Ausgabe 
7.9.1895
 
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einst so wohlgepflegte Wald, wohl über zehn Quadratmeilen groß, ist vollständig in Händen von Leuten, die so schnell wie möglich abholzen, und Bauhölzer und Mauerlatten schwimmen jetzt munter die Weichsel herab. Auch unseren Forsten brachte er Nachtheile, denn während Bauhölzer unter die Taxe gingen, waren für Mauerlatten zeitweise gar keine Abnehmer, weil diese Hölzer zollfrei durch die Grenze gingen. Natürlich wur­den drüben die Berkaufsverhandlungen und Verträge in fran- Dscher Sprache geführt, sofern es nicht in russischer Sprache riAhig war. Als ich im vergangenen Herbst in Polen war, und mir den großen Pelz und die hohen Stiefeln kaufte, da sah ich die gnädige Frau ihre lange Seidenrobe über den nicht sehr reinen Hof schleppen, und ich hatte so das Gefühl, als ich auch noch verschiedene andere Dinge sah, die mir nicht behagten, daß hier eine echte polnische Wirthschaft sei, mit der e« oft gar zu schnell ein Ende nimmt."

»Ab« woher kommt nur ihre Antipathie gegen Alles, was deutsch heißt," fragte Curt erwartungsvoll.

Der Neid, Curt, nichts als Neid ist es," erwiderte der Oberförster.Als vor Jahren unser Volk die Fackel der Cultur nach unserem halbbarbarischen Nachbarlande brachte, da war es ihm hochwillkommen. Intelligenz, Fleiß, Ausdauer und Treue, Eigenschaften, die unser Volk auf dem ganzen Erdball characterisiren, nahmen sie mit hinüber und viele Jahre ging es ihnen auch recht gut. Industrie, Handel und Wandel nahmen Aufschwung, was den Ruffen auch sehr an­genehm war. In den östlichen Provinzen ließ sich der Land­mann nieder und Grund und Boden wurden rationeller be- wirthschaftet. Die angrenzenden polnischen Besitzer, die ge­wohnt waren, vom Himmel sich ihre Bedürfniffe in den Schooß werfen zu lassen, erwachten aus ihrer Lethargie. Mit scheelen Augen sahen sie auf den Fremdling, der ea besser verstand, Kapital herauszuschlagen, und wenn auch Viele ein­sichtsvoll genug waren, die wohlgemeinten Rathschläge mit Vertrauen anzunehmen, so sahen doch auch Viele neidisch über des deutschen Nachbarn Zaun und fanden wenig Freude an dessen blühenden Wiesen und Feldern. Mit den Jahren wur­den drüben die Verhältnisse aber auch schwieriger; und wenn auch immerhin dort die Landwirthschaft noch mehr abwarf, wie in unserem Lande, so gingen doch Viele zu Grunde, die an noble Passionen gewöhnt waren und nur den lieben Gott und schlechte Inspektoren für ihre Wirthschaft sorgen ließen. Bei den Polen kam auch vielfach noch der Haß dazu, denn die Deutschen liebten Ordnung und Ruhe und hielten treu zu Kaiser und Reich, und Zar Alexander II. hat im letzten pol­nischen Aufstande wohl erfahren, was er an seinen Deutschen hatte. Damals war drüben für unsere Landsleute eine sehr trübe Zeit, denn mit dem Kaiser mußten sie es halten und mit ihren Nachbarn mochten sie es auch nicht gern verderben. Nun haben wir ja schon viele Jahre Ruhe, aber der Pole hofft immer noch im Stillen auf die Auferstehung seines Reiches. Als vor einigen Jahren des Grafen von Ostrolanski Gut unter den Hammer kam, da fand man das Innere seines Wohnhauses total demolirt und alle Spuren ließen darauf schließen, daß hier ein mörderischer Kampf stattgefunden. Dem war aber nicht so! Der gute Graf hatte nur die An­gewohnheit, jeden Tag vor seinem Mittagsschläfchen von seinem Sopha aus achtzehn Patronen aus seinem Revolver abzu- stuern, um sich so bald in seinen schönsten Traum zu wiegen. Wie oft hat wohl der gute Graf sein liebes Polenreich ver­engt gesehen ja, wenn das Erwachen nach dem Traum nicht wäre!"

Und wo hat denn der Graf, bei dem jedenfalls etwas nicht in Ordnung war, fein Ende genommen?" fragte Curt weiter.

Er soll einem on dit zufolge jetzt ständiger Gast des reichen Grasen von Torbatszkt in St. Cloud bei Parts stin, nachdem der von Ostrolanski einige Jahre die Pariser Salons unsicher gemacht hat, denn dieser Graf war ein bild­hübscher Mann und ein Cavalter vom reinsten Waffer, in dessen Oberstube auch Alles in schönster Ordnung war," er­widerte der Oberförster.Freilich, wenn man von den tollen

Streichen hörte, die er öfter angestellt, dann konnte man allerdings manchmal den Kopf schütteln. Da kam der Graf eines Tages mit zehn gleichgesinnten jungen Edelleuten von einer tollen Fuchsjagd in seinen Hof gesprengt; in wilden Sprüngen setzten sie dann in das Herrenhaus, um in jenem Zimmer abzusttzen, dessen Thüren und Wände das kriegerische Aussehen trugen. Hungrig wie die Wölfe, speisten sie dann im Nebenzimmer ihr beliebtes Bigus und Srasy, während Knechte und Mägde draußen polnische Nationallieder fingen mußten."

Dar Mittagsmahl war inzwischen beendet und Hertha schenkte alsbald den iKaffee ein.Möchtest Du nicht von diesem Kuchen essen, Curt? Oder darf ich Dir von jenem herüberreichen ?" fragte Hertha ihren Verlobten und zeigte auf ein Gebäck, das sie selbst bereitet hatte.

Danke Dir, danke wirklich, Schatz, weißt ja, Kuchen ist nicht mein Fall, aber halbe Tafle Kaffee würde ich noch gern trinken, wenn Du die Güte hättest." Und er zündete sich eine Cigarette an-

Sag' einmal, Curt, wann warst Du denn zuletzt auf Walten?" fragte der Oberförster nach einer Pause.

War gestern dort, lieber Onkel, o, entschuldige nur, ver­gaß zu grüßen. Kann Neues von dort nicht mitthetlen. Mama ist ziemlich wohl, den Umständen entsprechend, und die Jnspecloren besorgen ja nach wie vor die Wirthschaft."

Hm," sagte der Oberförster,weißt Du vielleicht, was in diesem Jahre auf dem Felde gepflanzt ist, das an den königlichen Forst grenzt?"

Nein, lieber Onkel, bedaure, habe gar nicht darnach hin­gesehen, eigne mich ja zum Landwirth so wenig wie zum Müller oder Maler!"

O, das ist Unrecht, Curt, Du solltest Dich wenigstens «etwas darum kümmern, denn wie die Leute auf Boden erster Klaffe Lupinen und Buchweizen säen können, wie im ver­gangenen Jahre, das ist mir unbegreiflich!"

Curt stand auf und trommelte ungeduldig an der Scheibe des Fensters, das nach dem Garten hinausging.

Wenn es Dir recht ist, Curt, so gehen wir ein wenig spazieren?" sagte Hertha, indem sie das werthvolle Kaffee­service zusammenstellte, das ein Geschenk des alten Amts­vorstehers, ihres Pathen, zum letzten Geburtstage war.

Gehen wir nach dem Tannengang, Hertha! Denn die Zeit eilt schnell und ich muß bald zurück," und Beide schritten hinaus in den Garten.

Habt schon fleißig gearbeitet Blumen blühen ringsum." Ja, Curt, doch diese Blumen sind ja alle Jahre die­

selben; aber wie kommt es nur, daß sie Dir heute gerade auffallen? Hattest doch nie Sinn dafür, wie Du der Land­arbeit auch kein Jntereffe abgewinnen kannst!"

Curt blickte Hertha lachend an.Hast nicht ganz Un­recht, Schatz, aber sage selbst, paßt für Militär nicht besser Sinn für Pferde und dergleichen, al» das langweilige Zu­sehen, wie der Pflug durch'« Erdreich geht oder hören das monotone Getrommel der Dresch- und Häckselmaschinen oder am Ende das geisttödtende Erbsensäen und Heuernten mit an­sehen?"

Ja, Curt, Dir mögen ja alle diese Arbeiten so erschei­nen, wie Du es soeben sagtest, aber dennoch wäre es gut und von Deinem größten Jntereffe, wenn Du wenigstens in Eurer großen Wirthschaft ein wenig nach dem Rechten sähest! Der Papa hat ganz Recht und wollte ich Dir dasselbe auch schon neulich sagen. Es könnte bei Euch gar Manches anders, Vieles bester fein und wäre es sicherlich auch, wenn die gute Tante so schalten und walten könnte, wie sie gern möchte."

Aber, Schätzchen, gräme Dich doch darum nicht man muß das Leben immer von der heiteren Seite nehmen, das ist die echte Lebenrphilosophie."

Und Curt summte einen Armeemarsch aus alter Zeit und bewegte den Kopf nach dem Takte.

(Fortsetzung folgt.)