Ausgabe 
8.1.1895
 
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Dienstag den 8. Januar

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UnterhaUungsdiatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

1805

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Sturmfluth.

Roman von Em. Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Tante Dorothea weiß es bereits, scheint aber mehr Furcht und Angst als Freude darüber zu empfinden," erwiderte Leonore,mache Dir darüber keine Illusionen, Lisbelh! Auch sie verlangt seine sofortige Abreise, will ihm aber doch erst gnädigst eine Audienz gewähren. Zum ersten Male hat Tante Dorothea mir eine große Enttäuschung bereitet," setzte sie mit gedrückter Stimme hinzu,ich habe größer von ihr gedacht."

Ja, das betrübt auch mich mehr, als ich sagen kann," sagte Elisabeth unruhig,ich werde aber doch mit ihr reden, verlaß Dich darauf, Lore- Großer Gott, welchen Begriff muß der Arme von seiner Familie mit zurücknehmen, wie arm und verlassen muß er sich jetzt erst vorkommen!"

Nun, von der alten Tante wird er diese Engherzigkeit auch sicherlich nicht vorausgesetzt haben," sprach jetzt Hamson, der bisher schweigend mit geschloffenem Schirm neben den beiden Damen dahingeschritten war.Sein Enthusiasmus für diese Verwandte grenzte nahezu an Verrücktheit; auch ich bin deshalb sehr enttäuscht worden. Arm und verlassen aber wird Willibald Ehrhard, abgesehen davon, daß er sich drüben eine neue Heimath, Ehre, Anerkennung und Freunde erworben hat, sich dennoch nicht fühlen können angesichts Ihrer Liebe, Ihrer aufrichtig empfundenen Wiedersehens-Freude, meine Damen!"

Wie gut und fließend Sie in unserer Sprache sich aus­drücken können, Herr Hamson!" rief Leonore.Und Sie sind doch gewiß Vollblut-Amerikaner?"

Nicht so ganz, mein Großvater mütterlicherseits stammte aus Deutschland und hat mir als kleinen Jungen diese Sprache beigebracht. Aber wäre es nicht gerathen, mein Fräulein," setzte er etwas zögernd hinzu,von Willibalds gefährlichem Entschlüsse jetzt zu reden und Fräulein Ehrhards eigentliche Aufgabe"

»Sie haben Recht; daß ich das Wichtigste auch vergessen konnte!" fiel Leonore hastig ein.Denke Dir nur, liebe Lis­beth, wozu mein grausamer Papa ihn getrieben hat: zu dem

I wahnsinnigen Entschluß, sich selber seinen Richtern hier zu stellen."

Wovon Sie allein ihn zurückhalten können, Fräulein Ehrhard!" schaltete Hamson ein.

Und weshalb ich Dich auch im Grunde von Tante Dorothea weggeholt habe, liebes Herz! Um ein Wieder­sehen mit Dir hat Willibald mich eigens gebeten, nun aber mußt Du auch Deinen ganzen Einfluß aufbieten und dieser wird noch bedeutend genug sein, wie, Herr Hamson?"

Viel bedeutender, als Sie es zu ahnen vermögen, mein Fräulein!"

Schön, Du mußt diesen Einfluß aufbieten, Elisabeth, um den Unglücklichen vor sich selber zu retten, ihn zur schnell­sten Abreise zu bewegen."

Elisabeth Ehrhard schwieg, nur ihr eiliges Vorwärts­streben zeugte von der inneren Aufregung und Ungeduld, die sie erfüllte.

Sie wohnen mit ihm im Hotel?" fragte sie nach einer Weile.

Ja, im Bahnhofs-Hotel, mein Freund nennt sich hier Mister Wilson. Dürfen wir auf Ihren Beistand rechnen, mein Fräulein?"

Ich kann Ihnen noch nichts versprechen," erwiderte Elisabeth zögernd,bin ich mir doch selbst nicht darüber klar, ob Willibald das Rechte mit seinem Entschlüsse getroffen hat, da er ja eben kein anderes Mittel, stch die Heimath wieder zu öffnen, für ihn gibt."

Um Gotteswillen, kennst Du die Strafe nicht, welche auf seinem Vergehen steht?" fragte Leonore entsetzt.

Ich weiß, Liebste, und schaudere selbst davor zurück. Es ist so grausam, ihm gleichsam die Thür zu zeigen, ihn wieder hinaustreiben zu müssen in die Fremde, nachdem er kaum den Fuß auf heimathlichen Boden gesetzt. O, mein Gott, woher soll ich den Muth zu dieser Herzenshärte nehmen?"

Ihre Stimme bebte wie von verhaltenen Thränen, die sie nur mühsam niederkämpfte. Leonore und Hamson schwiegen erschüttert.

Mein Freund Ehrhard hat stch drüben eine sehr ge­achtete Stellung und ein Vermögen erworben," begann der Amerikaner nach einer Welle.Seinem schönen Hause fehlt