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sie zornig. „Nein! Nur im Widerspruch mit dem Wunsche meines Vaters erbat ich mir Bedenkzeit. Glücklicherweise habe ich hierin nie geschwankt und von jetzt an sind wir — geschieden. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen I"
XLIL
Der Herzog von Dunbar war von Marian zurückgewiesen worden I
Bei all' seinem Rang und Reichthum und persönlichen Vorzügen gestand er sich doch seine Schuld an dem Bruche ein, als er an dem Nachmittage Lord Marstons Haus verließ. Doch war wenig von dem Aerger eines abgewiesenen Bewerbers auf seinem Gesichte zu lesen, als er die Straßen nach seinem Club dahinschritt. Ebensowenig scheute er ein Zusammentreffen mit seinen zahlreichen Freunden in diesem vornehmen Verein.
„Ah, Graf Bettunei Sie sind hier? Ich glaubte, Sie hätten sich heute Morgen Ihren Pflichten opfern müssen," sagte er, dem Diplomaten freundlich zunickend, den er im Club bei den Zeitungen fand.
„Nein, glücklicherweise war die Berathung eine sehr kurze und ich entschlüpfte. Ach, Herzog, Sie Glücklicher, daß Ihnen solche Arbeit erspart bleibt!" erwiderte der Diplomat achselzuckend. „Ihr Engländer werdet stets darauf bestehen!"
„Haben Sie schon von dem Unglücke gehört, das vor kaum einer halben Stunde einem Ihrer Bekannten zugestoßen ist?" sagte der Graf plötzlich.
Der Herzog sah erschreckt von der Zeitung auf, die er zur Hand genommen hatte.
„Von wem reden Sie, Graf? Ich hoffe, nicht von einem meiner Freunde."
»Ich glaube wohl .... wenigstens sah ich Sie neulich mit ihm und seiner Tochter im Park reiten. Ich meine den Grafen von Marston."
Der Herzog machte eine Bewegung de» Schreckens.
„Gerechter Gott! Was ist geschehen? Er hat sich doch nicht gesährlich verletzt?" rief er.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es wird bei dergleichen Dingen so viel geredet. Aber ich hörte, daß er den Arm gebrochen habe," lautete die Antwort.
Der Herzog verweilte noch eine Weile im Club in der Hoffnung, Genaueres über den Unfall zu hören, und als ein Mitglied nach dem anderen kam, konnte er aus den Aeußerun- gen ersehen, daß des Grafen Mittheilung ziemlich der Wahrheit entsprach. Lord Marston war die belebte Bondstreet hinabgeritten, als fein Pferd plötzlich scheute und dann wie toll dahinjagte. Am Ende von Green Park warf es seinen Reiter ab, der bewußtlos aufgehoben wurde.
Der Herzog fühlte etwas wie einen leisen Vorwurf seines Gewissens und doch war er völlig davon überzeugt, bei dem soeben stattgefundenen Bruch nicht ehrlos gehandelt zu haben. Ebenso war er froh darüber, daß der Kranke nichts davon erfahren würde, bis er wieder genesen.
Noch an demselben Abend, sowie am nächsten Morgen ließ er sich nach dem Befinden des Kranken erkundigen.
„Der Graf hat den Arm gebrochen und verschiedene schwere Verletzungen erlitten," lautete die Antwort, „aber die Aerzte erachten den Fall nicht sür hoffnungslos."
Und so war es. Wenige Stunden, nachdem Lady Marian Biddulph den Bewerber abgewiesen hatte, den ihr Vater zu ihrem Verlobten erwählt hatte, saß sie zu des Vaters Pflege an seinem Bette. Es war eine seltsam plötzliche Ableitung ihrer Gedanken für die reiche Erbin und wieder und wieder verglich sie ihr Schicksal mit dem de» unbekannten Mädchens, gegen das sie in ihrem eifersüchtigen Neid so hart gewesen. Was nützten ihr nun ihre Reichthümer und Titel, wenn sie ihr nicht die wahre, uneigennützige Liebe eines einzigen Menschen verschaffen konnten? Lord Belfort und der Herzog von Dunbar hatten Beide die Ketten, die sie ihnen auferlegt hatte, ohne anscheinende Anstrengung abgeschüttelt und sie lächelte mtter bei dem Gedanken an ihre kindliche Hingebung zu dem Einen und an ihre aufopfernde Geduld mit der Werbung des
Anderen. Cora aber konnte ihrer Umgebung wie durch Zaubetr Liebe entlocken. Ohne Geld, ohne Rang, ja sogar ohne Namen, mit einer Wolke von Verdacht über ihrem Haupte, hatte die Unbekannte die Herzen Aller gewonnen, sie hatte den hübschen Fremden, den Marian noch nicht wieder vergessen konnte, wie ein Magnet über das Meer herübergezogen und, wie die Erbin fürchtete, auch bei dem Herzog von Dunbar ein auffallendes und dauerndes Interesse erregt. Woher kam das? Warum mußte sie so einsam und verlassen am Lager des vielleicht einzigen Menschen wachen, der sie wirklich liebte? Wenn er starb, würde sie freilich auf einer hohen Stufe stehen und doch schrack Marian mit einem Gefühl von Verzweiflung vor der einsamen Höhe zurück, das nur die plötzliche Erinnerung an Frau Astons seltsame Erzählung und ihre dunklen Ahnungen ein wenig zu lindern vermochten. Und ihre Phantasie malte sich das mögliche Ereigniß aus, wenn sie ihres Ranges und ihrer hohen Stellung verlustig werden sollte. Hatte sie recht daran gethan, den sicheren Schutz, den die Herzogskrone ihr in jedem Unglücksfall gewährt hätte, von sich zu weisen? In dem Moment, wo sie wieder auf das bleiche Antlitz ihres Vaters blickte, hätte sie gern ihr ganzes Besitzthum für ein einziges treues, liebendes Herz hingegeben.
Sie stand plötzlich auf und begab sich in da» anstoßende kleine Zimmer. Es war eine Art Studienzimmer, welches vom Grafen aber hauptsächlich als Arbeitszimmer und zur Aufbewahrung seiner wichtigsten Papiere benützt wurde.
Lady Marian wußte genau, wo ihr Vater seine Briefe, Papiere und seine anderen kleinen Schätze aus der Vergangenheit, die von früheren Generationen auf ihn übergegangen waren, aufbewahrte. Sie hegte ein ununterdrückbares Verlangen, diese Behältnisse jetzt zu durchsuchen und den Schleier von vergangenen Familienereigniffen, die man ihr verheimlichte, zu lüften.
Ihr Vater schlief. Die Aerzte meinten, es sei keine augenblickliche Gefahr und Marian war ja nahe genug, um die leiseste Bewegung des Kranken zu hören.
Sie nahm die Schlüssel, die sie selbst aus ihres Vaters Kleidern genommen, als man ihn zu Bette gebracht hatte, und öffnete den Schrank, in dem diese Reliquien aufbewahrt waren.
Derselbe enthielt Fächer und aus diesen lagen Packete mit genauer Aufschrift ihres Inhaltes und kleine Kästchen, die allerhand Gegenstände in sich schloffen, welche dem früheren Zweig der Familie angehört hatten. (Forts, folgt )
Madame Sans Gdne.
Roman »ach Bictorien Sardou und F. Morr««», Deutsch von Adel» Berger.
(Fortsetzung.)
Als Leonard diesen Brief gelesen hatte, stieß er einen Schrei der Ueberraschung und der Freude au».
„Sapperlot, das kann ein Vermögen bedeuten," sagte er.
Er drehte und wendete den Brief Blanches zwischen seinen Fingern, als könne er aus diesem geheimnißvollen Schwamme alles Gold herausdrücken, das er zu enthalten schien.
„Ich habe schon längst etwas geahnt," sagte er mit einer lachenden Grimasse, der Herr Baron wollte das Fräulein, und das Fräulein wollte durchaus nicht den Herrn Baron. Aber das hätte ich mir nicht gedacht, daß Blanche von La- valine ein Kind hat, und was ich noch weniger geahnt hätte — daß sie das dem Herrn Baron mittheilen würde! Wie dumm die Frauen sind! Diese kleine Blanche ahnt nicht, was für eine Dummheit sie gemacht hat. Nein, nicht so wie sie es glaubt — ein Kind mehr oder weniger, das thut nichts — aber die Dummheit besteht darin, dieses Geheimniß dem Papier anvertraut zu haben. Glücklicherweise bin ich da."
Er hielt inne, näherte den Brief der Laterne, deren zweifelhaftes Licht den Stall mit einem Spiel von Schatten


