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„Angeschossen?" fragte Ella sehr naiv. „Wohin denn?" Nirkendorf zog die weißen Augenbrauen hinauf und
blinzelte.
„Still, Du Naseweis," sagte er, „in die Beine, damit er nicht davonläuft. Den alten Frank habe ich mir heraus- geklopft; wenn dann der Schuft kommt, kann's losgehen!"
„Aber das ist doch gefährlich!" rief Martha.
Birkendorf warf sich stolz in die Brust. Sin geringschätziges Brummen kam aus seiner Kehle.
„Ah bah! Ich stand oft mitten drin im Kugelregen und e» war nicht gefährlich. Diese Lappalie kann nur für den Dieb gefährlich werden. Wenn Ihr also einen Schuß hören solltet, so ängstigt Such nicht."
Das war sehr leicht gesagt; aber ziemlich unsicher erwiderte Martha: „Mich schreckt ein Schuß gerade nicht, aber —"
„Aber mich," rief Slla ängstlich dazwischen; „ich falle immer um vor Schreck!"
„Albernheit! 'S ist einsam hier oben bei Such, Mädel, ich weiß; aber nur ruhig, bald wird Leben in'« Haus kommen, wenn Martha erst den Sohn meine» alten Freundes zum Mann hat."
Schmollend verzog Martha den Mund.
„Papa, Du quälst mich stet» mit diesem Project und ich kenne den Herrn doch gar nicht!"
„Und ich mag ihn auch nicht!" eiferte Ella.
„Du bekommst ihn auch nicht!" sagte der Vater trocken. „Du, Martha, sollst ihn bald kennen lernen. Er soll nächsten» in der R^stüenz eintreffen, soll ein stattlicher Mann sein."
„Papa, hat er auch einen Schnurrbart?" wagte das Backsijchchen zu fragen.
„Weiß ich nicht; kümmert mich auch nicht!"
„Aber mich, Papa I Wenn er Maitha heirathen soll, muß er doch auch mich mit einem freundschaftlichen Kuffe beglücken und ich mag mich nun einmal nur von bärtigen Herren küffen lassen."
Martha wendete sich unwillig ab.
„Slla — wahrhaftig, Du bist noch ein Wickelkind!"
Hauptmann Birkendorf war anfangs total niedergedonnert. Solche Rede aus dem Munde feines Kindes war ihm neu. Mit beiden Handflächen schlug er klatschend auf seine Kniee.
„Wa—s?" rief er. „Du redest von Küfferet? Mädel, weißt Du denn schon, was das ist?"
„O ja — nichts Unrechtes!"
Gravitätisch erhob sich Birkendorf.
„Wieviel ist zwei mal zwei?" examinlrte er mit wahrer Stentorstimme.
„Vier!" erwiderte Ella sehr exact.
„Ich wollte Dir damit nur sagen, daß Du erst an Deine Schulaufgaben denken solltest, ehe Du an solchen Unsinn denkst!"
Sc schüttelte da« Haupt, daß der weiße Zipfel der Mütze einen anhaltenden Hopprwalzer machte.
„Da brat' mir einer einen Storch! Jetzt denkt da» Mädel schon an den Luxus! Hihihi!"
Mit beiden Händen faßte Ella die Spitzen de» Schnurrbartes und lächelte dem Papa offen in's Gesicht.
„Bist Du mir böse, Papachen?"
Sie zog die Spitzen auseinander, daß Birkendorf einen lächelnden Mund machen mußte. Er gab sich auch zufrieden und k opfte seiner Jüngsten auf dis frische Backe.
„Nun legt Such zu Bett und verschlaft b e leichten Gedanken ; ich wache für Such. Schlaf' wohl, Sllchen — loses Ding — Du ebenfalls, Martha."
Er reichte Beiden die Hande und verließ dann mit der nochmaligen Aufforderung, sich zur Ruhe zu begeben, brummend das Zimmer.
2. Einbruch!
Der Papa war fort; in dem Raume herrschte eine Weile Schweigen, nur die Lampe surrte ganz leise, als säße eine winzige Spinnerin unter dem Rosenschirm und ließe ihr Räbchen rollen.
Martha nah« ihre Blume« zusammen und legte sie in einen dastehenden Karton.
Aengstl-.ch näherte sich Ella.
„Ach Gott, hab' ich eine Angst! Ich kann nicht schlafe«, wenn es dann so plötzlich knallt —"
„Nun, wenn Du im Bette liegst, kannst Du wenigsten» nicht umfallen," erwiderte Martha kurz.
„Aber herausfallen kann ich!" flüsterte die Schwester i« ihrer Angst.
Martha fand diese Worte wiederum sehr unpassend.
„Du bist ein ungezogenes Kind," sagte sie; „der spanische Ritter hatte auch sehr recht, al» er Dich mit einem jungen Spatz verglich!"
Dies reizte Ella; sie war beleidigt.
„Schwester," stieß sie hervor, „das — das ist bö» von Dir! Du meinst, ich wäre noch zu jung, ich hätte noch keine Gefühle. Aber ich bin sechzehn und ein halbe» Jahr alt und da ist man schon eine Dame und ich weiß auch, warum Du Dich ärgerst; es thut Dir eben leib, baß Du — nicht auch so'n bärtigen spanischen Kuß bekommen hast!"
„Ella -"
„Jawohl — so ist es, ich weiß es ja!" Sie fing laut an zu schluchzen. „W nn Du mich lieb hättest, wü— würbest Du mir ben einen Kuß gönnen, Du — weißt doch, daß ich so etwas — so selten zu schmecken bekomme. Du erhältst, wenn Du verheirathet bist, eine ganze Menge von Küffen — jede Frau bekommt die — das weiß ich au» der höheren Töchterschule!"
„Recht hübsche Sachen lernt Ihr dort!"
Das Backfischchen trocknete schnell die Thränen und warf schnippisch hin: „O, da lernt man noch viel mehr!"
Der Eintritt des Mädchens schnitt eine weitere Erwiderung Marthas ab.
„Ich habe Alles durchsucht, ich fand nichts, Fräulein."
„Laß nur," wendete sich Ella an dos Mädchen und unverkennbar sprach der Schalk aus ihren Worten: „Das Band, das haben wir jetzt schon."
„Nun zu Bett!" gebot Martha. „Trage die Blumen hinein, Marie, wir folgen bald nach."
Das Mädchen streifte mit der Hand leicht über die schlaftrunkenen Augen, nahm den Karton und ging vorauf nach dem Schlafzimmer.
Martha, schon im Begriff, zu gehen, Iblieb plötzlich stehe« und horchte auf- v
„Pst! — Ist das nicht ein Geräusch dort am Fenster? — Da — schon wieder!"
Wirklich vernahm man ein verdächtiges Streifen und Knarren außerhalb des Fensters. Es war kein Zweifel, e« kletterte Jemand die Mauer herauf.
„O Gott, o Gott!" wimmerte Ella voller Angst. „Ich falle gleich um —"
Die lange Gardine am Fenster bewegte sich stark; der Nachtwtnd konnte es nicht gut sein.
„Gräßlich!" ziiterte das Backfischchen wiederum. „Wenn'» der Dieb wäre, der in den Taubenschlag will! Ich kann mich nicht rühren vor Schreck, da — schon wieder! Wenn ich jetzt nur ein Spatz wäre, dann flöz' ich davon!"
Krampfhaft hielten sich die Beiden umfaßt und starrten nach dem Fenster. Wie eine Welle schwellte sich die Gardine — jetzt sprang Jemand hinter ihr auf ben Fußboden, — sie theilte sich rasch und — mitten im Zimmer stand ein fremder junger Mann.
Er trug kein Banditencostüm, im Gegentheil, er befand sich in vollständiger Balltoilette. Ein leichter Ueberrock hing offen über dem eleganten Frack, nur in der Hand hielt er wie spielend einen kleinen zierlichen Dolch. Er mochte kaum fünfundzwanzig Jahre zählen; ein schöner, interessanter Kopf saß auf den nicht zu breiten Schultern- Dunkle, blitzende Augensterne funkelten die beiden Damen an, die beim Erscheinen des nächtlichen Eindringlings gleichzeitig einen halberstickten Schrei ausstießen.
(Fortsetzung folgt.)


