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Manz der Wett und gab ihm Kraft, den Lockungen derselben zu widerstehen. So bewahrte er fich den inneren Frieden und die Achtung vor sich selbst.
Die Jugendgefährtin hatte er nicht wiedergesehen, aber selbst in dem Wogen und Wallen seines reich bewegten Lebens hallten süße Melodien aus der Kinderzeit in seinem Herzen wieder; er konnte die süße Kleine niemals vergessen.
Einmal, als er zu den Ferien nach Hause kam, folgte er willenlos dem geheimen Machtgebot seines Herzens, das ihn zu diesem Mädchen hinzog. Er schlich aus Umwegen, wo er hoffte, von Niemand gesehen zu werden, durch Wald und Wiesen zu dem Hügel, auf dem, umgeben von einem bäum« und buschreichen Garten, das Magdalenenstist lag, in welchem Hanna und Tante Regina eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.
Der Garten war mit einer dichten Hecke umgeben, er fand bald eine Lücke, durch welche er schauen konnte. Nur mit einem flüchtigen Blick wollte er sich an ihrem Anblick er» freuen und dann wieder gehen. Ob sie wohl ahnte, daß er hier draußen stand und wie sehnsüchtig sein Herz nach ihr verlangte?
Der Zufall war ihm günstig, denn bald darauf trat Hanna aus der breiten Klosterpforte und schritt langsam den Kiesweg entlang, der an Rasenflächen und hübschen Gebüschgruppen vorbei zur Hecke führte. Wie eine Lichtgestalt schwebte sie daher und gelangte bald in seine Nähe. Curt stand regungslos, wie selbstvergessen im Anschauen versunken. Die Gefährtin seiner Kinderspiele war zu einer herrlichen Mäbchenblume herangereist, sie war hinreißend schön in unbewußter Anmuth und Lieblichkeit. Sein Herz klopfte mit stürmischen Schlägen und eine große, nie gekannte Seligkeit erfüllte ihn plötzlich mit Wonneschauern. Die freundschaftliche Zuneigung und alles das, was ihn bislang zu diesem holden Mädchen hingezogen, glich nicht im Entferntesten dem heißen stürmischen Gesü^l, welches jetzt jäh wie der Blitz in seinem Innern erglühte. In diesem Augenblick schwiegen alle Stimmen nüchterner und kühl überlegender Vernunft, die verborgenen Flammen einer starken Liebe loderten empor und er fühlte, daß er unauflöslich an sie gebunden war und eines Tages fein Schicksal mit dem ihrigen vereinigen mußte. Und fort- gerissen von der Gewalt der so plötzlich und leidenschaftlich aufwallenden Empfindungen und einem inneren Impulse folgend, riß er hastig eine Hand voll Vergißmeinnicht ab, welche zu seinen Füßen am Wegrande blühten und schleuderte sie über die Gartenhecke. Die blauen Blümchen flatterten dem Mädchen um Kopf und Schultern. Aber nun rannte er davon, Schamröthe im Gesicht und mit fiebernden Pulsen- Ec ahnte natürlich nicht, daß Hanna sein rothes Cereviskäppchen bemerkt hatte, welches grell durch das grüne Laubwerk der Hecke leuchtete und daß sie ihn erkannt und auch seinen schnellen, fluchtähnlichen Rückzug gesehen hatte.
Dann hatte sie mit zitternden Fingern die kleinen Liebesboten von der Erde aufgesammelt, sie mit den blühenden Lippen berührt und an den zarten Busen gesteckt- Doch währenddem waren heiße Thränen unter ihren langen Wimpern hervorgequollen und langsam über die rosigen Wangen geflossen. Ach, sie hatte ihn so lieb, so unsäglich lieb und es war gewiß nichts Unrechtes, den Gefährten ihrer Kindheit so innig zu lieben, — aber er schien nichts mehr von ihr wissen zu wollen, er mied sie und lief wie gejagt über Stock und Stein, um nur au» ihrer Nähe zu kommen.
Die arme Hanna war an diesem Tage wie im Fieber, sie konnte in der Nacht nicht schlafen, sondern weinte bis zum Morgen. Sie halte allen Glauben an Curt verloren und sah sich für alle Zeit von ihm verleugnet und verlassen. Am liebsten wäre sie gestorben, denn die Trennung war ihr bitter- schwer-
Curt hatte keinen Versuch mehr gemacht, sich der still Geliebten noch einmal zu nähern. Mit keiner Silbe wollte er ihr seine leidenschaftliche Neigung offenbaren und sie an sich fesseln, ehe er ihr eine gesicherte Zukunft bieten konnte Er wußte die glühenden Gefühle in seiner Brust zu beherrschen, denn er war eine eigenartige, edle und tiefe Natur,
ohne alle Selbstsucht und Egoismus. Erst dann, wenn er sich eine feste Stellung mit gutem Einkommen errungen, dann wollte er vor sie hintreten und sie fragen, ob sie sein Weib werden könnte. Und diesem schönen Ziele strebte er entgegen mit der ganzen Energie seines Wollens und Könnens und mit unerschütterlicher Consequenz.
Doch darüber vergingen Jahre; die juridische Laufbahn ist langwierig und theilweise aussichtslos. Aus dem jungen, lebensfrohen Studenten wurde ein rastlos arbeitender, ernster 1 Mann, der schnell vorwärts kommen wollte. Er wurde an verschiedenen Amtsgerichten als Referendar beschäftigt, um später nach glänzend bestandenem Staatsexamen als unbesol- betet Assessor eine Stellung in Berlin zu finden- Aber da» war nicht das Ziel, das er ersehnte. Da er kein Vermögen besaß und sein Vater, der Herr Landrath von Brrtenstein, es niemals verstanden hatte, Schätze zu sammeln, war er aus fich selbst angewiesen, um seine Position im Leben zu behaupten und einen Hausstand zu gründen. So schien es ihm als hohes Glück, als er endlich nach langem Hoffen und Harren in einer kleinen, aber freundlichen ostpreußischen Stadt zum königlichen Amtsrichter ernannt wurde.
Nun war er in Amt und Würden mit reichlichem Einkommen, nun konnte er seine Hanna heimführen an den eigenen Herd.
Und es mar wunderbar, heute hatte der Zufall die beiden so lange Getrennten wieder zusam nengeführt und ste strebten einem gemeinsamen Reiseziele zu, dem kleinen, alterthümlichen Städtlein in den grünen, frischen Harzbergen, ihrer trauten Heimath, Aber ste saßen sich stumm und fremd gegenüber, und fanden keine freudigen Worte des Wiedersehens. Sie hatten sich verloren und konnten sich nicht wiederfinden.
Curt hatte lange träumerisch vor sich hingestarrt, reguW- los, wie versteinert. Dann schaute er forschend zu Hanna hinüber- Ihre Blicke begegneten sich und senkten sich tief ineinander. Aber sch u und ängstlich ließ das Mädchen die langen Wimpern niederfallen, daß sie dunkle Schatten auf den erbleichten Wangen bildeten.
Ein Schatten ging über die Stirn des jungen Mannes hin, er strich sich krampfhaft den dunklen Schnurrbart. Er wußte genau, daß er dieses feinfühlende Wesen durch sein langes Fernbleiben bitter verletzt und tief gekränkt hatte, « wußte auch, was in ihr vorging, denn jede Regung ihre» Innern spiegelte sich in ihren Blicken, in ihren reinen Zügen ab. Jetzt galt es, ihr ohne Säumen Aufklärung über sein räthselhaftes Verhalten zu geben, ihr Alles zu erzählen und ihre Verzeihung zu erlangen.
Es war ihm unmöglich, diesen seltsamen Zustand, dieser Hangen und Bangen, das ihn zur Verzweiflung brachte, länger zu ertragen und die nächsten Minuten sollten entscheidend sein für seine ganze Zukunst, für sein Lebensglück.
Und schnell entschlossen sprang er auf, warf sich vor dem erschrockenen Mädchen auf die Knies, ergriff ihre Hände und rief mit bebender Stimme: „Du mußt mich anhören, Hanna, Du mußt! Wende Dein Gesicht nicht ab, sondern blicke mir in die Augen. Und wenn Du Alles erfahren, dann wirst Da mir verzeihen und mich wieder lieb haben-"
In sieberhafter Hast, aber klar, ohne Rückhalt und durchaus verständlich erzählte er ihr, wie Alles gekommen sei und warum er sie so lange gemieden hatte.
In unsäglicher Verwirrung lauschte Hanna seinen Worten, sie zitterte wie Espenlaub. Sie war wie von schwerem Bann erlöst und alle Zweifel schwanden aus ihrem Herzen. Er liebte sie noch und unwandelbar hatte seine Zuneigung in ihm für sie gelebt, weder Raum noch Zstt hatte sie in Vergessenheit gebracht. Es überkam sie ein Gefühl der vollkommensten Glückes, bet süßesten Freude und als er geendet, da streckte sie ihm tief erschüttert und thränenden Auges beide Arme entgegen.
Und Curt zog das geliebte Mädchen leidenschaftlich an seine Brust und küßte ihre Stirn, ihr; Augen und Lippen in trunkenem, glühendem Entzücken-


