Die Tochter des Meeres.
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(Schluß.)
„Sie werden mich entschuldigen, wenn ich nicht weiter auf Einzelheiten eingehe/ entgegnete Frau Digby, „aber ich hatte sehr triftige Gründe, weshalb ich nicht länger die Aufsicht, von der Sie sprechen, übernehmen konnte. Deshalb jedoch hat sich mein Interesse an dem lieben Mädchen nicht verringert und ich dachte soeben daran, daß ich diese Kleinigkeit an die in der Aufforderung angegebene Adresse schicken und damit zugleich die Mittheilung verbinden könnte, daß meinem besten Wissen nach Miß Cora sich von hier aus nach Deutschland begeben und dort jedenfalls das Haus ihrer Kindheit aufgesucht hat, wo man entweder sie selbst oder eine weitere Spur von ihr finden wird."
„Ich freue mich, Ihnen diese Mühe ersparen zu können, Frau Digby," erwiderte der Herzog höflich. „Ich bin zwar zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, doch kann ich Ihnen so viel sagen, daß sehr Wichtiges von Miß Cora« Aufsinden abhängt. Und wenn ich durch Ihre Hilfe im Stande sein sollte, etwa« dazu beizutragen, so können Sie sich darauf verlassen, liebe Frau Digby, daß es nicht an Dank von Ihrer Freunde Seite fehlen wird."
Frau Digby schüttelte den Kopf und sagte: „Mein lieber Herzog, solche egoistische Gedanken sind mir fern. Theilen Sie dem Mädchen lieber mit, daß ich sie nicht vergessen habe und daß meine besten Wünsche für ihr ferneres Glück und Wohlergehen sie begleiten."
Der Herzog verbeugte sich zwar höflich, obwohl das leichte Lächeln, in dem mehr Spott als Heiterkeit lag, nicht ganz Frau Digbys Wünschen entsprach.
„Sie werden die Freude haben, Ihre guten Wünsche vielleicht glänzender, als Sie vermuthen, erfüllt zu sehen. Miß Cora« Zukunft wird in der That einen auffallenden Contrast zu den Sorgen und Demüthigungen ihre« früheren Lebens bilden."
Lim-tag öee 8. August
Nr. 98
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zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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„Netta, ich denke, Du gehst und machst Lady Marston einen Besuch," sagte Rupert zu seiner jungen Gemahlin, als sie und der Gräf wenige Tage nach Lord Trevilles Visite auf Schloß Biddulph zusammen beim Frühstück saßen. „Nach ihrem Verlust ist es nur eine nothwendige Aufmerksamkeit und wir find ja auch entfernte Verwandte."
„Und Du willst wohl, daß ich dabei tiefe Trauer anlege und Thränen vergieße?" unterbrach die junge launische Frau ihn heftig. „Du bist gegen Alle übertrieben rücksichtsvoll, nur nicht gegen mich. Dich je nach meinen Wünschen zu richten, da« kommt Dir nie in den Sinn. — Schade, daß Du nicht Lady Marian geheirathet hast, wenn sie Dir so am Herzen liegt. Findest Du es nicht sehr unfreundlich und rücksichtslos, Onkel?" fuhr sie fort, indem sie sich mit kindischem Schmollen zu ihrem Schwiegervater wendete. „Ich habe doch noch kein einziges Vergnügen gehabt, feit ich verheirathet bin und ich dachte doch, daß er ein Ende nehmen würde, sobald ich erst fort von dem gräßlich langweiligen Platze wäre."
„Jedenfalls, Rupert, halte ich es für richtig, noch mit dem Besuche zu warten," antwortete Lord Treville ruhig. „Es wäre unter allen Umständen eine sehr peinliche und unnöthige Aufgabe für Deine Frau."
„Wie Du willst, Vater," entgegnete Rupert ungeduldig. „Er ist vielleicht ebenso gut, wenn Du die Führung der Frau übernimmst, die Du für mich gewählt hast. Du bist mehr daran gewöhnt, mit den Faros zu verkehren, als ich."
Rupert bereute diesen Vorwurf, sobald er ihn ausgesprochen hatte; es war nur der Ausbruch seines ungestümen Temperaments darüber, daß ihm die schönsten Hoffnungen durch seine eigene Verblendung zerstört worden waren. Cora und Marian Biddulph waren in der That mehr als gerächt durch die bittere Reue, die sein Glück vergiftete.
Auf Rettas Antlitz flammte die Zornerröthe auf, und ihre nächsten Worte würden wohl bewiesen haben, daß sie nicht so ganz als eigensinniges Kind zu betrachten sei, sondern daß sie. auch etwas von dem eifersüchtigen Stolz einer Frau an sich trug; aber in demselben Augenblicke wurde die Thür des Frühstückszimmers geöffnet und der Diener meldete: „Der Graf und die Gräfin von Belfort und der Herzog von Dunbar find im Bibliothekzimmer, Mylord, und wünschen Sie in wichtigen Angelegenheiten zu sprechen."


