Ausgabe 
7.12.1895
 
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«Freund sagst Du?

halb mit seinen Freunden Engelbach und Weyland eine Tour über Zabern nach Saarbrücken. In der Nähe des letzteren ^s. den man «ach einigen Tagen erreichte, liegt da« ein.

Jagdschloß Neunkirchen. Hier übermannte bei der Stille eine« Sommerabends Wolfgang dis Sehnsucht nach ^^deriken. Er sandte ihr deshalb von hier aus folgendes Gedicht al« Gruß zu:

Wo bist Du jetzt, mein unvergeßlich Mädchen, Wo weilest Du?

Wo lacht die Flur, wo triumphirt das Städtchen, Dem Du hörst zu?

Seit Du entfernt, will keine Sonne scheinen, Und es vereint

Der Himmel sich, Dir zärtlich nachzuweinen Mit Deinem Freund!

All' meine Lust, ist fort mit Dir gezogen;

Still überall

Ist Stadt und Feld; Dir nach ist selbst geflogen Die Nachtigall.

O, komm' zurück! Schon rufen Hirt und Heerden Herbei Dich leis';

Kehr' bald zurück, sonst wird es Winter werden Ringsum im Kreis!"

X rzt?i8Äetbrottn Hielt sich Wolfgang noch, höchst melan. choltsch allerdings, zu den Freunden, dann aber eilte er, mäh. rend diese ein Kohlenbergwerk bestchtigten, von unwidersteh. kicher Sehnsucht getrieben, nach Sesenheim.

Er wurde, wie stets, gastfrei ausgenommen. Der Lieb, lmg der Hauser war wieder da und Alle» vergessen I Schnell war dar Leben wieder im gewohnten Geleise.

Aber die Zugabe, die Zugabe! Der Mensch hatte über dem Liebhaber dieselbe vergessen, bis die Wirklichkeit ihn wieder daran mahnte. Vollständig ernüchtert kehrte Goethe bald wieder nach Straßburg zurück. Hierzu hatten Reinhold Lenzen« Verleumdungen nicht am wenigsten beigetragen!

VII.

z Bitterer Abschied.

Müssen wir scheiden, ach, ist unerbittlich das Schicksal» Reich' mir noch einmal die Hand! In mir lebt ewig Dein Bild!

In Wolfgang Goethe» Seele saß der Stachel bitterer Reue! Zog ihn sein Herz mit unwiderstehlicher Kraft nach Friederiken hin, so sagte ihm der Verstand doch klar genug, daß au» einer Verbindung zwischen ihm und der Pfarrer»- tochter nie etwa» werden könne. Solche beunruhigende Ge­danken mußten nun erstickt werden; da aber Studien und Arbeit dazu nicht ausreichten, so fing Wolfgang ein rüde» Leben an; er ritt dir wildesten Pferde, lag auf den Fecht- böden herum und besuchte die Weinschenken. Bald kannte man überall den bildschönen Studenten, der nirgend« lange weilte und, wie von einem finstern Schatten verfolgt, vor sich selbst floh. Sein Gefährte bei allen diesen Ausschweifungen war Niemand anders als Reinhold Lenz.

Dieser hatte inzwischen einen Brief nach Sesenheim ge­schickt, welcher lautete:

Hochehrwürdiger, wohlehrsamster Herr Pfarrer!

Versprochenermaßen theile ich Ihnen mit, daß Herr Goethe bereit» vor längerer Zett sein juristische« Examen bestanden hat und flch nun zur Doctorpromotion vorbereitet. Wie mir scheint, sucht der junge Herr sein Gewissen ge­waltsam durch ein wilde« Leben zu betäuben; allem An- scheine nach wird er Straßburg nunmehr verlassen.

Ich thue Ihnen diese« Alle» in schuldiger Freundschaft kund und bitte um Discretion. Ihrer Frau Haurehre und Demoisellen Töchtern bitte ich meinen respektvollsten Gruß zu vermelden, womit ich verbleibe

rx, «3«, hat sich war!" lachte Lenz höhnisch.Den Ab- schied hat er ihr gegeben! Und ich - ich muß diese» Wesen so rasend lieben!"

Unglücklicher!" rief Troost.

Ja, Unglücklicher!" bestätigte Lenz.Hängt sie doch noch immer an dem Verräther!"

Troost schüttelte den Kopf und sagte dann ängstlich: Lieber Reinhold, verschone mich mit dem Weiteren; ich will nichts wissen, nichts gehört haben!"

Giebst Du Dein Wort?" schrie er dagegen.

Mein Ehrenwort!" versicherte Troost.

Wohl!" lachte da Reinhold.Ich aber werde bestrebt sein, sie mit allen Mitteln zu erringen! Lebe wohl!"

Er stürzte davon.

An demselben Tage hatte Goethe eine sehr ernste Unter­redung mit Salzmann.

Mein lieber Alcibiades," sagte dieser,in einigen Tagen ist der ersehnte Augenblick da, wo ich da« J. U. D. hinter Ihren theuren Namen setzen und Sie als Juris utruisqu» doctor begrüßen darf! Ich weiß, daß dieser Moment Sie mir entführt und doch ist e« nöthig! Sie gehören in den Strom der Welt und glauben Sie mir, Sie werden prächtig mit ihm fahren! Jedoch eine Pflicht hätten Sie noch vorher!"

Wolfgang blickte zur Erde.Sie denken an Sesenheim!" Ja, Freund!"

Goethe sann nach und flüsterte dann traurig:Ich muß Abschied nehmen!"

«Und zwar schriftlich!" fügte der Actuar bei.Sie kennen ja das Märchen von der Dornenhecke, in welcher viele Prinzen, die die Prinzessin zu befreien kamen, hängen blieben und eines elenden Todes starben!"

Ich verstehe!" lächelte Goethe matt.Ich nehme fchrist. lich Abschied, so schwer e» mir auch avkommt, mein Lieber!"

Trösten Sie sich. E» ist nichts Unehrenhafte«, da ein Verlöbniß nicht vorliegt."

Und doch fühlte ich mich moralisch gebunden, bi« selbst der Spötter Lenz ihrFähnchen" cittrte; da schämte ich mich ihrer! Habe ich e« nickt stet» gesagt, daß mir von diesem Livländer einst große« Weh kommen müsse? Gr hat mir jäh die Binde von den Augen gerissen!"

Salzmann beruhigte den Aufgeregten und zog ihn mit sich fort. (Schluß folgt.)

Der Wachtelzug mit der Eisenbahn durch Deutschland.

Aus Oberitalien schreibt man denMünchner R. N.": Man hat in Deutschland, wenige Eisenbahnangestellte der Linie Basel-Luxemburg «»«genommen, keine Ahnung davon,

i kluger und guter Mensch, saß in theologische Studien vertieft | da, als Lenz höchst aufgeregt eintrat und rief:Nomen eet omen, Troost; ich bin gekommen, Dir etwas anzuvertrauen und das, was Dein Name besagt, von Dir zu erholen!" ia . fragte Jener und legte die Feder hin-Was ist denn passtrt?"

Alles ist passtrt, die Welt geht unter!" schrie Lenz.

Das verhüte Gott gnädiglich!" meinte Troost und erhob sich.Komme übrigens, Freund Lenz, zu Dir und erzähle!"

Reinhold starrte lange vor sich nieder, darauf begann er:Es handelt sich um diesen Goethe!"

Unfern Freund!" betonte Troost.

Freund?" rief da Lenz heftiger-

So hoch steht er doch wohl nicht!"

Troost blickte ihn verwundert an:Ich begreife Dich mcht, doch erzähle!"

, Lenz rang nach Athem und bemühte stch dann, weniger leidenschaftlich zu sagen:Nicht nur, daß ihn Fortuna wie aus Amaltheas Füllhorn mit Glücksgütern überschüttet hat, nein, er besitzt auch die Neigung de» besten, des edelsten Mäd­chens, welche» er verräth!"

Ich denke, sie sei ihm Braut, Geliebte, seine Muse!" meinte Troost.

Dero ehrerbietiger Diener

Reinhold Lenz."

Nachdem der junge Mann diesen Brief auf die Post ge­geben, packte ihn doch da» böse Gewissen beim Schopf und trieb ihn zu dem Theologen Troost, der ihm seit der Abreise seine« Herzen«freundes Jung eine ausrichtige Freundschaft entgegenbrachte.

Troost, ein etwa« altfränkisch gekleideter, sonst aber