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daß im letzten März 256,000 Wachteln von Egypten durch Deutschland (via Brindtfi»Gotthard) nach London gesandt wurden und daß diese Sendungen im April und Mai bi« Anfang« Juni je nach der Witterung m viel größerem Maß» stab fortdauern, um je nach dem mehr oder weniger ergiebigen Fange die Zahl von 1'/» bi« 2 Millionen zu erreichen. Diese Wachteln werden sodann in London verspeist.
Der Grund dieser Sendungen durch Deutschland besteht darin, daß diese« Jahr aus dringendes Verlangen der frone zöflschen Landwirthe und Jägergesellschaften die französische Regierung durch Dekret vom 4. März in Anbetracht der Schonung dieser der Landwirthschast so nützlichen Thiere, bereu Transport durch Frankreich während geschloffener Jagdzeit verboten hat. Wer daran zweifeln sollte, braucht nur die Marseiller Ze'tung, den „Semaphore" vom 3. April, zu lesen, worin in einem Artikel da« obige Dekret angegriffen wirb. Der Artikel führt au«, baß durch diese« Verbot die Sendungen durch den Gotthard und Deutschland fortdauern und baß ba« Dekret nicht« andere« bezweckt, al« ben französischen Dampfern unb Eisenbahnen zu Gunsten der englischen Dampfer unb ausländischen Eisenbahnen zu schaben. Der „Ssmaphon" ist nämlich ba« Organ bet egyptischen Wachtelvertilger. Schon seit verschtebenen Jahren kämpften bie französischen Jagdvereine, bereit Organ bie Pariser Jagdzeitung „Le Ehafleur Pratique" ist, gegen die Er- laubniß diese« Transit« durch Frankreich, aber durch die Jntriguen bet Wachtelspekulanten, beten eifriger Vertheidiger ein französischer Depatirter ist» gelang e« ihnen bi« jetzt jedes Jahr, bie Erlaubniß des Transits zu erlangen, obschon et mit bem französischen Jagdgesetz in Widerspruch steht-
Gewiß haben auch Wenige in Deutschland Ahnung davon, was eigentlich diese scandalöse Wachtelspeculation ist. Verschiedene Speculanten, wovon, wie man sagt, ein oder zwei Italiener sind, und welche jedenfalls zu keinem Thier« fchutzverein noch Jagdverein gehören, fangen in den Monaten: letzte Hälfte Februar, März, April, Mai unb Anfang Juni in Egypten bie Wachteln in Netzen, um sie nach London zu senden. In welchem Maßstabe diese Leute die armen Vögel vertilgen, kann man leicht denken, wenn man weiß, daß einer dieser Speculanten allein 30 Kilometer Netze ausspannt. Die gefangenen Vögel werden sodann nach und nach zur Küste gesandt, unb bott, eng anrtnanber gepreßt, in niebrigen Käfigen auf bas Deck bet Dampfer verladen. Nach einer Seereise von sechs bi« sieben Tagen werden sie bei ihrer Ankunft in Marseille auf die Eisenbahn gesetzt, um nach London spedirt zu werden. Einige Dampfer nehmen über 100,000 Wachteln an Bord. Wenn man nun bedenkt, daß alljährlich l‘/2 bis 2 Millionen Wachteln im Hasen von Marseille angekommen, so kann man nicht ohne ein gewisses Gefühl de» Bedauerns ausrechnen, wie viele Millionen dieser armen Thiere man in Egypten fangen muß, damit zwei Millionen lebendig in Marseille ankommen. Wie man behauptet, gehen schon in den Netzen viele zu Grunde, und wenn nicht gerade Gelegenheit da ist, bie Vögel wegzusenden, werden sie getödtet, um in der nächsten Umgebung zum Spottpreise verkaust zu werden. Ferner kann man sich denken, wie viele dieser armen Thiere während de» Transport» bl« an die Küste zu Grunde gehen, da bie Verbindungen in Egypten primitiv sind. Zunächst kommt die Seereise von sech» bi» sieben Tagen, oft bei hoher See. Augenzeugen behaupten, e» sei ein jammervoller Anblick, diese armen Thiere, eng aneinander gepreßt, in niedrige Käfige gepackt zu sehen, lebendige und auch die schon seit Tagen tobten, alle» durcheinander. E» ist gewiß nicht übertrieben, anzunehmen, baß kaum ein Viertel ber in ben Retzen gefangenen Wachteln lebenbig in Marseille ankommt, und drei Viertel davon zu Grunde gehen. E» werden also jede« Frühjahr von diesen Speculanten ungefähr acht Millionen vertilgt, welche aus dem Wege waren, nach Europa zu kommen, um zu nisten- Diese Thatsache ist wirklich empörend. Man merkt übrigen» in Europa ganz gut, daß in ben letzten
Jahren bie Zahl ber Wachteln abnahm. Die natürliche Folge bieser systematischen Mötderei ist nicht nur ein enormer Schaben für bie Landwirthfchaft und für die Jagd, sondern auch eine grausame Thierquäletei. Der Unfug dauert nun schon mehrere Iahte.
Um Wachteln von Egypten nach England zu senden, gibt e» nur zwei Wege, da ber Seeweg um Spanien unmöglich ist. E» bleibt ber Weg durch Frankreich und derjenige durch Deutschland. Um bei ber französischen Regierung bas Verbot buichzubtingen, würbe von Seiten bet französischen Jägervereine stets barauf aufmerksam gemacht, baß der Weg durch Deutichland natürlicher Weise geschloffen sei, weil man dort zu strenge Jagdgesetze habe und zu seht auf Jagdschutz bei geschloffener Jagd sehe, um zu einem so grausamen Vet- tilgungrkrieg dieser nützlichen Vögel die Hand zu bieten. E» wäre die» ja ganz gegen den deutschen Charactet; nirgend» wie in Deutschland wirb das Wild so gehegt und gepflegt. Da ein Theil dieser Wachteln, welche jetzt in Käfigen durch deutsche» Gebiet reifen, wenn sie nicht in Egypten gefangen würden» nach Deutschland gekommen wären, um dort zu nisten, fo ist ber Wachtelfang ein birecter Schaden. — Wenn nun Deutschland erlaubt, daß dieser Unfug fortbauert, so ist für nächstes Iaht kein Grund mehr vorhanden, daß die französische Regierung das Verbot beibehält. Es hängt aber bie Frage jetzt ganz von Deutschland ab. E» sollten, wenn e» noch nicht geschehen ist, von Seiten aller deutschen Jagdgesellschaften und Thierschutzvereine die nöthigen Schritte ge- than werden, um dieser abscheulichen und ber Landwirthschast so schädlichen Wachtelspeculation ein für alle mal ein Ende zu bereiten. Was den Nutzen der deutschen Eisenbahnen an« betrifft, fo ist der Gewinn ja ein Tropfen im Meer. Die Strecke von Basel nach Luxemburg übet deutsche» Gebiet ist zu kurz, um nur von Summen sprechen zu können.
Literarisches.
Die Weihnachtsnummer der »Moder««» Kunst* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, ä Heft 60 Pfg.) ist soeben erschienen und ist wieder von jener eigenartigen Feiertagsstimmung erfüllt, die sie zu einer der beliebtesten mit Ungeduld erwarteten Erscheinungen unter dem deutschen Christbaum macht. Der ganze Inhalt des überaus prächtig ausgestatteten Heftes athmet Festfreude. In goldener Schrift auf blauem besternten Grunde erstrahlt die Ueberschrift „Weihnacht" schon auf dem Umschläge, durch dessen von Eiszapfen und Stechpalme umrahmtem Ausschnitt sich der Blick auf eine wundervolle Strandland- schaft eröffnet, au? deren Schneedecke eine hell erleuchtete Kirche aufragt, ein „Friedenstraum nach dem Wintersturm", wie es in den sie begleitenden Versen von Heinrich Vollrat Schumacher heißt. Text und Illustrationen bringen dann in sich stets steigernder Folg« lustige Winter- und Festtagssbilder. So schildert Fritz Gehrke mit Pinsel und Feder eine „Hörnerschlittenfahrt" im Riesengebirge voll heiterer Zwischenfälle. Da läßt Paul Oscar Höcker einen „angejahrten" Rittmeister schalkhaft gerade in dem Augenblick, wo er sich an das einsame Weihnachtsfest des Junggesellen zu gewöhnen beginnt, „unter die Haube kommen". Da versenkt sich Gustav Klitscher gar in die stummen Gefühle eines Festkarpfen, der mit knapper Roth der Gefahr entgeht, die Wechnachtstafel des Gutsherrn zu schmücken AuS all' dem lustigen Schellengeklingel des Humors klingt es dann wieder wie ernstes Glockengeläut, wenn Adalbert von Haustein in volltönenden Reimen da» Geheimniß von der Geburt des Christkindleins zu einem sich an jeder Wiege wiederholenden Wunder verallgemeinert. Zwei große doppelseitige Kunstbeilagen in Aquarell-Farbendrnck, Antonia de Banuelo»' „Mein Liebling" und Rich. Frieses „Elch in der Schneeschmelze", erglänzen in berückender Farbenpracht und tragen so zu dem festlichen Schmuck der in ihrer Art einzigen Nummer bei. Die übrigen farbigen Text- Illustrationen, wie das „Weihnachts-Diner" von M Rejchan und die „Festvorstellung" von I. Wehle, schildern einzelne Situationen aus den Feiertagen der Kleinen wie der Erwachsenen. Unter den Kunstbeilagen in Holzschnitt nimmt die erste Stelle ein die große dreiseitige Reproduc- tion des berühmten Bildes von A. von Werner „Die Eröffnung des Deutschen Reichstages durch Kaiser Wilhelm II am 25. Juni 1888", ein Gemälde, dem sich das „Intermezzo" aus Friedrichs des Großen Zeit von Robert Warthmüller, einer der Hauptanziehungspunkte der diesjährigen Kunstausstellung, würdig an die Seite stellt. Daß es möglich ist, eine solche Festnummer im Einzelverkauf für 3 Mark, im Abonnement für 1 Mark abzugeben, ist ein glänzender Beweis für die Leistungsfähigkeit der deutschen Journaltechnik, an deren Vervollkommnung gerade die „Moderne Kunst" einen überwiegenden Antheil hat.
Kedaetion: «. Schehda. — Druck und «erlag der Brühl'schen UniversMiS-Buch. und Steindruck«-« (Pietsch k Vcheyd«) in Metzen.


