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wurde dem stattlichen Deutschen auf seiner Fahrt zu Theil. Aber da er seinen Widerwillen gegen Personenbeförderung durch Menschenkraft noch immer nicht ganz hatte überwinden können, war Georg doch herzlich froh, als sie das Ziel ihres Weges erreicht hatten und als er am Eingänge der breiten, gut gepflasterten Tempelallee, die nur von Fußgängern passirt werden darf, seine Kuruma verlassen konnte.
Von dem Leben und Treiben in der nächsten Umgebung des Heiligthums hatte ihm Abraham Norton nicht zu viel verheißen. Es war da ein Lärm und ein Gewühl, als ob man sich auf der Kirchweihe in einer kleinen süddeutschen Stadt befände. Und die leicht gebauten, abenteuerlich au»« geschmückten Verkaufs- und Schaubuden, welche die Allee zu beiden Seiten einfaßten, machten die Aehnlichkeit vollständig. Alle erdenklichen Gegenstände für religiöse und profane Zwecke wurden da von beredten Händlern feilgeboten. Es gab Spielbuden, Buden mit bedenklich aussehenden Süßigkeiten, transportable Speiseanstalten und hundert andere Dinge, wie man sie auch auf europäischen Jahrmärkten anzutreffen pflegt. Eine s geräuschvolle Fröhlichkeit, die nirgends durch einen störenden \ Mtßton beeinträchtigt wurde, herrschte überall und übte ihre ansteckende Wirkung allgemach auch auf den Fremden, der rings um sich her nur sorglos vergnügte, lachende und grin- 1 sende Menschengesichter sah. -
In bester Laune hatte Georg seinen Arm in den des Begleiters geschoben; plötzlich aber zuckte er so heftig zusammen, | daß Abraham Norton verwundert aussah, um dann freilich ä sogleich die Ursache jener auffälligen Bewegung wahrzunehmen. Sie waren nur noch ein paar Dutzend Schritte von dem Haupteingange des eigentlichen Tempelreviers, einem zweistöckigen, roth angestrichenen Thorbau, entfernt, und unter! diesem Eingang wurde soeben eine kleine Gruppe bekannter l Personen sichtbar, die augenscheinlich von einer Besichtigung \ des Heiligthums zurückkehrten.
Voran ging Thomas Elli«, der Frau Donaldson am s Arme führte, und unmittelbar hinter ihm tauchte Maud» hold- i seliger Köpfchen neben der steifen, würdevollen Gestalt ihre» Oheims aus dem Gedränge auf.
„Lassen Sie uns ihnen au»weichen!" sagte Georg. „Der bloße Anblick dieses Herrn Ellis reicht hin, mir die Stimmung gründlich zu verderben."
Abraham Norton war ohne Weiteres bereit, seinem § Wunsche zu entsprechen, und sie mischten sich in dar Gewühl । vor einer der Gauklerbuden, die ganz besondere Anziehungs- krast auf die frommen Verehrer der barmherzigen Kwannon zu üben schienen.
Schon in der nächsten Minute aber wurde ihre Aufmerksamkeit wieder nach jener Seite hingelenkt, von der sie sich eben abgewendet hatten; denn ein wüstes, wildes Geschrei aus rauhen, heiseren Kehlen schlug über all' den fröhlichen Lärm hinweg mißtönend an ihr Ohr.
Und ein einziger Blick ließ sie erkennen, daß sich hart an dem Tempeleingang eine überaus ernste und bedrohliche Scene zu entwickeln begann.
Drei englische Matrosen, deren gläserne Augen und deren rothe, gedunsene Gesichter genugsam verriethen, in welchem Zusiande sie sich befanden, bildeten den Mittelpunkt eine» von Secunde zu Secunde anwachsenden dichten Menschenknäuels. Offenbar hatten sie, während sie sich mit brutaler Rücksichtslosigkeit durch die Menge drängten, ein japanisches Mädchen insulttrt; denn da» arme Ding in seinem grellrothen Kimono und seinem zerzausten Feiertagsputz lag bitterlich weinend an der Brust eines alten Mannes, während ihr in einem schmächtigen jungen Burschen, der den drei betrunkenen Raufbolden unerschrocken den Weg vertreten hatte, ein ritterlicher Beschützer erstanden war.
Es schien, daß der Jüngling sich darauf beschränkte, den Matrosen in seinem schlechten Englisch ihr rohes Betragen zu verweisen. Die wilden Gesellen aber, denen e» vielleicht nur um eine Herausforderung zu thun gewesen war und die von dem persönlichen Muthe der verachteten Japanesen offenbar eine sehr geringe Meinung hatten, fuchtelten unter wüsten •
z Schimpfreden mit den Armen wie Wahnwitzige in der Lust j herum und in der Hand des Ungeberdtgsten von ihnen, eines s baumlangen, herkulisch gebauten Gesellen, sah man plötzlich I die Klinge eines Messer» blitzen.
Mit einem Wehruf taumelte der von dem Dolchstoß dicht über dem Auge getroffene Japaner zurück und der Todt« schläger, dessen stiere, blutunterlaufene Augen kaum noch denen eine» menschlichen Wesen» glichen, stürzte sich mit hochgeschwungener Waffe mitten in den dichten Knäuel hinein, offenbar entschlossen, Alle» niederzustechen, was sich ihm in den Weg stellen wollte.
Entsetzt suchten sich die Waffenlosen vor der Wuth de» Rasenden in Sicherheit zu bringen; aber das Gedränge machte eine rasche Flucht unmöglich und der Trunkene würde vielleicht ein förmlicher Blutbad angerichtet haben, wenn er nicht unerwartet einen Gegner gefunden hätte, der ihm, wenn nicht an körperlicher Kraft, so doch jedenfalls an Gewandtheit und Entschlossenheit mindestens ebenbürtig war.
(Fortsetzung folgt.)
Freimrse für stotternde Zöglinge der höheren Schulen.
Der Kampf um die materielle Existenz ist in unserer Zeit der Uebervölkerung und der einem Emporkommen mif- günstigen, mit erlaubten und unerlaubten Mitteln vorgehenden Concurrenz ein sehr schwerer geworden I Es ist nicht nur die „Arbeiterbevölkerung," die nach Lösung der socialen Frage sich sehnt; der Kampf spielt sich vielmehr in rücksichtsloser und unaufhaltsamer Weise gerade unter den Vertretern unserer sogenannten besseren Stände ab, die au» den höheren Schulen und au» den Universitäten hervorgehen. Wer heute, diesen Ständen angehörend, nicht seine sämmtlichen Kräfte entfalten kann, der unterliegt! Es ist daher ein edles und dankens« werthes Werk der Nächstenliebe, uns Derer anzunehmen, die hier unter erschwerenden Umständen kämpfen müssen und zu diesen letzteren gehören vor allen Dingen die mit dem liebel de» Stotterns Behafteten. Nur der, der selbst stottert oder gestottert hat, sowie der, welcher sich Jahre lang wissenschaftlich durch eingehende» Studium und durch läglichem Umgang mit Stottern mit diesem liebel, seinem Wesen und seiner Bekämpfung beschäftigt hat, vermag zu beurtheilen, wie tief einschneidend in das innere und äußere Leben eines Menschen es ist, wenn er nicht jederzeit, wann und wo er will, von seiner Sprache Gebrauch machen kann. Es ist nicht nur dis Kunst (oder vielmehr das angeborene Talent), von der Kanzel herunter, oder in der Volksversammlung oder im Parlament eine schwungvolle Rede zu halten, die dem Stotterer nicht beschieden ist: dieses Nichtvermögen könnte er wohl schließlich, wie so mancher andere, leicht verschmerzen! Nein, es ist vielmehr gerade die kurze Rede im tagtäglichen Leben, bei Fragestellen und Antwortgeben, im Beruf wie im Kreise der Freunde und der Familie, die dem bedauern«- werthen Stotterer nicht „von den Lippen geht." Der Gedanke, daß er da», was jedes Kind, was jeder Schwachkopf spielend und meschanisch vollbringt, nicht vermag, und zwar trotz seiner besten Willens, trotz der unglaublichsten, sämmtltche Kräfte erschöpfenden, ja vernichtenden Anstrengungen nicht vermag, der ist'«, der den Stotterer zur Verzweiflung bringt! Daß er seinen Namen nicht nennen kann, daß er am Postschalter das Wort „Postkarte" nicht herausbringt, daß er in der Schule seine guterlernte und zu Hause im einsamen Kämmerchen fließend gesprochene Aufgabe nicht aufsagen kann, daß er beim Examen, später im Beruf vor dem Vorgesetzten und dem Untergebenen, im Verkehr mit Freunden und Familienangehörigen, in der freien Natur an der Familientafel, am Biertisch, im Theater, im Tanzsaal, an der Festtafel, kurz überall und stündlich oft nicht ein Wort heraus- zupreffen vermag, und daß er bei all' diesem Gemüth bi» in»


