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von
„Ach, bist Du fort? Aus welchen gold'nen Träumen Erwach' ich jetzt zu meiner Qual l
Kein Bitten hielt Dich auf, Du wolltest doch nicht säumen, Du flogst davon zum zweitenmal!
Zum zweitenmal sah ich Dich Abschied nehmen, Dein göttlich Äug' in Thränen steh'n
Für Deine Freundinnen — des Jünglings stummes Grämen Blieb unbemerkt, ward nicht geseh'n.
O, warum wandtest Du die holden Blicke Beim Abschied immer von ihm ab?
O, warum ließest Du ihm nichts, gar nichts zurück«, Als die Verzweiflung und das Grab?
Wie ist die Munterkeit von ihm gewichen!
Die Sonn' scheint schwarz, der Boden leer. Die Bäume blüh'» nicht mehr, die Blätter find verblichen, Und Alles welket um ihn her.
Zu Oertern hin, wo er mit Dir gegangen, Er läuft, zum Bogengang, zum Bach, Und findet Dich nicht mehr und weinet voll Verlangen Und voll Verzweiflung dort Dir nach!
Dann in die Stadt zurück, doch voller Grauen, Und find't Dich nicht, Vollkommenheit!
Ein And'rer mag nach den gezierten Puppen schauen, Ihm find die Närrchen all' verleid't!
Geliebtes Herz, o laß Dich doch erflehen, Und schreibe ihm, daß Du ihn liebst!
Sonst laß ihn Dich im Leben nicht mehr wiedersehen, Wenn Du ihm diesen Trost nicht giebstl
Nicht wiedersehen? — Entsetzlicher Gedanke, Ström' alle Deine Qual auf mich!
Ich fühl' fein Weh so ganz! Es ist zu viel, ich wanke, Ich sterbe ganz allein für Dich!"
Sine bewegte Zeit folgte. Das juristische Examen ward i Goethe gut bestanden, die öffentliche Promotion bereitete
sitzers fröhlich beschlossen; Goethe «ahm von Friederike verdrießlich Abschied und kehrte sinnend heim in sein Logis.
Man hatte für den andern Tag noch eine Zusammen« kunst verabredet, aber ein entscheidendes Wort fiel auch hier nicht. Nach einem endlichen kühlen Abschied war Goethe zuletzt obendrein froh, daß die Brions fort waren, wenn es seiner Eitelkeit auch einen Stob gab, sich von Friederiken abweisend behandelt zu sehen. Er freute sich, daß der auf« dringliche Mensch, der Lenz, ihm über das Peinliche de« Abschiedes so gut hinweghalf. In einer Landkutsche fuhr dis Familie Brion die Straße auf Lauterburg zu.
Di« Reisenden waren aber nicht wenig überrascht, als im nächsten Wirthshause, wo die Rosse gefüttert wurden, plötzlich Lenz zu Pferde auftauchte und sich ihnen sogleich näherte. Er machte sich vorzüglich an Friederike und flüsterte ihr zu: „Trauen Sie diesem stolzen Herrn Goethe nicht; er ist aus vornehmer Familie, die sich niemals mit der Ihrigen verschwägern wird; zudem hat er — ich bitte um Verzeihung — derartige Verhältnisse schon mehrere gehabt!"
Friederike Brion sah ihn groß an, erwiderte aber nichts. Inzwischen waren die Pferde versorgt, so daß die Reise fort- gesetzt werden konnte.
Lenz nahm deshalb von der Familie Abschied und kehrte nach Straßburg zurück, Friederike aber ward unterwegs recht unwohl. Die Ursache der Krankheit aber gab sie den Eltern nicht an.
Andern Tages traf Goethe bei den „Gorgonen" Lenz und fragte ihn beiseit: „Nun, war sagen Sie zu der De- moiselle Brion?"
Reinhold Lenz schien heute noch spöttischer als sonst und entgegnete: „Mein lieber Herr Goethe, diese« Landmädchen mit seinem weißen Fähnchen soll doch wohl nicht einst Ihre Frau Gemahlin werden?"
Goethe antwortete nichts; er kniff die Lippen zusammen und murmelte: „So bin ich denn doch zuletzt auf mein eigene» Urthetl angewiesen!"
Am folgenden Tage sandte er Friederike solgeude Verse nach:
also jeden Tag eintreffen! Nun eile ich zu Herder, denn Sie Beide sollen Ihr Urthetl abgeben!"
Da lächelte Salzmann und sagte: „Mein Alcibiades! Ich habe mir die Sache hin und her überlegt: In der Liebe kann man Keinem rathen! Sehen will ich das Mädchen aller« dings und meine Meinung will ich auch unverholen und rückhaltlos sagen! Das Handeln ist Ihre Sache!"
Goethe nickte. „So habe ich es mir gedacht, mein Freund! Aber sagen Sie, sind liebe Menschen, daß sie, die mich so lange verpflegt, meine Gastfreundschaft nicht einmal beanspruchen?"
„Die Leute gefallen mit!"
„Das freut mich! Und nun Ade! Sobald sie da sind, schicke ich zu Ihnen!"
„Gut!"
Er war schon davon.
Bei Herder fand er Lenz, den er nicht von der Stelle zu bringen vermochte und der so Mitwisser von dem Besuche Friederikens wurde.
Spöttisch meinte er: „Da bin ich denn doch neugierig, wie die Omphale aussieht, die unfern Herkules so lange am Spinnrocken festgehalten!"
Goethe warf dem Aufdringlichen einen eiskalten Blick zu, den der Livländer gar nicht zu bemerken schien. Er attachirte sich eben jetzt Goethe in so auffallender Weise, daß feine Freundschaft kaum ohne Beleidigung zurückzuweisen war. ;
Für den Nachmittag meldete dann ein Bote aus dem E Hause des Rathsherrn Caspar Ehrlicher de« Besuch der ? Familie Brion, eben al» sich Lenz verabschieden wollte, an. So trafen denn auch Salzmann und Herder in Goethes Wohnung ein, ehe die Brionr anklopften.
Sie waren nicht allein, denn Rosa und Fanny Ehrlicher begleiteten ihre Verwandten.
So kam er, daß sich Wolsgang und Friederike kühler gegenüberstanden, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, daß auch die Begrüßung der Familie Brion mit Wolfgang unter den Augen dreier fremder Herren weniger intim vor sich ging, al« sonst hätte geschehen dürfen.
Goethe flüsterte Salzmann sofort zu: „Ein giftiger Mehlthau ist über Nacht gefallen; der Nachtfrost hat die schönste Blüthe geknickt!" r
Nach einer etwas ceremoniellen Vorstellung schlug Goethe einen Spaziergang in die Robertsau vor, wo man in einem Kaffeegarten einkehren könne. Nur mit Mühe und unter Hinweis auf die Sesenheimer Gastlichkeit durste es hier geschehen, daß man auf Goethen» Rechnung eine Kollation einnahm. Zwar suchte Wolfgang stet« Friederikens Seite auf, aber Lenz attachirte sich ihm allenthalben, so daß auch jetzt eine Vertraulichkeit verhindert ward.
Uebrigens flüsterte Salzmann Wolfgang bald zu: „Das Mädchen ist ein Engel, aber keine Frau für meinen Alcibiades; die müßte ein cryflallinischer und doch felsenfeste» Ge
füge haben!"
Herder aber meinte: „Mein junger, lieber Freund, wa» wollen Sie mit dem simplen, wenn auch zarten Geschöpfchen! Schönheit vergeht! Sie müssen ein weibliches Wefen voll Geist und Esprit itui sich haben!"
Riekchen Brion sah in ihrem weißen Musselinkleidchen, weHe« Wolfgang nur zu gut kannte, allerliebst, wenn auch etwas ländlich au«.
Ma« besah nun da« Münster und bestieg den Thurm. Hier verabschiedeten sich Salzmann und Herder, und Goethe mußte e» nunmehr Lenz noch Dank wissen, daß er blieb und Rosa wie Fanny Ehrlicher unterhielt.
Erst jetzt fand er Gelegenheit, mit Friederike heimlich und allein zu reden, aber nun zeigte es sich auch, daß das „himmlische Geschöpf" echt mädchenhaft trotzen konnte, denn sie war und blieb zum Verdruss- Goethen» kurz. Auch Frau Maria Magdalena stellte sich sehr gemessen gegen Wolfgang, nur der Pfarrer war ganz der Alte. . _
Der Tag ward im Garten de» Rathsherrn Ehrlicher , sich vor.
nahe am Eontade« unter Theilnahme der Familie de» Be« Bald darauf, am 22. Juni, unternahm Wolfgang der-


