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„Vor seiner Abreise hat der Baron einen Brief erhalten, den ich, ach, unter tausend Thränen schrieb. Sein Bedienter, von mir gewonnen, durfte ihm diesen Brief erst übergeben, wenn er die Grenze hinter sich hatte."
„Er weiß also?"
„Die Wahrheit. Er weiß jetzt, daß ich Dich liebe, und daß unser kleiner Henriot keinen änderen Vater haben kann, als Dich."
„O, meine geliebte Blanche, meine angebetete Frau, Du gibst mich dem Leben wieder! Mir scheint, daß ich jetzt wieder die Kraft haben werde, aufzustehen und den Kampf gegen die Sansculotten wieder aufzunehmen!"
Und Neipperg machte in seiner Ueberreizung eine so heftige Bewegung, daß der Verband von seiner Wunde verschoben ward, die Wunde sich öffnete und ein Strom von Blut herausfloß.
Er stieß einen lauten Schrei aus, der Catherine herbeilockte, und die beiden Frauen ordneten so gut sie konnten, den Verband und preßten die Wunde wieder zusammen.
Neipperg war in Ohnmacht gefallen.
Nur langsam kam er wieder zu sich, und seine ersten abgebrochenen Worte ließen sein Geheimniß entschlüpfen.
„Blanche — ich sterbe — wache über unser Kind," murmelte er.
Als Catherine diese Enthüllung vernahm, machte sie eine Geberde höchsten Erstaunens.
„Wie, die arme Blanche hat ein Kind!" dachte sie, aber gleich darauf wandte sie sich zu der jungen, beschämt die Augen niederschlagenden Frau und sagte lebhaft: „Fürchten Sie nichts; was ich da hörte, ist zu einem Ohr herein- und zum andern hinausgegangsn. Wenn Sie aber meiner bedürfen, so wiffen Sie, daß Catherine Ihnen vom Kopf bis zu den Füßen gehört. Seien Sie doch nicht so verzweifelt. Ist das Engelchen schon groß? Ich bin überzeugt, daß es sehr herzig ist."
„Er ist bald drei Jahre alt."
„Und wie heißt er?"
„Henri — wir nennen ihn Henriot."
„Das ist ein hübscher Name. Könnte ich ihn sehen, Fräulein?"
Blanche überlegte.
„Höre, meine gute Catherine, Du könntest mir einen großen Dienst erweisen und so beenden, was Du so gut begannst, indem Du den Grafen Neipperg aufnahmst und pflegtest."
„Reden Sie — was habe ich zu thun?"
„Mein Sohn befindet sich in der Umgebung von Paris bei einer braven Frau, der Mutter Hoche, in Versailles."
„Mutter Hoche, die kenne ich ja! Ihr Sohn ist ein Freund von Lefebvre. Lefebvre, das ist mein Geliebter, besser gesagt, mein Mann, denn ich werde auch heirathen und einen kleinen Henri haben — viele kleine Henris . . ."
„Ich wünsche Dir Glück! Du wirst also Mutter Hoche aufsuchen . . ."
„Wie sich das trifft, ich habe gerade einen Auftrag an sie von ihrem Sohn Lazare, der mit Lefebvre bei der französischen Garde war — Lefebvre hat ihn einexerziert, sie haben zusammen die Bastille gestürmt . . . Und was soll ich der Bürgerin Hoche sagen?"
„Du mußt ihr dies Geld und diesen Brief übergeben," sprach Blanche, indem sie Catherine eine Börse und ein Papier reichte. „Dann wirst Du das Kind nehmen und zu Dir schaffen ... Ist das zu viel verlangt, Catherine?"
„Warum nicht gar! Sie wiffen, wenn Sie mir befehlen, ganz allein die Tuilerien wieder einzunehmen, falls die Schweizer wieder zurückkommen, so thäte ich es für Sie! Zu viel verlangt! So eine Dummheit! Verdanke ich es nicht Ihnen, daß ich dieses Geschäft kaufen, mich etabliren konnte und nun bald die Bürgerin Lefebvre fein werde? Nein, Sie müssen mir ganz etwas anderes
auftragen, das genügt nicht! Und was habe ich zu thun, wenn ich den Kleinen von Versailles fortgenommen habe?"
„Dann wirst Du ihn mir bringen . . ."
„Wohin?"
„In das Schloß Lowendaal bei dem Dorfe Jemappes. Das ist in Belgien an der Grenze. Könntest Du dort hin- kommen?" *
„Für Sie setze ich mich allem aus! Wann habe ich mit dem Kinde in Jemappes zu sein?"
„Spätestens am 6. November."
„Gut, ich werde dort sein. Lefebvre muß mich fortlassen — übrigens werden wir dann schon verheirathet sein, und wer weiß, vielleicht kommt er mit — es wird dort zu thun geben."
„Umarme mich, Catherine! Möge ich Dir eines Tages für das, was Du an mir thust, dankbar sein können!"
„Sie haben Alles schon im Voraus gethan, rechnen Sie auf mich."
„Also in Jemappes!"
„In Jemappes, am 6. November."
Dann deutete Blanche von Lavaline auf Neipperg.
„Er schläft, ich werde bei ihm wachen. Geh' an Deine Arbeit, Catherine, denn wir haben Dich gewiß sehr gestört."
„Ich habe es Ihnen bereits gesagt, Sie sind hier zu Hause. Aber sehen Sie, er erwacht," fügte sie hinzu, da der Verwundete langsam die Augen aufschlug. „Sie haben einander gewiß noch viele Dinge zu erzählen, und dabei bin ich überflüssig."
„Wie, Du gehst fort? Du läßt mich allein?"
„O, ich bleibe nicht lange aus. Ich will bloß einem Kunden, der nicht weit wohnt, seine Wäsche hintragen, d/rnn komme ich wieder- Oeffnen Sie Niemandem, als dem Arzte, den ich Ihnen schicke! Auf Wiedersehen."
VII.
Der Miether im Hotel de Metz.
Während Graf Neipperg und Blanche von Lavaline in einem köstlichen tete-ä-tete Zukunftspläne machten und von ihrem Kinde sprachen, hätte Catherine einen mit Wäsche gefüllten Korb über den Arm gehängt und schickte sich zum Fortgehen an.
Sie wollte die Zelt benützen. Die Liebenden plauderten, würden also ihre Abwesenheit nicht Übelnehmen, und ohnehin war der ganze Vormittag für die Wäscherin verloren gegangen. Freilich werden nicht jeden Tag die Tuilerien eingenommen, aber ein bischen mußte der Zeitverlust doch eingeholt werden.
Sie dachte über die Ereignisse nach, die sich an diesem Tage vollzogen hatten. Fortan hatte sie die Sorge für Andere übernommen- Neipperg billigte nach seinem Erwachen vollkommen das Vertrauen Blanches, die sie beauftragte, den kleinen Henri von der Mutter Hoche fortzunehmen und nach Jemappes zu bringen. Sobald er einmal genesen war, wollte er die Mutter seines Kindes aufsuchen, dem Zorn des Marquis von Lavaline Trotz bieten und Blanche dem Bars« Lowendaal streitig machen, wenn nöthig mit dem Degen w in der Hand. (Fortsetzung folgt.)
V-rmMcht-s.
Abwarten. A.: „Ist der Herr, der Ihnen die Cigarre gegeben hat, ein Freund von Ihnen?" — B.: „Dar weiß ich nicht, ich habe sie noch nicht angezündet."
* •
Ein Vorschlag zur Güte. Er: „Aber, Fräulein Elsa, wer wird wegen eines Kusses gleich so böse sein?" -- (Sie schmollt weiter.) — Er (küßt sie nochmals): „So, da haben Sie einen Versöhnungskuß! Nun seien Sie aber wieder gut!"
Redaction: I. SB.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,


