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AntkchaUMgsblaU Wm Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
SamStaz den 7. September „
Ihr Vermächtniß.
Roman von Maximilian Msegelt«.
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Heyd empfahl sich nun ehrerbietigst von den Damen.
„Auf Wiedersehen, Herr Baumeister." Und Hertha reichte ihm zum Abschied die Hand.
„Lindenheim wird Sie jederzeit gern sehen," sagte der Oberförster, „und wenn ich bitten darf, so geben Sie uns am nächsten Mittwoch die Ehre."
Der Baumeister versprach zu kommen. „Möge es mir beschieden sein, mich Ihnen erkenntlich zeigen zu können für Ihre Liebe, denn Sie beschirmten und bewachten mich in schweren Stunden wie ein Vater — mich, der ich Elternliebe nie kennen gelernt."
Heyd bestieg nun den Wagen, auf dem der Secretär und der Kutscher schon Platz genommen, und fort ging es in leich« tem Trabe die Anhöhe hinauf.
„So recht, Liese, so recht, Lotte," schmeichelte Friedrich seinen Pferden, die gleichmäßig ausholten. Nach einer Weile wandte er sich halb um und meinte, daß es heute doch ein weit beffere« Fahren wäre, wie damals, als der Herr so krank war. —
„Mein Kind, wir haben eine bewegte Woche hinter uns," sagte der Oberförster zu seiner Tochter, als sie dem Hause zuschritten.
„Und eine segensreiche Woche, mein lieber Vater; doch nun wirst Du Dich auch recht schonen, denn Du hattest ja alle Sorgen um den Kranken auf Deine Schultern genommen."
„Nun, darum gräme Dich nur nicht, meine Tochter, denn es war nicht anstrengender, als das Reiten durch die Forsten, besonders im Winter zur Zeit des Holzschlags, aber sage nur, Hertha, wie gefiel Dir der Herr Baumeister?"
Mit ihren großen blauen Augen sah sie ihren Vater betroffen an. „Mein guter Vater," sagte ste anscheinend ruhig, „zu uns kommen viele Männer, von hohem Adel bis zum einfachsten Landmanne, aber sie alle erscheinen mir nicht so edel wie dieser Mann in seinem einfachen und würdevollen Auftreten. Findest Du nicht selbst, mein Vater, daß diese»
ungekünstelte Wesen und seine natürliche Bescheidenheit ihn überall beliebt und gerngesehen machen müffen l — Und wie zufrieden mögen wohl die Leute sein, die mit und unter ihm zu arbeiten haben I Was sagst Du nur zu dem herrlichen Liede, das seine wundervolle Stimme weit in den Wald'hinein trug? Hast Du je etwas Schöneres gehört ? Und dieses Lied, das so wunderbare Erinnerungen in mir wachrief — das ist sein Lied. Als die Herren da waren wegen der Wegebauten und Du uns auf kurze Zeit verließest — da erfuhr ich es. Ach, mein guter Papa, unser Wald ist herrlich, so herrlich, wie er weit und breit nicht ist, aber etwas fehlt ihm — das Meer, das seine Wellen an unsere Abhänge oder Grenzhügel wirft."
Hertha fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Als ich vor zwei Jahren auf der Oberförsterei Warnow war, da haben Hildegard und ich täglich stundenlang hinabgeschaut von den Buchenhöhen Wollins auf das majestätische Meer oder an den Ufern den Wellen gelauscht, was sie erzählten von fernen Ländern und dem Reichthum und der Pracht de« Meeresgrundes. Wenn die goldene Sonnenscheibe mit ihrem Purpur in ihrer erhabenen Ruhe hinabstieg in die ewigen Fluthen — ach, mein lieber Vater — alle diese schönen Erinnerungen zogen an meinen Augen vorüber — in seinem Liede."
„Nun, meine Tochter, ich bin ganz Deiner Meinung, konnte ich mir doch schon Dein Urtheil denken. Er ist ein edler Mann. In meinem Leben habe ich viele gute Menschen kennen gelernt, aber so sympathisch wie dieser Mann war mir selten einer. Aber sage mir, Hertha, woher kennst Du denn diesen Mann?"
Hertha sah ihren Vater überrascht an. „Woher weißt Du nur, Vater, daß ich diesen Herrn kenne? Noch habe ich mit keinem Menschen davon gesprochen!"
„Nun, mir «ar es nur so, als wenn Du ihn längst kennen mußtest!"
„Ja, lieber Vater, ich kenne ihn allerdings, aber nur zweimal im Leben ist er mir begegnet. Als ich damals von Tante Walten kam, als sich der Zug verspätete, stieg er in das nämliche Coupse, doch fuhr er nur bis zur nächsten Station; dann sah ich ihn wieder auf dem Balle in Danzig, als ich mit Tante Doctor Einkäufe zu meiner Aussteuer machte."


