß sie ausgezeichnete und einer Uebergabe günstig seien, antwortete der General mit einer stummen Geste, indem er den Vorhang seines Zeltes aufhob, wie um die brennenden Granaten über den Wällen zu zeigen.
Der Blick des Barons folgte mechanisch der Geste des Generals. So sehr er stch auch zu beherrschen vermochte, konnte er einen raschen Ausruf des Triumphes und der Erleichterung nicht unterdrücken.
Er hatte soeben im nördlichen Theile der Stadt eine brennende Röthe bemerkt. Flammen und Rauch zeigten sich in jenem Theile von Verdun, der bisher von dem Feuer der Belagerer verschont gewesen zu sein schien.
„Was haben Sie?" fragte der General, erstaunt übet die außerordentliche Bewegung, welche der Gesandte der Munizipalität zeigte.
„Nichts, Herr General, nichts, nur die Müdigkeit, die Unruhe — auch die Freude, zu wissen, daß die Schrecken einer Belagerung dieser schönen Stadt erspart werden," sagte er, indem er sich bemühte, ruhig zu erscheinen-
„Sie glauben also, daß die Stadt die Thore morgen öffnen wird?" fragte Clerfayt.
„Exzellenz, ich bin davon überzeugt. Ein mir ergebener Mann wird noch heute früh die unterzeichnete Capitulation bringen."
„Warum haben Sie sie nicht selbst gebracht? Warum ist mein Adjutant, der Graf Neipperg, zurückgesandt worden,


