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trat die Gebieterin, welche ec dort unter den Damen de« Lande« wohl leicht finde« würde. Aber in seinem Herzen wohnte nur ein blonder Kind, von welchem er träumte in den Stunden der Ruhr und da« ihn heimtrieb in'« deutsche Vaterland trotz de« Bannes, der auf ihm ruhte, trotz drohender Gefahr von Kerkerhaft und entehrender Strafe. Wenn diese Eine sich entschließen könnte, mit ihm zu gehen, um al« sein Weib die Verbannung mit ihm zu theilen, dann würde er keine Stunde mit der Abreise zögern."
Leonore schwieg gegen ihre Gewohnheit mäuschenstill, da der unverblümte Sinn dieser Rede sie buchstäblich verblüffte und sie ängstlich auf Elisabeths Antwort zu warten schien.
„Ich denke besser von Willibald," lautete diese merkwürdig ruhig» „oder er müßte drüben in Amerika den Begriff deutscher Frauenwürde und Sitte gänzlich verlernt haben."
„Pardon!" sagte Hamson mit unzerstörbarem Gleichmuth.
„Ich vergaß, daß ich mich in Deutschland befinde."
„Wo man nicht so ohne Weitere« mit einem Manne davonläuft, mein werther Herr!" versetzte Leonore. „Aber nun Friede, wenn ich bitten darf, wir find zur Stelle."
Sie öffnete die Gartenpforte und wollte die Klingel an der Hauöthür ziehen, als diese stch öffnete und der Professor mit Willibald Ehrhard heraustrat.
„Da find ja unsere Ausreißer," rief der alte Herr überrascht, „und da haben wir auch Fräulein Ehrhard. Run müssen Sie doch wieder mit zurück in'« Hau», Willibald I"
Willibald und Elisabeth hatten sich bereits mit einem Händedruck begrüßt und folgten dann schweigend dem Hausherrn, der sie, nachdem sie Mäntel und Hüte abgelegt, zu seiner Frau in's Wohnzimmer zurückbrachte.
Hamson und Leonore bildeten den Nachtrab.
„Fräulein, ich bitte demüthiq und wehmüthig um Verzeihung für meine unüberlegten Worte," sagte er leise.
„Meinen Sie etwa, das ginge so leicht, wie Sie Ihren nassen Mantel ablegen?" bemerkte Leonore schnippisch. — „Hilf, Thomas," setzte sie, zu dem alten Thomas gewendet, hinzu, „trage den Mantel de« Herrn in’« Waschhaus, hier wird er eine Ueberschwemmung anrichten."
Der alte Diener lächelte und trug den triefenden Mantel fort, während Hamson noch in leisem Tone eindringlich auf Leonore einredete.
„Wo bleibst Du denn, Leonore? Wo steckt Herr Hamson?" tönte plötzlich de« Professor« Stimme nach der geöffneten Thür.
„Ach, Papa, der Herr Amerikaner war buchstäblich eine Dachtraufe," rief Leonore lachend, „ich ließ seinen Mantel deshalb durch Thomas in’s Waschhaus bringen."
„So, so, dort kann er aber doch nicht trocknen, — he, Thoma», der Mantel des Herrn muß in die Küche!" rief er dem zurückkehrenden Diener zu.
„Befindet sich bereits dort, Herr Professor! — Was ich noch fragen wollte, soll ich nicht lieber die Gartenpforte abschließen?"
„Wollte ich Dir gerade sagen, Alter! Dort ist ja auch eine Klingel. Und dann die Hausthür gut verschließen!"
„Soll besorgt werden, Herr Professor 1" erwiderte Thomas, dar Hau« verlassend.
„Daß auch die Melchior just in’« Haus fallen mußte," brummte der alte Herr, dem es sehr unbehaglich zu sein schien.
„Sie hat ihn vorhin doch nicht gesehen?" fragte Leonore hastig.
„Höchstens seinen Schatten, was allerdings für sie auch schon hinreichend wäre, um weiter zu spiouiren. Wo verließ sie Euch?"
„Vor Tante Dorothea« Wohnung, sie wollte von dort nach der Apotheke."
„Das Frauenzimmer wäre, wenn es eine Ahnung davon hätte, zu Allem fähig. Das wäre ein Fressen für die gute Bernhardine. Es liegt mir wie ein Alp auf der Brust."
Thomas trat wieder ein und verschloß und verriegelte mit großer Umständlichkeit die Hausthür.
„Der Regen gießt wie mit Mulden herunter," sagte er.
„Wenn wir heute Nacht nur das Hochwasser nicht kriegen, Herr Professor!"
„Die Elbe war sehr hoch bei Dresden," bemerkte Leonore, „doch war man dort noch nicht besorgt. Haben e« ja auch erst int August gehabt."
„Das schützt doch nicht," erwiderte der Professor, „wir haben hier allerdings nichts zu fürchten, die Promenade liegt hoch und kann von der Fluth nicht erreicht werden. Aber die Vorstadt und die an der Benke gelegenen Straßen sind beim Hochwasser stets sehr schlimm' daran."
„Haben Sie hier auch eine Wasserstraße?" fragte Hamson etwa« ironisch.
„Ein ganz unbedeutendes Flüßchen, die Benke genannt, welches sein Wasser von den Gebirgsquellen erhält, auch auf Umwegen mit der Elbe durch einige Nebenflüsse Fühlung hat. Wenn diese über ihre Ufer treten und einige Wolkenbrüche im Gebirge, was durchaus nichts seltenes ist, dazu kommen, dann wird die Benke furchtbar in ihrer Zerstörungswuth. Gott möge verhüten, daß dieses Unglück im Dunkel der Nacht eintritt!"
„Herr Professor!" flüsterte Thoma», feinen Herrn bei Seite winkend, „es treiben stch draußen allerlei Kerle herum, die, wie mir fcheint, sich unser Haus aufs Korn genommen haben. Wäre es nicht besser, wenn die Gesellschaft sich nach oben begeben wollte?"
„Den Kuckuck auch, da» wäre eine schöne Bescheerung," brummte der Professor erschreckt, „hast Dich wohl getäuscht, Alter!"
„Na, ich sage nichts weiter, al» von wegen Fräulein Melchior, Herr Professor! — Dis hat Katzenaugen und einen scharfen Riecher- Ich habe eine Heidenangst vorhin, al« sie hier auf dem Flur umherschielte, ausgestanden."
„Du weißt also, wer drinnen ist?"
„Lieber Gott, wie sollt’ ich's nicht, Herr Professor! — Ich habe ihn schon als kleinen Jungen gekannt und lieb gehabt. Und die Kreuzspinne hat ihn sicherlich auch erkannt."
„Gut, wir wollen jede mögliche Vorsicht gebrauchen, Thomas! Ich danke Dir für Deine Mittheilung. Gib gut Acht aus die Thür und laß Niemand ein, bevor Du mich benachrichtigt hast. Stecke den Schlüssel in’« Schloß der kleinen Hofthür, die birect in die Stallung führt."
Er ging jetzt in’« Wohnzimmer, wohin sich Leonore bereit« mit Hamson begeben hatte und wo diese Beiden eine lustige Unterhaltung in Fluß gebracht batten, deren Kosten sie freilich fast allein tragen mußten, da Willibald, an Elisabeth« Seite sitzend, ihre Hand in der feinen haltend, leise, zärtliche Worte zu ihr sprach, denen sie mit glühenden Wangen in holoer Verwirrung lauschte.
„Entscheide Du, Theuerste, was ich thun soll!" flüsterte er. „Sofort wieder von Dir gehen oder mich dem Gerichte stellen?"
„Nein, nein, Willibald!" erwiderte sie mit zuckenden Lippen- „Du würdest die entehrende Strafe nicht überleben-"
„So muß ich gehen, ohne Hoffnung von Dir scheiden, Elisabeth?"
„Weshalb ohne Hoffnung? Menschen sind wandelbar und wenn ich dem Papa über kurz oder lang mittheile, daß ich nach Amerika gehe, dann wird er sein Töchterchen doch nicht allein reisen lassen."
Willibald zog ihre Hände an seine Lippen und hätte sie selbst am liebsten an seine Brust gepreßt, wenn nicht in diesem Augenblicke der Professor eingetreten wäre, um die Gesellschaft zu ersuchen, in ein hofwärts gelegene« Zimmer, das die Bibliothek genannt wurde, sich zu begeben.
„Weshalb, Papa," fragte Leonore erregt, „fürchtest Du Spione?"
„So etwas der Art allerdings. Fräulein Melchior ist sicher nicht vergebens hier gewesen, da ihre Neugierde erregt worden ist."
„Sie glauben, daß sie mich erkannt hat?" sagte Wlli- I bald. „Dann will ich mich sogleich entfernen, Herr Professor,


