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NntrrhaUungsblatl Ml Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Dora.

Novelle von Marie Treuter.

Es war an einem trüben Novemberabende. Wir saßen im Wohnzimmer bei einander, mein Vater, meine Erzieherin und ich.

Tiefe Stille herrschte in dem großen Gemach. Mein Vater arbeitete an einem wissenschaftlichen Werke, meine Er» zieherin strickte, und ich, die ich nach einer erst kürzlich über« standenen Krankheit noch schwach war, lag etwas abseits von der Lampe auf einer Chaiselongue und langweilte mich. Lange hatte ich auf den Sturm gehorcht, der um unser ein­sames Haus fegte, an den Läden rüttelte und mit der ver­rosteten Wetterfahne spielte, aber länger schon langweilte ich mich.

Plötzlich unterbrach der schrille Klang unserer Hausglocke die bedrückende Stille.

»Was bedeutet der Lärm, meine Liebe?" fragte mein Vater, unwillig über die Störung die Erzieherin. Aber ehe diese antworten konnte, wurde die Thür heftig aufgerissen, und in das Zimmer trat, hochroth int Gesicht, gefolgt von der kichernden Magd, unsere alte Haushälterin, ein kleines, zappelndes Wesen vor sich haltend, welches sie vor meinen Vater auf dis Erde fetzte-

"Die Frechheit geht zu weit," pustete sie.

»Da," und sie zeigte dabei auf das kleine, zitternde Wesen,das faß mutterseelenallein auf der Schwelle, Herr Doctor, keine Menschenseele war zu sehen."

r68«. 6e^ iu weit," unterbrach mein aSöter den Redefluß der Alten.Erst vor wenig Wochen SLft gleicher S reich in der Stadt verübt worden.Toni," Ä« M sodann an die Magd,sagen Sie, Johann £ EL ? b,et SaJem bereit halten, ich will sofort aufs Amt und Anzeige erstatten."

hatte inzwischen das kleine Wesen zu mtt auf die Chaiselongue gesetzt. Es war ein herziges Geschöpften, Q^2abre' Iein unb zierlich wie eine Prinzessin, E goldigen Löckchen und großen blauen Augen. Sein An« A beschmutzt und zerrissen, zeugte aber von ehemaliger

Der Zorn unserer alten Haushälterin war längst ver­flogen.

Ach Emmychen," sagte sie mitleidig,sieh, was für blaugefrorene Bäckchen der kleine Wurm hat, ich werde ihm gleich warme Milch und Zwieback bringen- Pfui über so eine Rabenmutter," fuhr sie wieder zornig werdend fort,so einen herzigen Balg in Sturm und Wetter seinem Schicksal zu überlassen I" Damit schlorfte sie, so schnell es ihre Be­leibtheit erlaubte- hinaus.

Ich hatte die Kleine in meine Arme genommen und hüllte den zitternden Körper in mein warmes Tuch. Sie ließ, ohne einen Laut von sich zu geben, Alles mit sich ge­schehen. Erst als mein Vater das Kind von meiner Seite nehmen wollte, klagte es:Willi bei Mammi bleiben."

Mein Vater hatte sich abgewandt. Die Worte des un­schuldigen Kindes hatten eine schmerzliche Wunde in seiner Brust berührt. Er war lange her, seit der Name Mutter in unserm Hause genannt worden war. Meine Mutter war, als ich kaum das Wort Mutter lallen konnte, bei der Geburt meines Bruders Willi gestorben.

Als mein Vater sich jetzt zu mir wandte, war sein Antlitz blaß und bewegt. Er küßte mir wortlos die Thränen von den Wangen und verließ dann das Gemach.

Alle Bemühungen, welche mein Vater, vereint mit der Polizei, anstellte, um etwas über das Vorleben des Kindes in Erfahrung zu bringen, blieben erfolglos. Wir gewannen allmälig die Ueberzeugung, daß das Mädchen nicht das Kind ärmer Eltern, sondern vielmehr gestohlen war und von den Verbrechern aus Furcht vor Entdeckung ausgesetzt wurde. Hierauf paßten auch die natürlich sehr unvollkommenen Er­innerungen meines Kindes. Die Kleine nannte mich von Anfang an Mutter, sodann schien ihr die vornehme Einrichtung unseres Hause« nicht ganz fremdartig, ein Beweis, daß sie die kurze Zeit ihres bisherigen Lebens in ähnlicher Umgebung zugebracht haben mochte.

Mein Vater ließ das Kind, welches bei der Taufe den Namen:Emmy Theodora," meine eigenen Namen, erhielt, auf seinen Namen adoptiren. Sie selbst nannte sich zu An­fang Willi. Da aber Willi kein paffender Name für ein kleines Mädchen und zudem auch derjenige meines Bruders